Archiv

Charles Gounods Faust in BerlinGretchens Kummer

Charles Gounods Faust-Oper ist eine Liebesgeschichte voller satter Klänge und eingängiger Melodien – ein Hit jagt den nächsten. Die Inszenierung an der Deutschen Oper ist schlicht. Und vom Orchester hätte man sich am Premierenabend auch mehr Klangzauber erwartet.

Von Julia Spinola | 20.06.2015

Nachtaufnahme der Deutschen Oper am 13.09.2012 in Berlin. Die Deutsche Oper feierte am 20. und 21. Oktober 2012 ihr hundertjähriges Jubiläum.
Nachtaufnahme der Deutschen Oper Berlin (picture-alliance / dpa-ZB / Britta Pedersen)
Effektvoll hat Charles Gounod in seiner Oper den gedankenschweren "Faust"-Stoff zu einer melodienseligen Liebesgeschichte mit prächtigen Chören, Balletten, Kavatinen und Arien umgeschrieben: Ein "Hit" jagt in seinem Werk den nächsten. Deshalb wohl arrangiert der Regisseur Philipp Stölzl die filmschnittartig wechselnden Szenen auf seiner Bühne wie die bunten Seiten eines Bilderbuchs. Die karge Einheitskulisse wird von einem monumentalen Turm dominiert, dessen Bedeutung sich den langen Abend über nicht recht erschließen will. Um diesen wuchtigen Schornstein herum dreht sich die Bühne wie ein Sushi-Laufband, auf dem die musikalischen Häppchen als lebende Bilder präsentiert werden: Junge Mädchen ziehen in grauen Schuluniformen auf Fahrrädern vorbei. Der Chor trägt pausbäckige Masken und Kostüme der dreißiger Jahre. Marguerite erscheint als Luftballon-Verkäuferin und als Kind auf einer Schaukel. Und der in sie verliebte Nebenbuhler Sièbel – eine von Gounod hinzuerfundene Figur – hüpft als Besitzer eines Bauchladens mit Lebkuchenherzen gar im Häschen-Kostüm herum. Dass es in diesem Märchenwald dennoch nicht nur harmlos zugeht, will Stölzl gleich zu Beginn der Ouvertüre zeigen, indem er das bittere Ende der zum Tode verurteilten Marguerite pantomimisch vorwegnimmt. Da sitzt sie neben der Todespritsche, auf der man sie später mit der Giftspritze hinrichten wird, und bekommt von der Henkersmahlzeit, die man ihr serviert, keinen Bissen herunter. Nichts ist geblieben von den glitzernden Verheißungen der ersten Liebe, die Gounod der Marguerite in der berühmten Juwelenarie so berückend schön in die Kehle komponiert hat.
Krassimira Stoyanova ist als sängerisch überragende Marguerite das musikalische Ereignis dieser Neufassung einer Inszenierung, mit der Stölzl 2008 in Basel Erfolg hatte. Alle Nuancen des Glücks, des Zagens und der Verzweiflung legt sie in ihren balsamisch strömenden, dramatischen Sopran. Dass man der gestandenen Sängerin, die von Ursula Kudma noch dazu in ein biederes Haushälterinnenkostüm gesteckt wurde, das junge Mädchen darstellerisch nicht abnehmen kann, versucht Stölzl dadurch aufzufangen, dass er ihr ein jugendliches Figuren-Double zur Seite stellt. Dramaturgisch ergibt das wenig Sinn innerhalb einer Aufführung, die sich ansonsten mit recht vordergründigen Einfällen begnügt. Plausibler, wenn auch nicht eben sonderlich originell, scheint es da noch, dass auch die Faust-Figur auf der Bühne verdoppelt wird, sobald Mephisto ins Spiel kommt. In poppigen Glitzeranzügen mit nackten Oberkörpern machen Faust und sein teuflisches Alter Ego den Märchenwald unsicher, fahren mit ihrem Hexenrudel Autoscooter oder rauchen auf dem Dach von Marguerites Puppenstuben-Wohnwagen ihre Zigaretten.
Teodor Ilincai legt sich als Faust mit schmachtendem Tenortimbre und vielen Schluchzern für seine Marguerite ins Zeug, als ginge es um eine große Verdi-Partie. Die mehr Schlichtheit erfordernde Clarté der Melodien Gounods ist seine Sache nicht. Besser aufgehoben ist sie bei Ildebrando D'Arcangelo, der seinem volltönenden Bass-Bariton als Mephisto dezente ätzende Zwischentöne abgewinnt. Vom Orchester der Deutschen Oper wiederum hätte man sich noch etwas mehr Klangzauber gewünscht, als es am Premierenabend unter Marco Armiliato gelang. Dennoch: Jubel für die Musiker - aber Buhrufe für den Regisseur.