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StartseiteUmwelt und VerbraucherDas giftige Erbe der Farbwerke Hoechst09.04.2019

Chemieabfälle im WesterwaldDas giftige Erbe der Farbwerke Hoechst

Die ehemaligen Farbwerke Hoechst in Frankfurt waren einst das drittgrößte Chemieunternehmen Deutschlands. Ein Jahrhundert lang wurden aber die Chemieabfälle in den Main geleitet. Nach einem Verbot in den 1960er-Jahren verschwand der Müll in Deponien - noch heute eine latente Gefahr für die Trinkwasserreserven.

Von Ludger Fittkau

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Ein Lastwagen passiert des Tor West des Stammwerkes der Farbwerke Hoechst AG in Frankfurt am Main.  (picture-alliance / dpa / Bildarchiv)
Sonderabfälle aus dem chemischen Prozess mussten bis in die 70er-Jahre in Ermangelung einer Verbrennungsanlage abgelagert werden (picture-alliance / dpa / Bildarchiv)
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Ein gras-bedeckter künstlicher Hügel im Westerwaldort Offheim, einem Ortsteil der Stadt Limburg an der Lahn. Am Rande des Hügels sind Edelstahltanks aufgebaut. In sie läuft über Schächte das Sickerwasser, das hier im Hügel abgefangen wird. Dieses Wasser darf nämlich nicht in die umliegenden Bäche gelangen, denn unter der Gras-Abdeckung des Hügels befindet sich eine große Giftmülldeponie. Hierhin wurde in den Jahren 1967 bis 1985 rund 1,5 Millionen Tonnen Chemieabfall transportiert - vor allem aus der der Produktion der damaligen Farbwerke Hoechst in Frankfurt am Main. Deshalb wird die Deponie auch heute noch im Industriepark Höchst in der Mainmetropole verwaltet. Der Geologe Horst Herzog ist dafür zuständig:

"Es gab eine Zeit, in der Sonderabfälle aus chemischen Produktionen eben nicht verbrannt werden konnten. Eine solche Sondermüll-Verbrennungsanlage ist beispielsweise hier im Industriepark Höchst Anfang der 70er-Jahre – 72/73 – gebaut worden. Und bevor diese Abfallverbrennungsanlagen in Betrieb gegangen sind, gab es keine Möglichkeit, Sonderabfälle - letztendlich alle Abfälle aus einem chemischen Prozess thermisch umzusetzen – das heißt sie mussten abgelagert werden."

Widersprüchliche Aussagen über Belastungsgefahr

Das Problem des Giftmüllberges in der Hügellandschaft des Westerwaldes: Die Deponie hat keine künstliche Basisabdichtung. Das bedeutet: Es besteht jederzeit die Gefahr, dass Giftstoffe aus der Deponie ins Grundwasser gelangen können. Bisher sei das nicht geschehen, betont Horst Herzog vom Deponiebetreiber. Die zuständige Aufsichtsbehörde, das Regierungspräsidium Gießen, bestätigt dies dem Deutschlandfunk auf Anfrage schriftlich:

"Im Abstrom der oben genannten Deponie wurden im Grundwasser bisher keine sanierungsbedürftigen Belastungen des Grundwassers festgestellt."

Ein wenig anders liest sich jedoch das Gutachten, das die Hochtief AG 2016 im Auftrag des Deponiebetreibers von Limburg-Offheim erstellt hat. Auf Seite 13 ist zu lesen:

"Andererseits wurde festgestellt, dass das Grundwasser in der unmittelbaren Umgebung der Deponie belastet ist."

Seit 1986 seien deshalb Deponie-Sickerwasserdränagen angelegt worden, gleichzeitig sei die Oberfläche des Giftmüll-Hügels abgedichtet worden, so die Hochtief-Gutachter. Damit "…begannen die Grundwasserkontaminationen ab 1986 zurückzugehen. Nur im tertiären Grundwasserleiter im Bereich der Talaue zeigten sich noch Zuwächse."

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Einig sind sich Behörden und Gutachter, dass aktuell keine Gefahr für die Trinkwasserentnahme im Dorf Elz "westlich der Deponie" bestehe. Doch auch der Geologe Horst Herzog vom Deponiebetreiber im Chemiepark Frankfurt-Höchst rät zu größter Wachsamkeit:

"Das Wesentliche bei einer Altdeponie ist eigentlich die Gewissheit, dass von dieser Deponie keine Belastung ausgeht. Und das kann ich natürlich vorhersagen, das kann ich berechnen. Letztendlich haben wir es aber wahrscheinlich alle gerne – ich zumindest – wenn ich die Hand drauflegen kann, dass das wirklich so ist. Letztendlich kann ich das ja nur durchführen, in dem ich zum Beispiel diese Deponien regelmäßig einer Oberflächenbeprobung unterziehe um festzustellen: Setzt sie sich in einer Art und Weise, die unnatürlich wäre. Indem ich mir das Grundwasser in den unterschiedlichen Grundwasserstockwerken anschaue und feststelle: Gibt es irgendwelche Stoffe, die drauf hindeuten, dass es eine Verbindung zur Deponie gibt."

Grundwasser-Reservoir ist vielen Verschmutzungsgefahren ausgesetzt

Wie wichtig es ist zu verhindern, dass Giftstoffe aus der Deponie Limburg-Offheim in tiefere Grundwasserspeicher gelangen, zeigt das Beispiel Südbaden. Axel Mayer vom Bund Umwelt und Naturschutz in Deutschland – kurz BUND - in Freiburg beschäftigt sich schon seit langem mit der Belastung des Grundwassers der Region durch Salzbergwerke und Giftmüll-Altlasten:

"Wir am Oberrhein haben theoretisch einen großen Schatz. Zwischen Schwarzwald und Vogesen haben wir eines der größten Grundwasser-Reservoirs Europas. Und wir erleben in der Realität, dass dieses Grundwasser-Reservoir immer weniger nutzbar ist für den Menschen. Wir haben diese Giftmüll-Probleme, wir haben Nitrat-Probleme, wir haben Gifte aus der Landwirtschaft. Das heißt, wir sitzen auf einem der größten Trinkwasserreservoirs Europas, haben aber immer weniger Möglichkeiten, dieses Wasser auch für den Menschen zu nutzen."

Letztendlich würde erst ein vollständiges Abtragen des künstlichen Hügels in Limburg-Offheim mit anschließender Verbrennung der Giftstoffe in modernen Sondermüllverbrennungsanlagen die latente Gefahr für das Grundwasser im Westerwald beseitigen. Doch das würde rund 3 Milliarden Euro kosten, hat der Deponie-Betreiber errechnet. Geologe Horst Herzog:

"Dann ist das wirklich sehr, sehr viel Geld. Und wenn ich mir überlege, das wir letztendlich nur Material von einer Stelle zu einer anderen über eine Verbrennungsanlage fahren, dann macht das aus unserer Sicht keinen Sinn."

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