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StartseiteWissenschaft im BrennpunktChina geht das Wasser aus10.07.2011

China geht das Wasser aus

Manuskript zur Sendung

China schreitet mit Sieben-Meilen-Stiefeln voran. Wachstumszahlen von Wirtschaft und Bevölkerung überschlagen sich und Megastädte schießen zuhauf aus dem Boden. Doch bei alle dem Glanz kämpft China zunehmend mit einem Versorgungsproblem. Denn dem "Reich der Mitte" geht das Wasser aus.

Von Michael Stang

Eine chinesische Famile betrachtet den Drei-Schluchten-Damm am Jangtse-Fluss in der Provinz Hubei. (AP Archiv)
Eine chinesische Famile betrachtet den Drei-Schluchten-Damm am Jangtse-Fluss in der Provinz Hubei. (AP Archiv)
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Bernd Wünnemann: "Grundsätzlich geht es darum, dass die Wasserverfügbarkeit ja für China ein zunehmend ernsteres Problem wird: in Anbetracht der wachsenden Bevölkerung und auch in Anbetracht der Verringerung der Niederschläge in den Trockenräumen und auch in Anbetracht der nach wie vor schrumpfenden Wasserreserven aus den Gletschern."

China geht das Wasser aus. Und immer mehr Wasser wird für immer mehr Menschen benötigt.

Hartwig Steusloff: "Es brennt lichterloh, bis hin zu einem Artikel in 'China Daily', das ist die regierungsamtliche, englische Ausländerzeitung, und da stand drin: Wenn Peking nicht innerhalb der nächsten Dekade sein Wasserproblem löst, dann wird die Hauptstadt verlegt!"

Die vielfältigen Wasserprobleme betreffen aber nicht nur Peking, Shanghai und die anderen Megacities, sondern nahezu das ganze Land mit seinen heute 1,3 Milliarden Einwohnern.

Wünnemann: "Das hat sich im Laufe der letzten 30 Jahre eigentlich kontinuierlich verschlechtert, das heißt, es ist ein natürlicher Prozess, der jetzt gar nicht unbedingt mit dem Anstieg der Bevölkerungszahl parallel läuft, sondern der zunehmende Bedarf der Bevölkerung an Trinkwasser ist gewissermaßen noch ein Prozess, der das Ganze noch toppt."

"Bernd Wünnemann, ich bin Geograph und betreibe Forschung im Bereich der Klimaentwicklung, vor allen Dingen in asiatischen Räumen."

Eigentlich sei er ja nur ein einfacher Wissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Doch seit 2008 gilt seine Schaffenskraft fast ausschließlich China. Der Professor für Physische Geographie arbeitet im Rahmen einer Langzeitdozentur an der Nanjing Universität. Dort verstärkt er einerseits als ausländischer Experte die Ausbildung der Studierenden. Auf der anderen Seite erforscht er den Klimawandel vor Ort, mit dem China zunehmend zu kämpfen hat. Und Klimawandel bedeutet dort fast immer: weniger Trinkwasser.

"Das ist ein grundsätzliches Problem, was nicht grundsätzlich heißt, dass nicht Wasser da wäre. Das verfügbare Wasser sollte eigentlich in China effektiver und vernünftiger genutzt werden, vor allen Dingen in solchen sensitiven Räumen, wo das Wasser sehr knapp ist."

Vor allem im Norden trocknen Flüsse aus, viele Seen verlieren immer mehr Wasser und im Himalaja schmelzen die Gletscher immer schneller. Dort sind die Eismassen in den vergangenen drei Jahrzehnten um mehr als 130 Quadratkilometer zurückgegangen. Wünnemann:

"Das sind Probleme, die auf jeden Fall die sensitiven Räume in China betreffen, vor allem die Trockenräume, das heißt also, die Gobi-Wüste gehört dazu, aber auch natürlich Räume auf dem Tibet-Plateau und das Tibet-Plateau ist einer der wichtigsten Quellgebiete für die großen Flüsse Asiens und wenn dort eben halt weniger Wasser zur Verfügung steht, was vor allem eben aus den Gletschern kommt, dann hat das langfristig Auswirkung auf die Verfügbarkeit auch in den sehr bevölkerungsintensiven Räumen Chinas."

Versiegen die Schmelzwasserzuflüsse, wäre die Versorgung von mehr als 100 Millionen Menschen gefährdet. Wasserreservoirs fangen zunehmenden Schmelzwasserflüsse auf.

"Wenn man diese Trockenräume, also beispielsweise die Gobi-Wüste und den Nordrand des Tibet-Plateaus, betrachtet, dann wird dort das Wasser gespeichert in großen Reservoirs seit Beginn der 1970er-Jahre, um das Wasser ganzjährig zur Verfügung zu halten. Das bedeutet aber auch, dass große Mengen des Wassers nicht mehr in die eigentlichen Trockenräume hineinkommen, sondern vorher eben halt gespeichert werden."

Weil das Wasser gestaut und vor allem für die Gegend entlang des Gansu-Korridors genutzt wird, einer sich stark entwickelnden Region von Zentralchina bis in den Nordwesten des Landes, fehlt das Wasser in den anderen besiedelten Oasenräumen dieses Trockenraumes. Bernd Wünnemann hat ein paar Sachen gepackt. Er will zum Taihu-See fahren und Kollegen an der dortigen Forschungsstation besuchen. Zweieinhalb Stunden später streckt sich der deutsche Forscher nach der Busfahrt erst einmal. Er hat sich mit Boqiang Qin verabredet, der hier die Forschungsstation am "großen See" leitet. Der Taihu ist mit 2250 Quadratkilometern der drittgrößte Süßwassersee Chinas. Auf ihm gibt es 48 Inseln, eingerahmt wird er von mehr als 70 Bergen. Er liegt im Jangtsekiang-Delta nahe der Stadt Wuxi.

"This is the experimental area of our station."

Boqiang Qin hält die Hand vor die Augen, um vom Steg aus auf den See blicken zu können.

"In this area we conduct some experiments about the nutrification control."

Regelmäßige Wasserproben ziehen, das sei die Hauptaufgabe seiner Mitarbeiter, erklärt der Direktor der Taihu-Forschungsstation. Es sei schon ein schöner Arbeitsplatz, so mitten in der Natur.

"Man kann hier schwimmen, aber ich würde das nicht empfehlen. Vor allem im Sommer haben wir hier große Probleme mit der Algenblüte. Dann können einem die Blaualgen gefährlich werden, da sie Stoffe produzieren, die die Leber angreifen können."

Zehn Techniker und einige Forscher überprüfen hier regelmäßig die Wasserqualität. Boqiang Qin zeigt auf ein Boot.

"Unsere Mitarbeiter da vorne holen gerade Sedimentproben vom Boden des Sees. Auf diese Weise messen wir die Konzentration von Stickstoff und Phosphor im Wasser. Wir fangen auch Fische, etwa Karpfen und schauen, ob und wie ihnen das belastete Wasser zusetzt. Wir wollen aber nicht nur die Algen reduzieren, um die Wasserqualität zu verbessern, wir müssen auch die großen Pflanzen an der Wasseroberfläche loswerden, die kaum Licht durchlassen."

Proben werden aber nicht nur in Ufernähe gezogen. Qin:

"Jeden Monat fahren wir weit raus und nehmen Wasserproben. Der Taihu ist riesig, es dauert immer zwei Tage, bis wir alle 32 Stellen im Seen abgearbeitet haben."

Bis in die frühen 1980er-Jahre sei das Wasser in Ordnung gewesen, erinnert sich der Professor. Erst mit Chinas wachsender Wirtschaft habe die Wasserqualität zunehmend abgenommen.

"Vor fünf Jahren ist der See dann praktisch umgekippt. Wir haben danach viele Wasserpflanzen gesetzt, die allmählich das Wasser wieder reinigen sollen. Das Problem ist, dass dieser See eigentlich das Trinkwasserreservoir für Wuxi ist. Und das ist natürlich nicht gut, wenn das Wasser hier so verschmutzt ist."

Der Taihu war bis zu dieser Umweltkatastrophe die einzige Trinkwasserquelle für Wuxi. 4,5 Millionen Menschen waren betroffen. Während der Forschungsleiter über Einzelheiten berichtet, tritt Hucai Zhang hinzu, Professor am Institut für Geographie und Limnologie der Nanjing Universität. Die Regional-Regierung habe aber schnell reagiert und die Bevölkerung sofort mit Trinkwasser aus Flaschen versorgt. Dass der See so stark verunreinigt sei, dafür gebe es mehrere Gründe.

"Viele Fabriken haben das Wasser aus dem Taihu für ihre Produktion benutzt und es wieder ungeklärt zurückfließen lassen. Wissen Sie, hier sind die Fabriken in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen und die Regierung kam mit den Kontrollen kaum hinterher. Mittlerweile wurden aber viele der kleinen Fabriken wieder geschlossen. Der zweite Wasserverschmutzer ist die Landwirtschaft. Viele Düngemittel gelangen in den See. Hinzukommen schließlich noch die Haushalte, die ihre Abwässer auch in den See fließen lassen. Also, der ganze See ist voll mit Schmutzstoffen."

Das sei wohl der Preis, den das Land für seine Industrialisierung habe zahlen müssen, sagt Hucai Zhang noch hinterher. Die Leute hier wüssten zwar, dass sich die Situation für jeden Einzelnen nur über eine florierende Wirtschaft verbessern könne. Aber den wenigsten sei bewusst, dass sie sich keinen Gefallen tun, wenn sie ungehemmt ihre Abwässer weiter in den See leiten. Zhang:

"Wir denken aber, dass den Menschen hier mit zunehmendem Wohlstand auch die Umwelt wichtiger werden wird. Dann realisieren sie hoffentlich, dass eine saubere Umwelt wichtig ist. Dann werden sie auch bereit sein, etwas für sauberes Wasser zu tun. In dieser Hinsicht bin ich optimistisch. Wenn dann auch noch die Regierung unsere Forschung weiter unterstützt, dürften wir auf einem guten Weg sein. Das sieht alles sehr viel versprechend aus."

Den Optimismus seines Kollegen kann Boqiang Qin nicht teilen. Zwar haben er und seine Mitarbeiter den Behörden in Wuxi Vorschläge gemacht, wie das Wasser wieder eine bessere Qualität erreichen kann, diese haben jedoch erst einmal einen anderen Weg eingeschlagen. Qin:

"Die Stadt Wuxi will das Trinkwasser für die Bevölkerung zukünftig vom Jangtse-Fluss abzweigen. Die Qualität ist nicht viel besser als die vom Taihu-See, ein bisschen besser vielleicht."

Die langfristigen Folgen für Natur und Umwelt seien nicht absehbar. Experten vermuten, dass das verschmutzte Wasser weitaus mehr Schaden anrichten könnte als bislang angenommen. Qin:

"Ich habe gehört, dass Regierungsangehörige davon sprachen, dass es hier in der Gegend viele Fälle von Leberkrebs gegeben hat, vor allem in Wuxi. Es kann natürlich sein, dass das mit der Wasserverschmutzung zusammenhängt, eindeutige Beweise dafür haben wir aber nicht."

Einen Funken Hoffnung gebe es aber. Die Wasserqualität sei seit einigen Jahren stabil, verschlechtere sich also nicht mehr. Grund genug daran zu glauben, dass sich der Taihu in absehbarer Zeit wieder erholt? Qin:

"Ja, vielleicht, möglicherweise. Ich hoffe es zumindest."

China plant den Bau der größten Stadt der Welt und sprengt damit alle bisherigen Dimensionen. Für den Bau der noch namenlosen Megacity, in der 42 Millionen Menschen wohnen sollen, sind 221 Milliarden Euro veranschlagt. Die Stadt soll durch die Zusammenlegung von neun Gemeinden in nur sechs Jahren Bauzeit im Pearl River Delta im Südosten des Landes entstehen. Zusammen soll die Megacity eine Fläche von 41.000 Quadratkilometern haben und wäre damit fast so groß wie die Schweiz.

Die Dimensionen des chinesischen Wasserproblems hat anfangs auch Hartwig Steusloff überrascht. Der Ingenieur vom Fraunhofer–Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung in Karlsruhe war 2004 zusammen mit einem Team der Wasserbehörde Pekings beauftrag worden, in einem kurzfristigen Projekt die Trinkwasserversorgung der chinesischen Hauptstadt langfristig sicherzustellen.

"Aus Sicht der Beijing Water Authority war das Ziel, ein Entscheidungs-Unterstützungssystem, das heißt, es sollte eine Grundlage geschaffen werden, um langfristige, mittelfristige und auch dann später kurzfristige Entscheidungen über die Verwendung und den Einsatz der Wasserressourcen, die Verfügbarkeit der Wasserressourcen, die Verteilung, die Nutzung der Wasserressourcen zu schaffen."

In Peking leben heute rund 15 Millionen Einwohner, mit einer jährlichen Wachstumsrate von knapp einer Million. Die politischen Entscheidungsträger hatten erkannt, dass die Stadt auf ein, wie es in der Ingenieurssprache heißt, Wasserverfügbarkeitsproblem zuläuft. Durch die wirtschaftliche Entwicklung und die Zunahme der Bevölkerung war der Wasserbedarf in den Jahren zuvor kontinuierlich gestiegen. Ziel des so genannten "Management- und Entscheidungs-Unterstützungssystem" sei eine optimierte Verwaltung und Steuerung der Wasserressourcen gewesen; für eine Fläche, die 6300 Quadratkilometer umfasst, mehr als das Doppelte der Fläche Luxemburgs. Für die Modellierung des Grund- und Oberflächenwassers lagen anfangs kaum Daten vor, die sie für die Erstellung eines solchen gewaltigen Projekts benötigten, da es etwa eine Erfassung des Verbrauchs über Wasserzähler zumindest in den Haushalten nicht gab. Daher mussten die Forscher Vergleichsdaten schätzen, um fehlende Daten zu ersetzen. Mit der Zeit bekam das Modell Konturen. Steusloff:

"Wir haben den Grundwasserleiter dreidimensional modelliert, so dass wir das Verhalten des Grundwasserleiters abbilden konnten, räumlich und zeitlich. Und daraus stammen dann letztlich auch die ganzen Erkenntnisse, wie sich das Grundwasser in Zukunft verhalten wird. Nachdem dieses Modell mal da ist, können wir sagen: Wenn wir so und so viel entnehmen an den und den Stellen, dann wird sich der Grundwasserspiegel so und so einstellen."

In das Modell wurden sämtliche Daten über Wasserzuläufe und den Verbrauch eingespeist, um eine Wasserbilanz zu erhalten. Errechnet sind Frischwasser, Abwasser, Grundwasser, Regenwasser, Verdunstung und Abflüsse. Dabei fiel auf, dass die Niederschlagsmengen immer geringer wurden.

"Die Oberflächenwasserressourcen reichen einfach nicht. Und Peking hat ja sieben Jahre Dürre, fast biblische sieben Jahre Dürre, hinter sich, wo von den 600 Millimetern pro Jahr, die notwendig wären um die Stadt zu versorgen, nur etwa 400 Millimeter tatsächlich runterkamen. So und jetzt ist also die Frage: Wie ersetzt man das?"

Der geringe Niederschlag verschärfte die ohnehin schon kritische Wassersituation. Es war ihm schnell klar, dass Peking zukünftig sparsamer - oder überhaupt äusserst sparsam mit dem wertvollen Nass umgehen muss, sagt Michael Birkle, der für die Grundwassermodellierung und später auch für die Systemintegration vor Ort zuständig war. Lösungsvorschläge mussten her.

"Das sind die Dinge, für die man letzten Endes diese Modelle auch benötigt. Wie wird sich das verändern, wenn der Wasserpreis sich erhöht? Wie stark wird der Verbrauch zurückgehen? Was wird geschehen, wenn man das Wasser kontingentiert? Das sind Dinge, die man in ihren Auswirkungen jetzt mit diesen Modellen betrachten kann und abwägen kann."

Nachdem einmal klar war, wo rasch viel Wasser gespart werden könnte, sei seiner Beobachtung zufolge vor allem die Wiederverwendung des Abwassers in den Fokus gerückt, etwa zur Bewässerung städtischer Anlagen. Ob sich auch die Bevölkerung dieser Wasserknappheit bewusst sei, könne er nicht sagen.

"Wie weit das in die Bevölkerung eingedrungen ist, weiß ich nicht. Und bis sich dieses Verhalten nennenswert ändert, das wird Zeit brauchen. Da wird die Regierung die Randbedingungen entsprechend setzen müssen, sei es über den Preis oder sei es über Verbote und man wird dort auch die Technik bereitstellen müssen, um wassersparender zu bewässern."

2008 übergaben Hartwig Steusloff und Michael Birkle in Peking ihr System der Wasserbehörde und integrierten es vor Ort. Die Arbeit von vier Jahren Forschung habe letztendlich auf eine DVD gepasst. Hartwig Steusloff hofft, dass sie mit ihrer Arbeit auch ein Bewusstsein dafür schaffen konnten, dass die Wasserbehörde eine Verantwortung hat: einmal für die Trinkwasserversorgung Pekings und für die Politik, um Informationen zu liefern, wie sie die Probleme angehen kann. Denn diese liegen bei weitem nicht nur in der Menge des zur Verfügung stehenden Wassers. Steusloff:

"Peking hat drei große Oberflächenwasserreservoire und eines dieser Reservoire ist - das größte sogar - ist inzwischen nicht mehr brauchbar, weil das Sediment dermaßen mit Industriegiften verseucht ist, dass das Wasser nicht benutzbar ist, das heißt also in dieser Situation, wo absehbar das Grundwasser zu Ende ist, ist der größte Oberflächenwasserspeicher, den die Stadt hat, nicht benutzbar wegen Sedimenten und deren Verschmutzung und deren Giftigkeit."

Verseuchte Sedimente könne man zwar entfernen, aber nicht bei dieser Größe: Der Speicher hat ein Fassungsvermögen von bis zu 4,2 Milliarden Kubikmeter Wasser. Ihn ausbaggern zu wollen sei daher illusorisch. Also muss Peking seinen Durst auf andere Weise stillen.Steusloff:

"Eine der Möglichkeiten zu ersetzen ist der Süd-Nord-Wassertransport. Das ist ein Grund gewesen, warum dieses Projekt überhaupt in die Gänge kam: den trockenen Nordosten Chinas mit Wasser zu versorgen. Da haben die Mengen immer mal wieder variiert, von denen gesprochen wurde, aber ich sage es mal so: Die Chinesen sind dabei einen Fluss zu bauen der Größe des Rheins bei Basel. "

Chinas Regierung zufolge wird von dem Süd-Nord-Wassertransferprojekt aber nicht nur Peking profitieren, sondern der gesamte Nordosten Chinas. Das Leitungsnetz soll Wasser aus dem Süden in die nordchinesische Ebene pumpen und dort auf einer Strecke von 1270 Kilometern insgesamt 20 Städte mit Wasser versorgen. Doch auch hier sollte es nicht nur nicht nur um die Quantität gehen, mahnt Steusloff.

"Die Frage nach der Wasserqualität, das ist zurzeit im Nordosten wie in ganz China ein Riesenproblem. Der Süden hat genug Wasser, aber in einer Qualität, die für sehr viele Anwendungen nicht mehr verwendbar ist. Und das Wasser, was vom Jangtse nach Norden transportiert werden soll, ist offensichtlich zunächst mal mit genügend Qualität verfügbar, aber wie gesagt, was da im Norden ankommt, das wissen wir alle nicht. Und wenn wir die Wasserverfügbarkeit nicht mit der Wasserqualität koppeln, dann machen wir einen Riesenfehler."

Vor fünf Jahren, im Mai 2006 wurde der Drei-Schluchten-Damm eingeweiht. Die Talsperre verfügt über das weltweit größte Wasserkraftwerk, ein Schiffshebewerk und einer Schleusenanlage im Jangtsekiang, dem mit 6380 Kilometern längsten Strom Chinas. Der Stausee erstreckt sich über mehr als 600 Kilometer. Das Großprojekt in der Volksrepublik soll neben der Energieerzeugung die Schifffahrt und den Hochwasserschutz verbessern. Gegner befürchten viele Nachteile für die Bevölkerung: Knapp zwei Millionen Menschen mussten umgesiedelt werden. Zudem drohen eine instabile Geologie und ökologische Folgen. Auch viele Tier- und Pflanzenarten sind durch das Projekt bedroht. Experten schätzen, dass mehr als 2800 Pflanzenarten, rund 330 Fischarten und viele Säugetiere durch den Bau ihres natürlichen Lebensraums beraubt und vom Aussterben bedroht sind.

Wo die Flüsse weniger Wasser führen und es zunehmend weniger regnet, wird in China vermehrt Wasser aus dem Untergrund gepumpt. Eine bedenkliche Entwicklung, so der deutsche Geograph Bernd Wünnemann

"Das Wasser, wie wir wissen inzwischen durch viele Untersuchungen, ist fossiles Wasser, ist also sehr alt, ungefähr 30.000 Jahre alt. Das wird also jetzt zunehmend mehr gepumpt, das heißt, man pumpt also gewissermaßen ein Grundwasserreservoir ab und nutzt damit eben halt das Wasser für die lokale Bewässerungslandwirtschaft."

Prognosen zufolge sinkt der Grundwasserspiegel immer weiter, mancherorts im Schnitt 1,5 Meter pro Jahr. Wünnemann:

"Wenn man das jetzt projiziert auf die nächsten Jahre oder Jahrzehnte, dann bedeutet das, dass zunehmend der Grundwasserspiegel weiterhin abgesenkt wird und irgendwann dieses Wasser einfach verbraucht ist und leider ist es so, dass dieses Wasser nicht erneuerbar ist, also was heute regnet, trägt nicht zur Grundwasserneubildung bei."

Eines dieser trockenen Gebiete liegt im Nordwesten Chinas: Urumqi, Hauptstadt der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang. Dort reicht das Regenwasser ebenfalls nicht mehr aus, um die Stadt zu versorgen.

"Wir haben dort Niederschläge, die so im Umkreis von Urumqi bei 250, 270 Millimeter liegen, das ist ungefähr die agronomische Trockengrenze. Das bedeutet: da kann man so gerade noch landwirtschaftliche Nutzung betreiben über Regenfeldbau. Das reicht aber nicht aus wegen der großen Trockenheit und insbesondere auch den hohen Temperaturen im Sommer, so dass man das Schmelzwasser absolut braucht. Sowohl für die Landwirtschaft als auch für den Trinkwasserbedarf."

Das Hochland verfügt über Kohle- und Ölvorkommen, dazu Erdgas und Salz. Das macht die Region wirtschaftlich interessant, sagt Olaf Bubenzer. Der Geograph von der Universität Heidelberg sieht Urumqi als eine Art Modellprojekt. Die Stadt, die er und seine Kollegen im Rahmen des Future Megacities Projekts des Bundesministeriums für Bildung und Forschung untersuchen, erlebt einen wirtschaftlichen Aufschwung - und braucht sehr viel Wasser. Bubenzer:

"Zurzeit wird eine Zahl von 4,2 Millionen angenommen, das heißt, das ist auch das BMBF-Projekt RECAST Urumqi, dass es darum geht eine schnell wachsende, zukünftige Megastadt – Megastädte werden so etwa definiert ab fünf Millionen Einwohner, diese werden in Zukunft sehr schnell erreicht werden, dass man die untersucht."

Jedes Jahr wächst die Bevölkerung um etwa zehn Prozent. Vor allem Zuwanderungen treiben die Einwohnerzahl in die Höhe. Aber nicht nur die Stadt hat es Olaf Bubenzer angetan. Urumqi liegt in einer Region, die weltweit mit am weitesten von allen Ozeanen entfernt liegt. Die umliegenden Gebirge ragen deutlich über 5000 Meter in die Höhe. Dadurch entsteht große Trockenheit.

"Die große Fragestellung ist die nachhaltige Wasserversorgung der Stadt Urumqi sicherzustellen und auch Verständnis zu schaffen für die sehr wahrscheinlich zukünftige Entwicklung, die so aussieht, dass im Rahmen des Klimawandels die Gletscher mehr und mehr abschmelzen."

In 30 Jahren werden die Flüsse rund ein Drittel weniger Wasser führen als heute. Deshalb richten die Heidelberger Forscher ihren Blick auf eine effiziente Wassernutzung. Am Anfang des Projekts RECAST Urumqi ging es vor allem darum, den Wasserkreislauf zu verstehen. Wie viel Wasser wird direkt aus den Schmelzwasserflüssen genommen, wie viel durch Grundwasserentnahme und wie und wozu wird das Wasser in der Stadt und im Umfeld genutzt? Antworten auf diese Fragen sucht auch die Heidelberger Geographin Katharina Fricke.

"Ich beschäftige mich mit hydrologischen Modellierungen, also wie kann ich die Wasserressourcen, den Wasserverbrauch modellieren, sei es jetzt physikalisch oder konzeptionell und versuche mir eben die notwendigen Daten zu beschaffen, die ich für diese Modellierung brauche. Und da versuche ich auch viel über Fernerkundung herauszufinden, also über Fernerkundungsdaten, Satellitendaten, die mir Informationen über die Landnutzung, Landbedeckung, Vegetation, Schneebedeckung und solche weiteren Faktoren geben können."

Das Einzugsgebiet, das Katharina Fricke untersucht, umfasst rund 1000 Quadratkilometer. Die Daten zum Wasserverbrauch durch Haushalte und Industrie bekommt sie von ihren chinesischen Partnern. In ihre Modelle fließen ebenso die Daten der Landwirtschaft: Ein wichtiger Aspekt sind auch die Untersuchungen des neuen Stadtgebiets Midong in Urumqi. Das geplante Industriegebiet entstand 2005. Dadurch mussten einstige landwirtschaftlich genutzte Flächen der Stadt weichen und wurden in Richtung Wüste verlegt, was den Wasserbedarf von Stadt und Umland erheblich vergrößerte. Das Schmelzwasser der Gletscher allein reicht schon lange nicht mehr aus. Fricke:

"Das Grundwasser ist fast 50 Prozent genutzt, um den Wasserbedarf der Gesamtstadt zu decken. Das Grundwasser wird vor allem dann benutzt, wenn man den Bedarf von Haushalten und Industrie decken will, weil diese Verwendungszwecke eine höhere Wasserqualität brauchen als jetzt die Landwirtschaft zum Beispiel. Deswegen kann man sehen, dass vor allem in der Industrie und den Haushalten Grundwasser verwendet wird."

Die Stadt wächst und der Wasserverbrauch steigt. Auf lange Sicht kann Urumqi nur überleben, wenn verbrauchtes Wasser effizient genutzt und anschließend wieder aufbereitet wird. Mögliche Pläne der Regierung zum Wassersparen sind das eine, sagt Katharina Fricke, wichtig sei jedoch ebenso auch, dass in den Haushalten Wasser gespart werden muss. Eine Umfrage zusammen mit ihren Kollegen bei der Bevölkerung in Urumqi habe deutlich gezeigt, dass bis heute Wasser verschwendet wird.

"Was aus der Haushaltsumfrage in Bezug auf Wasser zu sehen war ist, dass ihnen die Qualität des Wassers wichtig ist oder dass ihnen auch Wasserschutz und die Reinhaltung des Wassers wichtig ist. Was ich denke was aber schwierig ist im Haushalt irgendwie ein Aktionismus oder irgendwelches verändertes Verhalten davon zu erwarten, denn das Wasser ist einfach viel zu billig, das heißt, sie haben selber keinen Anreiz das Wasser, das sie im Haushalt verbrauchen, einzusparen."

Alle fünf Jahre plant die Kommunistische Partei Chinas eine neue Revolution – eine wirtschaftliche. Im März dieses Jahres gab Peking die neue Richtung der Volksrepublik bis 2015 vor. Der 12. Fünfjahresplan soll eine Art Vorbote zur grünen Revolution werden. Experten zufolge hat die Regierung Pekings erkannt, dass das Land unter Fluten und Wassermangel leidet, die mit der Umweltverschmutzung und dem Klimawandel zusammenhängen. Daher sollen zukünftig die Energieversorgung breiter aufgestellt und saubere Technologien gefördert und noch in diesem Jahr der Anteil der vier wichtigsten Luft- und Wasserverschmutzungsstoffe um 1,5 Prozent reduziert werden. Wie groß die Effekte sind hinsichtlich der rasant wachsenden Megacities, des gigantischen Energiebedarfs des Landes und der immer schwieriger werdenden Wasserver- und entsorgung, das bleibt abzuwarten

China schreitet weiter voran. Gigantische Projekte wie Staudämme, neue Megacities von nie da gewesenen Dimensionen und eine stetig wachsende Wirtschaft beeindrucken auf den ersten Blick. Zwar hat die Regierung einzelne Kommunen dazu angehalten, ihr Wirtschaftswachstum in gemäßigtem Rahmen zu betreiben, damit der Energie- und Wasserbedarf vielleicht über nachhaltige Ressourcen gestillt werden kann. Jedoch reichen diese Pläne in den Augen vieler Skeptiker nicht aus, um die Probleme mit dem Klimawandel, dem Bevölkerungswachstum und der zunehmenden Wasserverschmutzung in den Griff zu bekommen. Langfristige Lösungen scheinen daher auch mit dem neuen Fünf-Jahresplan noch nicht gefunden zu sein. Hartwig Steusloff:

"Also, der Kontext des Fünf-Jahresplans schimmert natürlich überall durch, aber das Problem als solches ist nicht an den Fünf-Jahresplan gekoppelt, sondern da ist ganz klar: Es muss so schnell wie möglich was passieren."

Pläne, Wasser von einer Region in die andere zu leiten, bedeuteten auch immer, dass einer Region das Wasser abgegraben wird. Skeptiker prognostizieren, dass sich Chinas Wasserproblem in Zukunft noch weiter verschärfen werden. Ein Ende ist nicht abzusehen.

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