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StartseiteCorsoÜberwachung nach Libellen-Art11.06.2018

Chinesischer Künstler Xu BingÜberwachung nach Libellen-Art

Straßenkämpfe, Autounfälle, Unwetter – in China nehmen Überwachungskameras viele Szenen des öffentlichen Lebens auf. Der chinesische Künstler Xu Bing nutzt das Material für seinen Film "Dragonfly Eyes" und inszeniert im Lehmbruck Museum Duisburg einen Livestream-Überwachungsraum.

Von Peter Backof

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Das Lehmbruck Museum von außen, auf der Glasfassade ist eine projezierte Filmszene von Xu Bing zu sehen (Frank Vinken)
Die Aufnahmen aus dem Film "Dragonfly Eyes" werden projiziert auf die Fassade des Lehmbruck Museums in Duisburg (Frank Vinken)
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Kriegen sie sich am Ende oder nicht, Quing Ting und Ke Fan? Die klassische Popcornkino-Frage stellt sich auch, in dem Spielfilm "Dragonfly Eyes". Das 90-minütige Opus imponiert aber vor allem mit radikaler Neuartigkeit. Quing Ting und Ke Fan gibt es gar nicht. Ihr Plot ist in doppelter Hinsicht fiktiv, da aus dem Off hineinprojiziert in elftausend Stunden Videomaterial, das von Überwachungskameras in Peking stammt. "Coolest thing ever" - das Coolste, das es je gab: Kommentare auf Youtube zum Trailer von "Dragonfly Eyes". Das freut auch den Künstler Xu Bing.

Chinesischer Übersetzer: "Ich selber finde das auch cool. Ich sagte vorher meinen Kollegen, dass wir haben eine Arbeit getan, das von nichts entwickelt, weil vorher gab es keinen solchen Film. Er sagt: Eher den Jugendlichen gefallen, weil das wie ein Spiel. Was im nächsten Schritt passiert, weiß man nicht."  

Bei der Vorstellung von "Dragonfly Eyes" im Duisburger Lehmbruck Museum wird improvisiert übersetzt und vermittelt, zwischen den Hemisphären Ost und West, sowie zwischen Genres. Was ist das nun? Liebesfilm, Film-Installation oder politisches Statement zum Thema Überwachung?

"Er sagt: Viele europäische Leute, was kulturelle Werke aus China sehen, sie würden eher so politische Aspekte aus Europa verstehen. Er hofft, dass nicht, wenn man Kunstwerke aus China sehen, man zuerst aus politischem Aspekte sieht. Das hofft er nicht."

Erst der Schnitt produziert das Drehbuch

Bildrechte, Persönlichkeitsrechte hat Xu Bing geklärt, in privaten Deals mit Hotels und Geschäften, deren Kameras er angezapft hat; beziehungsweise 85 Prozent des Bildmaterials sei ohnehin gestreamt und frei verfügbar. Die Idee, die er 2013 hatte, ohne gleich zu wissen, wie man das technisch machen könnte, war eine andere: Man müsste einen Meta-Film drehen, der spiegelt, dass es in China bald 600 Millionen Kameras im öffentlichen Raum geben wird. Und entsprechend viele Perspektiven. Daher sind Quing Ting und Ke Fan auch Meta-Charaktere. Der Schnitt der Szenen produziert erst das Drehbuch.

Quing Ting ist ein It-Girl, das offenbar alle paar Minuten zum plastischen Chirurgen geht. Wir alle sind Ke Fan und Quing Ting in der skurrilen Logik von "Dragonfly Eyes". Söke Dinkla, Leiterin des Lehmbruck-Museums, stand vor der Herausforderung: Wie stellt man es aus?

Söke Dinkla: "Also wir haben jetzt unsere große Glashalle sozusagen in eine Medieninstallation verwandelt. Einerseits ein Kinoteil mit Sesseln; und die Arbeitssituation, in der Xu Bing diesen Film erstellt hat, in Peking. Sechzehn Laptops insgesamt zeigen Bilder von Überwachungskameras. Wie hat er das gemacht, welche Szenen werden überhaupt jetzt auch gestreamt?"

Immer kleinere Kameras sind die Zukunft

Nachts werden außerdem Filmausschnitte auf die riesige Glasfassade projiziert und strahlen in den Außenraum. Allerdings wird der angrenzende Kant-Park gerade umgestaltet, sodass man noch nicht, auf sommerlicher Wiese liegend, diesen ungewöhnlichen Liebesfilm sehen kann. Aber ein Ausblick auf die zukünftigen Möglichkeiten des Lehmbruck-Museums ist das allemal. Und ist das nicht auch die Zukunft der Fotografie: Nicht immer bessere Kameras, sondern immer mehr kleine, aus denen dann Bilder komponiert werden? Etwa aus 28.000 Einzelbildern wie bei einem Auge der namensgebenden "Dragonfly", der Libelle?

Chinesischer Übersetzer: "Er sagt, es kann sein! Und so viele Überwachungsvideos haben wir geboten, so viele Szenen gleichzeitig, das kann man mit eigenen Augen nicht schaffen."

Mit Xu Bing auf der Suche nach einer Bildsprache das 21. Jahrhunderts. Der 1955 geborene Künstler kommt eigentlich aus der Kalligrafie und der Buchbindekunst, was fast schon klischeefernöstlich klingt. Dann jedoch hat er aus Emoticons ein neues Esperanto entwickelt; ein Künstler, der in globalen und epochalen Bögen denkt. Macht Spaß ihm dabei gewissermaßen zuzusehen und von einem gemütlichen Sessel aus vielleicht zu erfahren, ob Quing Ting und Ke Fan sich nun kriegen oder nicht.

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