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StartseiteEuropa heuteChinesisches Engagement in Griechenland15.09.2011

Chinesisches Engagement in Griechenland

2009 übernahm die Reederei Cosco einen Großteil des Hafens von Piräus

Am Mittwoch hatte China verstärkte Investitionen in Europa angeboten. Wie das geht kann man an Beispielen in Portugal, Spanien und Griechenland sehen. So auch im griechischen Hafen von Piräus, der seit 2009 zu einem großen Teil von einer chinesischen Reederei gepachtet wurde. Die Hafenarbeiter sprechen rückblickend von einem Ausverkauf.

Von Simone Böcker

Blick auf den Hafen Piräus in der Nähe der griechischen Hauptstadt Athen (AP)
Blick auf den Hafen Piräus in der Nähe der griechischen Hauptstadt Athen (AP)
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Der Hafen von Piräus
Wir steh’n im Hafen von Piräus

Ein weinrotes Schiff liegt heute am Pier I, weiße Säcke schweben an Seilen durch die Luft. Die "Alka" wird beladen. Thanassis Kanellopoulos, stämmig, grauer Vollbart, zieht seine Arbeitshandschuhe an. Seit 25 Jahren be- und entlädt er Schiffe in Piräus.

"Als ich angefangen habe hier zu arbeiten, gab es nur Felsen. Wir haben den Hafen dann aufgebaut. Alles, was Sie hier sehen, haben wir mit unseren Händen geschaffen. Der Hafen ist für uns wie unser eigenes Haus. Er ist unser Leben."

Thanassis Kanellopoulos deutet mit einer Kopfbewegung auf den Schiffsanleger Pier II, wo er bis vor zwei Jahren noch ein- und ausgegangen ist. Da drüben sind jetzt die Chinesen, sagt der Hafenarbeiter. Heute bleibt den Griechen mit Pier I nur noch ein kleiner Teil des Geländes.

Eineinhalb Millionen Container pro Jahr haben die Arbeiter früher verladen. Jetzt ist es nur noch ein Bruchteil dessen. - Noch ein Blick Richtung Pier II, dann wenden sich Thanassis Kanellopoulos und Giannis Patiniotakis den Säcken auf der "Alka" zu.

"Wir sind von Pier II verjagt worden. Dieser Pier wurde einfach zu einem sehr niedrigen Preis abgegeben. In den nächsten 35 Jahren, die Cosco den Hafen nutzt, wird es sehr wenige Gewinne für uns geben."

Ein paar Hundert Meter entfernt befindet sich das Gewerkschaftsbüro der Hafenarbeiter. Stamatis Koulouras, Vizepräsident der Gewerkschaft, sitzt auch am Samstag hinter seinem über 30 Jahre alten Schreibtisch und teilt Schichten ein. Auch er versteht bis heute nicht, warum die Regierung sich auf den Handel mit Cosco eingelassen hat.

"Hier in Griechenland verwechselt man Investitionen mit dem Ausverkauf des staatlichen Vermögens. Was hat die Regierung gemacht? Sie hat einen funktionierenden Laden genommen, das Herzstück des Hafens, und hat es den Chinesen für eine lächerliche Pacht von 17 Millionen Euro überlassen. Der Hafen hat früher einen Umsatz von 170-200 Millionen Euro jährlich gemacht. Wir hatten Gewinne von 30 - 40 Millionen Euro im Jahr."

Die griechische Regierung habe den Chinesen den Hafen auf dem Silbertablett präsentiert, klagt Stamatis Koulouras. Zwar hat sich Cosco zu 16 Millionen Euro Pacht plus Investitionen im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro verpflichtet, doch musste die Hafengesellschaft OLP dafür in den Aufbau von Pier I investieren, um überhaupt noch über ein eigenes Hafengebiet zu verfügen. Mit den gerade mal sieben Kränen werden jetzt lediglich nur noch 50. -100.000 Container im Jahr verladen. Die meiste Arbeit wird nun von Cosco erledigt. So eine Investition hat Griechenland gemacht, brummt Stamatis ironisch. Absurd sei das. Von Anfang an hatte die griechische Regierung die Absicht, den Hafen an Cosco abzugeben, ist er überzeugt.

"Seit 2005 hat die Regierung von Nea Demokratia Schlechtes über die Hafenarbeiter verbreitet. Sie sagte, Hafenarbeitern würden immense Gehälter einstreichen, es sei besser, den Hafen abzugeben. Wir waren im Ministerium und haben angeboten, auf die Hälfte unseres Gehalts zu verzichten, wenn unsere Löhne das Problem sind. Dafür sollte der Hafen in unserer Hand bleiben. Das haben sie nicht akzeptiert. Sie haben eine bestimmte Linie verfolgt."

Die Gehaltskürzungen sind trotzdem gekommen. Und es herrscht Angst vor Entlassungen. Der rundliche Mann mit den raspelkurzen grauen Haaren setzt sich zu seinem Kollegen Giorgos Gogos an den Besprechungstisch. China - so sehen es die beiden Gewerkschaftler - wolle einen Zugang zu Europa durch die Hintertür, um chinesische Produkte einzuführen, und das zu ihren eigenen Bedingungen. Und noch etwas fürchten sie: Dass der Hafen komplett privatisiert wird.

"Es ist offensichtlich, dass die Regierung nicht die Absicht hat, die Arbeiterklasse und die Rentner zu unterstützen. Wir sehen den Sozialstaat ständig schrumpfen. Wir sehen, dass das Land erneut Geld leiht und gleichzeitig ein unglaublicher Ausverkauf des staatlichen Vermögens stattfindet. Wie kann man optimistisch sein bei diesen immensen Schulden, die nicht wir Arbeiter gemacht haben, sondern bestimmte Politiker zusammen mit bestimmten bekannten Firmen. Wir alle wissen, wohin das Geld gegangen ist."

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