Vielleicht ist die Idee von der Wiedergeburt doch die schönste Erlösungsfantasie. Man stelle sich vor: Der Ausnahmetänzer Vaslav Nijinsky wäre nicht endgültig von den Bühnen dieser Welt verschwunden, sondern er habe einfach nur eine andere Gestalt angenommen. Er könnte nun etwa ein Thailänder sein mit tänzerischer Hochbegabung. Er könnte Pichet Klunchun sein.
"Nun hat Nijinskys Seele einen Körper", schreibt Pichet Klunchun. Er tritt im schwarzen Trainingstrikot und mit goldglitzernden Schläppchen auf und imitiert in einem großartigen Solo Nijinskys Stil: Theatralisch führt er die Hand zur Stirn wie eine der Ohnmacht nahe Diva. Er tänzelt mit androgynen Wechselschrittchen über die Bühne und posiert am Ende katzengleich auf dem Boden. Ein letzter Raubtierblick ins Publikum, dann Black. Gegenwart und Vergangenheit sind eins geworden.
Die Choreografie "Nijinsky Siam" ist eine Hommage an den Ausnahmetänzer und zugleich eine "Tanzreflexion auf West-Ost-Suggestionen" (diesen Ausdruck kapiert niemand) anhand einer verwickelten Überlieferungsgeschichte: Vor mehr als 100 Jahren erfährt Nijinsky über ein paar Schwarz-Weiß-Fotos von einem Auftritt der Kompanie des klassisch-königlichen Thai-Tanzes in Petersburg. Die Bilder inspirieren ihn zu einem Solo, dem Danse Siamoise. Und Fotos dieses Solos sind nun wiederum das Ausgangsmaterial für den thailändischen Choreografen Pichet Klunchun bei seinem Versuch, Nijinskys Tanz zu rekonstruieren. Klunchuns Stück ist also die thailändische Imitation von Nijinskys Thai-Imitation. Und wenn Klunchun gemeinsam mit zwei anderen Tänzern die wunderbar abgezirkelten Bewegungen und filigranen Handschnörkel des traditionellen Khon-Tanzes vorführt, ist für einen Westler kaum noch erkennbar, was davon traditioneller asiatischer Tanz, was zeitgenössische Überformung ist.
So ist "Nijinsky Siam" die kulturelle Projektion der Projektion gewissermaßen - und damit in Zeiten weltweiter Migrationsströme und immer ununterscheidbarer werdender Kultur-Transfers, ein absolut zeitgemäßes Konzept. Aufregend dabei ist vor allem, dass dieses Stück so überdeutlich sichtbar macht, dass Überlieferung hier nicht mehr als eine sehr vage Hypothese ist. Eine Idee bloß, die die eine Kultur von einer anderen entwickelt, und in der längst nicht mehr sichtbar ist, wo das Fremde aufhört und das Eigene beginnt. Das ist auch eines der Leitthemen des aus Samoa stammenden und in Neuseeland lebenden Künstlers Lemi Ponifasio. Für das Festival Theater der Welt entwickelte er ein neues Stück: "Birds without Skymirrors".
Rituelle Gesänge, eine Frau stakst mit endlos langen Beinen und bloßer Brust wie ein schöner Vogel über die Bühne und eine Gruppe kahlköpfiger Männer in schwarzen Mönchskutten trippelt wie Aufziehpuppen. Sie gestikulieren, scheinen mit ihrem stummen Tanz der Arme immer wieder dasselbe erzählen zu wollen. Emphatisch, aber unverstanden, während im Hintergrund für Sekunden nur, aber in unerbittlicher Wiederholung das Video eines ölverschmierten Pelikans aufblitzt - eine grausam verendende Kreatur. Der gigantische Müllstrudel, der im Nordpazifik unseren Plastikmüll bündelt und an Ponifasios Heimat Samoa vorbeiführt, war Ausgangspunkt für sein Stück. Doch das konkret ökologische Thema verwandelt Ponifasio in ein getanztes Memento von dunkler Poesie.
In Zeitlupe entwickeln sich die Bewegungsbilder. Körper wogen sacht auf und ab wie in einer Unterwasserwelt und Fingerspitzen zittern wie Flossen aber auch wie die Hände von Mahnern, von eindringlichen Propheten eines nahenden Unheils.
Ponifasios politisch motivierter und philosophisch erweiterter Orakel-Tanz hat Furcht einflößende Intensität. Dabei überformt er wie Pichet Klunchun mit zeitgenössischen Inszenierungsmitteln traditionelle Kunstformen: die Bewegungen und Gesänge der Maori. Doch die Wurzeln der fremden Kultur sind immer spürbar und so bleibt nach beiden Produktionen das belebende Gefühl, mit einer ganz anders verstandenen Kunstvorstellung konfrontiert worden zu sein. Trotz globaler Uniformierung gibt es sie noch: rätselhaft-fremde Theater-Welten.
"Nun hat Nijinskys Seele einen Körper", schreibt Pichet Klunchun. Er tritt im schwarzen Trainingstrikot und mit goldglitzernden Schläppchen auf und imitiert in einem großartigen Solo Nijinskys Stil: Theatralisch führt er die Hand zur Stirn wie eine der Ohnmacht nahe Diva. Er tänzelt mit androgynen Wechselschrittchen über die Bühne und posiert am Ende katzengleich auf dem Boden. Ein letzter Raubtierblick ins Publikum, dann Black. Gegenwart und Vergangenheit sind eins geworden.
Die Choreografie "Nijinsky Siam" ist eine Hommage an den Ausnahmetänzer und zugleich eine "Tanzreflexion auf West-Ost-Suggestionen" (diesen Ausdruck kapiert niemand) anhand einer verwickelten Überlieferungsgeschichte: Vor mehr als 100 Jahren erfährt Nijinsky über ein paar Schwarz-Weiß-Fotos von einem Auftritt der Kompanie des klassisch-königlichen Thai-Tanzes in Petersburg. Die Bilder inspirieren ihn zu einem Solo, dem Danse Siamoise. Und Fotos dieses Solos sind nun wiederum das Ausgangsmaterial für den thailändischen Choreografen Pichet Klunchun bei seinem Versuch, Nijinskys Tanz zu rekonstruieren. Klunchuns Stück ist also die thailändische Imitation von Nijinskys Thai-Imitation. Und wenn Klunchun gemeinsam mit zwei anderen Tänzern die wunderbar abgezirkelten Bewegungen und filigranen Handschnörkel des traditionellen Khon-Tanzes vorführt, ist für einen Westler kaum noch erkennbar, was davon traditioneller asiatischer Tanz, was zeitgenössische Überformung ist.
So ist "Nijinsky Siam" die kulturelle Projektion der Projektion gewissermaßen - und damit in Zeiten weltweiter Migrationsströme und immer ununterscheidbarer werdender Kultur-Transfers, ein absolut zeitgemäßes Konzept. Aufregend dabei ist vor allem, dass dieses Stück so überdeutlich sichtbar macht, dass Überlieferung hier nicht mehr als eine sehr vage Hypothese ist. Eine Idee bloß, die die eine Kultur von einer anderen entwickelt, und in der längst nicht mehr sichtbar ist, wo das Fremde aufhört und das Eigene beginnt. Das ist auch eines der Leitthemen des aus Samoa stammenden und in Neuseeland lebenden Künstlers Lemi Ponifasio. Für das Festival Theater der Welt entwickelte er ein neues Stück: "Birds without Skymirrors".
Rituelle Gesänge, eine Frau stakst mit endlos langen Beinen und bloßer Brust wie ein schöner Vogel über die Bühne und eine Gruppe kahlköpfiger Männer in schwarzen Mönchskutten trippelt wie Aufziehpuppen. Sie gestikulieren, scheinen mit ihrem stummen Tanz der Arme immer wieder dasselbe erzählen zu wollen. Emphatisch, aber unverstanden, während im Hintergrund für Sekunden nur, aber in unerbittlicher Wiederholung das Video eines ölverschmierten Pelikans aufblitzt - eine grausam verendende Kreatur. Der gigantische Müllstrudel, der im Nordpazifik unseren Plastikmüll bündelt und an Ponifasios Heimat Samoa vorbeiführt, war Ausgangspunkt für sein Stück. Doch das konkret ökologische Thema verwandelt Ponifasio in ein getanztes Memento von dunkler Poesie.
In Zeitlupe entwickeln sich die Bewegungsbilder. Körper wogen sacht auf und ab wie in einer Unterwasserwelt und Fingerspitzen zittern wie Flossen aber auch wie die Hände von Mahnern, von eindringlichen Propheten eines nahenden Unheils.
Ponifasios politisch motivierter und philosophisch erweiterter Orakel-Tanz hat Furcht einflößende Intensität. Dabei überformt er wie Pichet Klunchun mit zeitgenössischen Inszenierungsmitteln traditionelle Kunstformen: die Bewegungen und Gesänge der Maori. Doch die Wurzeln der fremden Kultur sind immer spürbar und so bleibt nach beiden Produktionen das belebende Gefühl, mit einer ganz anders verstandenen Kunstvorstellung konfrontiert worden zu sein. Trotz globaler Uniformierung gibt es sie noch: rätselhaft-fremde Theater-Welten.