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StartseiteEuropa heuteChristen in Angst20.04.2007

Christen in Angst

Die Türkei nach den Anschlägen von Malatya

Die brutalen Morde an drei Mitarbeitern eines christlichen Verlages in der türkischen Stadt Malatya haben Entsetzen und Besorgnis ausgelöst. Das politische Klima in der Türkei, ohnehin schon gereizt im Zeichen der anstehenden Wahlen, ist nun auf das Äußerste gespannt. Gunnar Köhne berichtet.

In der Türkei sind Christen in der Minderheit. (AP)
In der Türkei sind Christen in der Minderheit. (AP)

Sechs Schlösser muss Simone Matteoli öffnen, bevor er die Kirche Notre Dame betreten kann. Außerdem ist das Gotteshaus in der türkischen Schwarzmeerstadt Samsun von zwei Polizisten und insgesamt acht Überwachungskameras geschützt: ein beklemmender Ort für den Italiener Matteoli und seine türkische Frau Didenmur. Nachdem der Priester der Kirche vor einem Jahr von einem Messerstecher schwer verletzt worden war, schickte der Vatikan Matteoli nach Samsun. Bis zur Ernennung eines neuen Geistlichen soll der Theologe das 200 Jahre alte Gotteshaus für die gut zwei Dutzend Christen der Stadt offen halten. Matteoli ist schockiert über die Atmosphäre der Angst:

"Es herrscht eine richtig aufgeheizte Stimmung gegen Christen, und viele haben Angst, zum Gottesdienst zu kommen. Ich kann nicht behaupten, dass ich keine Angst hätte. Ich habe Angst um mich und meine Familie. Aber eine Kirche sollte doch ein Symbol des Friedens sein und als solches auch offen stehen. Darum habe ich entschieden, in die Türkei zu kommen, auch wenn mich meine Freunde im Vatikan für verrückt erklärt haben."

Die grauenvolle Ermordung der drei Mitarbeiter eines christlichen Verlages in Malatya ist der schlimmste einer Reihe von Anschlägen gegen Christen in der Türkei. 5 Tote in 13 Monaten, daneben zahlreiche tätliche Angriffe auf Geistliche. Katholische Nonnen verzichten vielerorts auf ihre Tracht, um nicht aufzufallen. Bei den Nationalisten und extrem Religiösen besonders verhasst sind die türkischen Christen – so genannte dönme, zu Deutsch Umgedrehte, also zum Christentum übergetretene Muslime. Für die Ultranationalisten hat ein Türke sunnitischer Moslem zu sein, sonst ist er kein Türke. Vertreter der Protestantischen Kirche der Türkei klagten gestern auf einer Pressekonferenz in Malatya über eine von oben geschürte Intoleranz gegen Andersgläubige:

"Dieses schreckliche Verbrechen kommt für uns leider nicht überraschend. Seit langem schon gibt es in der Türkei eine Atmosphäre der Intoleranz und des Rassismus. Es gibt derzeit in der Türkei eine mittelalterliche Hexenjagd auf so genannte Missionare. Jeden Tag bringen die Medien Nachrichten darüber, wie Missionare angeblich türkische Muslime für das Christentum kaufen. Das ist eine Hexenjagd, die es jedem erlaubt. uns zu beleidigen, anzugreifen oder am Ende auch zu töten."

Die Mitglieder unserer Kirche passen in eine Moschee, fügten die türkischen Protestanten bitter hinzu. 0,1 Prozent der Bevölkerung, in keinem anderen islamischen Land gibt es so wenige Christen wie in der Türkei. Und dennoch reden die Nationalisten ununterbrochen von einer Gefahr durch ausländische Missionare, zuletzt bei einer Großdemonstration am vergangenen Wochenende in Ankara, auf der es eigentlich gegen eine mögliche Präsidentschaftskandidatur von Regierungschef Tayyip Erdogan ging. Tatsächlich schicken amerikanische Evangelikale gelegentlich so genannte Pioniere in die Türkei. Doch der Erfolg der Missionierung ist eher bescheiden: Auf höchstens 4000 Mitglieder werden die Freikirchlichen in der Türkei geschätzt. Doch ausgerechnet dem religiös-konservativen Erdogan werfen die Nationalisten vor, das Land im Zuge der EU-Reformen ausländischer Missionsbewegungen geöffnet und damit zum Verkauf freigegeben zu haben. Auch 24 Stunden nach dem Anschlag auf die zwei türkischen Christen und den Deutschen Tilmann Geske gab es von der rechten Opposition keinen Kommentar zu den Morden.

Nicht zum Missionieren unter Muslimen, sondern um den letzten Christen von Samsun Seelsorge und Gottesdienst zu bieten, darum leben der Simone Matteoli mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in der Türkei. Didemnur Matteoli konvertierte vom Islam zum Katholizismus. Die Ablehnung durch viele ihrer Landsleute führt sie auf mangelnde Bildung zurück:

"Es herrscht großes Unwissen über das Christentum, es werden jede Menge Unwahrheiten verbreitet. In einem Laden warf mir der Besitzer das Wechselgeld ins Gesicht und sagte mir, ich sei hier nicht willkommen. Aber man muss mit einander reden. Neulich kamen zwei Frauen mit Kopftuch in unsere Kirche, und wir haben uns lange unterhalten über unseren jeweiligen Glauben. Wenn ich nicht so viel Angst hätte, würde ich auch in eine Moschee gehen und dort diskutieren."

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