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Christian Leipert: Demographie und Wohlstand. Neuer Stellenwert für Familie in Wirtschaft und Gesellschaft

Eine Rezension von Kostas Petropulos zu den Sammelbänden:

Kostas Petropulos | 25.08.2003
    Christian Leipert (Hg.): Demographie und Wohlstand. Neuer Stellenwert für Familie in Wirtschaft und Gesellschaft (Opladen, Leske und Budrich, 304 Seiten, EUR 24,90)

    Hans-Günter Krüsselberg/ Heinz Reichmann (Hg.): Zukunftsperspektive Familie und Wirtschaft (Grafschaft, Vector-Verlag, 452 Seiten, EUR 29,-)

    Es war eine Veranstaltung der Nachhaltigkeit. Ein europäischer Fachkongress mit deutsch- französischem Akzent, unter der doppelten Schirmherrschaft der Präsidenten Chirac und Rau, auf wissenschaftlich höchstem Niveau mit Kapazitäten wie der Nobelpreis-Professor Gary Becker, der Direktor des Ifo-Instituts Hans Werner Sinn, die Bevölkerungs- und Sozialexperten Herwig Birg und Jacques Bichot, ferner Andreas Schleicher, der Kopf der Pisa-Studie, Paul Kirchhof und etliche hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften; sie alle versammelt unter dem Thema Demographie und Wohlstand. Neuer Stellenwert für Familie in Wirtschaft und Gesellschaft. Der Tagungsband mit zum Teil stark ausgearbeiteten Referaten ist jetzt erschienen. Kostas Petropulos stellt ihn gemeinsam mit einem anderen Sammelband über die gleichen Zusammenhänge unter dem Titel Zukunftsperspektive Familie und Wirtschaft vor:

    ‚Die Börse und die Wirtschaft sind unser Schicksal’ - diese Botschaft hämmern uns die Lobbyisten in Wirtschaft und Politik jeden Tag über die Medien ein. Damit waren sie in den letzten Jahrzehnten derart erfolgreich, dass wir jetzt am Anfang einer tiefgreifenden und historisch beispiellosen gesellschaftlichen Krise stehen. Denn während wir darum besorgt waren, der Wirtschaft möglichst gute Standortbedingungen zu schaffen, haben wir über- sehen, was die Begründer der sozialen Marktwirtschaft um Ludwig Erhard herum ganz selbstverständlich wussten: Die Wirtschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann:

    Selbstdisziplin, Gerechtigkeitssinn, Ehrlichkeit, Fairness, Ritterlichkeit, Maßhalten, Gemeinsinn, Achtung vor der Menschenwürde des anderen, das sind die ethischen Werte, ohne die das Marktgeschehen nicht gedeihen kann. (...) Sie muss die Wirtschaft von den Bereichen jenseits des Marktes beziehen: Familien, Kirche, echte Gemeinschaften und Überlieferung.

    An diesen Ausgangspunkt des Konzeptes der sozialen Marktwirtschaft erinnern der renommierte Marburger Wirtschaftswissenschaftler Hans-Günter Krüsselberg und der langjährige Vorsitzende des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer in Deutschland, Heinz Reichmann, in ihrem kürzlich herausgegebenen Sammelband. Unter dem Titel Zukunftsperspektive Familie und Wirtschaft machen sie klar, dass eine der unabdingbaren Voraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit gerade der Marktwirtschaft von den Familien geschaffen wird.

    Im Lebenszyklus geht die familiäre und schulische Sozialisation stets der Erwerbstätigkeit voraus. Nur mit dem Sozialisationserfolg wird effiziente Wirtschaft möglich. (...) Das ganze demokratische Gemeinwesen ist auf motivierte, partizipations- und solidaritätsbereite Bürgerinnen und Bürger angewiesen, deren entscheidende Grundlagen in erster Linie in den Familien gelegt werden.

    Diese Werte, Fähigkeiten und das Wissen, das die Familien in ihrem gemeinsamen Alltag an ihre Kinder weitergeben, bezeichnen die Volkswirte als sogenanntes Humanvermögen. Eine erste seriöse Schätzung dieser Größe kam für das Jahr 1990 zu kaum fassbaren Zahlen. Auf rund 15 Billionen Mark belief sich demnach der Wert des von Familien bis dahin ‚produzierten’ Humanvermögens. Gleichzeitig habe der Wert des reproduzierbaren Sachvermögens wie Gebäuden und Anlagen lediglich sieben Billionen D-Mark betragen, also weniger als die Hälfte des Humanvermögens.

    Daran zeigt sich für das Herausgeberduo, dass der ‚Produktionsort’ Familie und der Produktionsort ‚Wirtschaft’ zwei mindestens gleichwertige Bereiche sind. Dies ist die eine Botschaft, der von Krüsselberg und Reichmann versammelten Autoren und Autorinnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und den Kirchen. Gleichzeitig beschreiben sie, welche Voraussetzungen Familien unbedingt brauchen, um ihre Kinder mit den für unsere hochkomplexe Gesellschaft und Wirtschaft notwendigen Daseinskompetenzen auszustatten. Dazu seien weitreichende Korrekturen unserer geltenden Lebens-, Zeit- und Bewertungsmuster notwendig.

    Dass hier schnell gehandelt werden muss, zeigt die rekordverdächtig niedrige Geburtenrate hierzulande und die beispiellose Überalterung unserer Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten: Wollte man etwa das heutige Verhältnis von erwerbsfähigen Menschen zu Menschen im Ruhestand beibehalten, dann, so stellt der anerkannte Bielefelder Bevölkerungswissenschafler Herwig Birg fest,

    müssten bis zum Jahr 2050 188 Millionen mehr Menschen nach Deutschland einwandern als auswandern

    Diese und andere Fakten finden sich in dem neuen, hochinformativen Sammelband Demographie und Wohlstand. Neuer Stellenwert für Familie in Wirtschaft und Gesellschaft. Herausgeber ist der Berliner Wissenschaftler Christian Leipert, der hier die wichtigsten Beiträge der gleichnamigen europäischen Tagung zusammengestellt hat, die letztes Jahr im Sommer stattgefunden hatte. Genau wie im Buch von Krüsselberg und Reichmann stellen die zahlreichen, hochkarätigen Referenten aus den unterschiedlichsten Tätigkeitsbereichen die Bildung des Humanvermögens der Familien in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Sie beleuchten dabei das Thema aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. So macht der Chef des Münchner Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitutes, Hans-Werner Sinn, schonungslos klar, welche dramatischen Folgen die Überalterung hat. Wenn beispielsweise die Zahl der Erwerbstätigen deutlich schrumpft und zugleich die Gruppe der Ruheständler rapide zunimmt, sei bis zum Jahr 2035 ein Hochschnellen der Sozialabgaben auf mehr als 6o Prozent unausweichlich. Auch die Hoffnung, dass sich dabei wenigstens das Problem der Arbeitslosigkeit lösen würde, sei eine irrige Vermutung:

    Sie entspringt aus einer allzu primitiven mechanischen Sichtweise des Wirtschaftsgeschehens und übersieht, dass die Alterung nicht nur Arbeitnehmer, sondern auch Arbeitgeber aus dem Arbeitsmarkt eliminiert. Zu beachten ist nämlich, dass neue Unternehmen, die neue Arbeitsplätze schaffen, von jungen Leuten gegründet werden.

    Dass die Größe unserer Nachwuchsgeneration nicht erst in der Zukunft, sondern schon heute zu massiven Störungen unserer Volkswirtschaft führt, lässt sich wiederum aus einer neuartigen Studie schlussfolgern, die in diesem Tagungsband dokumentiert ist. Das Statistische Bundesamt hatte dabei erstmals erfasst, wie viel Zeit in und außerhalb der Familien insgesamt an Zeit für die Betreuung, Erziehung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen hierzulande aufgewendet wird. Diesen Zeitaufwand haben die Forscher dann in Arbeitsplätze umgerechnet. Das Ergebnis für das Basisjahr 1990:

    Es zeigt sich, dass das kinderbezogene Zeitvolumen im umfassendsten Sinne einem Äquivalent von knapp 26 Millionen Arbeitsplätzen (...) entspricht. Anders ausgedrückt entspricht das (....) einem Anteil von 85 Prozent des gesamten Arbeitsvolumens oder von 85 Prozent aller Erwerbstätigen.

    Für das Jahr 1998 machte der Zeitaufwand für Kinder sogar fast 93 Prozent des gesamten Arbeitsvolumens aus, oder umgerechnet rund 35 Millionen Arbeitsplätze. Noch interessanter werden diese Zahlen, wenn man sich den Ausfall vorstellt. So kann man zum Beispiel ausrechnen, dass der bei uns in den letzten Jahrzehnten entstandene Geburtenmangel einen Nachfrageausfall bedeutet, der zum Verlust von geschätzten 3,5 Millionen Vollzeit-Erwerbsarbeitsplätzen geführt hat.

    Dem US-amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträger Gary Becker kommt das Verdienst zu, weltweit als Erster herausgearbeitet zu haben, dass das Wohl und Wehe einer Volks- wirtschaft nicht nur von der Zahl der Kinder abhängt. Noch entscheidender seien ihre jeweiligen Wertvorstellungen, Fähigkeiten und ihr Wissen - kurz ihr Humanvermögen. Unverzichtbar in unserer Wissensgesellschaft und maßgeblich von den Familien geschaffen. Die praktische politische Konsequenz daraus:

    Eine allgemeine finanzielle Förderung von Familien durch den Staat ist in dem Maße gerechtfertigt, in dem sie mit der Kindererziehung einen Nutzen für die Gesellschaft erzeugen. (...) Meines Erachtens sollte eine staatliche Geldleistung als generelle Förderung vorgesehen werden, so dass die Familien selbst entscheiden könnten, wie sie mit den Förderungsbeträgen umgehen wollen.

    Das ist nichts anderes als die Forderung nach einem Einkommen für Erziehungs- bzw. Familienarbeit. Ein fachwissenschaftlich und vor allem politisch höchst kontroverses Thema. Dazu finden sich in dem Tagungsband zahlreiche Beiträge von in- und ausländischen Vertretern und Vertreterinnen aus Forschung und Politik. Besonders lesenswert ist dabei der Erfahrungsbericht der norwegischen Familienministerin Laila Davoy über das seit 1998 eingeführte ‚Betreuungsgeld’ von monatlich 41o Euro für Kinder bis zu drei Jahren. Dieses ‚Betreuungsgeld’ erhalten in Norwegen alle Eltern - unabhängig davon, ob und in welchem Umfang sie erwerbstätig sind. Sie können dabei frei entscheiden, ob sie die Betreuung ihrer Kinder selbst übernehmen und damit das volle Betreuungsgeld erhalten oder einer Tageseinrichtung überlassen und dies mit Abstrichen beim Betreuungsgeld be- zahlen. Das Ergebnis:

    Eine Mehrheit der Familien mit Kindern im Alter von ein bis drei Jahren erhält das Betreuungsgeld. (...) Von denen, die das Betreuungsgeld bekommen, erhält der Großteil die volle Summe. (...) Es scheint so, dass jetzt ein höherer Anteil der Kinder im Alter von ein bis drei Jahren überwiegend von den Eltern betreut wird. (...) Bisher hat (...) die Einführung des Betreuungsgeldes zu einer etwas geringeren Erwerbsbeteiligung von Müttern kleiner Kinder geführt. Zusätzlich ist ein Teil der Mütter von einer Vollzeit- auf eine Teilzeittätigkeit übergegangen. (...) Entgegen den Erwartungen vieler waren es die am besten qualifizierten Mütter, die ihre Arbeitszeit am stärksten eingeschränkt haben.

    Bemerkenswert dabei: Auch im frauenpolitisch fortschrittlichen Skandinavien halten sich die Väter trotz guter Rahmenbedingungen in ihrem Engagement für die Kinder sehr zurück. Dennoch zeigt das Beispiel Norwegen eines ganz klar: Bezahlte Erziehungsarbeit der Eltern ist finanzierbar, wenn sie politisch und gesellschaftlich gewollt wird.

    Damit ist allerdings sofort ein anderer Konflikt vorprogrammiert: Wer Eltern mehr Zeit für ihre Kinder ermöglicht, kollidiert bislang mit der immer unerbittlicheren Forderung der Betriebe nach ständiger Verfügbarkeit ihrer Beschäftigten. Der umsichtig argumentierende Jurist und ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht, Paul Kirchhof, fordert deshalb von der Politik hier einzugreifen. Eltern müssten ihr Grundrecht auf Familie und ihr Grund- recht auf Erwerbstätigkeit endlich ohne Benachteiligung ausüben dürfen. Das Bundesverfassungsgericht habe deshalb vom Gesetzgeber verlangt:

    Grundlagen dafür zu schaffen, dass Familientätigkeit und Erwerbstätigkeit aufeinander abgestimmt werden können und die Wahrnehmung der familiären Erziehungsauf- gaben nicht zu beruflichen Nachteilen führt.

    Angesichts des knallharten internationalen Konkurrenzkampfes zwischen immer mehr Unternehmen, die ihre Hauptaufgabe nur noch darin sehen, ihre Aktionäre und ihr Management zu bedienen, klingen diese Forderungen geradezu weltfremd. Spätestens nach der Lektüre der beiden Sammelbände zum Zusammenhang zwischen Bevölkerungsentwicklung und Wohlstand sollte indes jedem klar geworden sein: Gesellschaften, Volkswirtschaf- ten und auch die einzelnen Betriebe haben keine Zukunft, wenn sie ihren Grundbausteinen nicht den notwendigen Lebens- und Entwicklungsraum lassen - nämlich den Familien.