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StartseiteKultur heuteAuf schwimmenden Stegen18.06.2016

Christos "The Floating Piers"Auf schwimmenden Stegen

Ein viele Sinne ansprechendes Projekt präsentiert der bulgarisch-amerikanischen Landschaftskünstlers Christo. Mit den "Floating Piers" verbindet er kilometerlang die mitten im italienischen Lago D'Iseo liegende Insel Monte Isola und ihre Nachbarinsel mit dem Festland. Und wie immer bei Christo ist seine Kunst nur von kurzer Dauer - und verspricht neben ökologischer auch touristische Ästhetik.

Von Henning Klüver

Christo's Projekt "The Floating Piers" am Lago d'Iseo in Italien. (picture alliance / dpa / Filippo Venezia)
Christo's Projekt "The Floating Piers" am Lago d'Iseo in Italien. (picture alliance / dpa / Filippo Venezia)
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Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl. Man betritt am Ufer des Lago d'Iseo den auf der Oberfläche schwimmenden Steg und geht schnurgerade auf die mitten im See liegende Insel Monte Isola zu, die wie ein kleiner Berg aus dem Wasser ragt zu. Der Boden federt unter den Füßen. Und wenn Wellen kommt, übertragen sich leicht ihre Bewegungen. Sorgenvoll geht der Blick zum Himmel und zu den grauen Wolken, die vorüber ziehen. Gewitter und Platzregen hatten gerade in den vergangenen Tagen die Fertigstellung des neuesten Projektes von Christo erschwert.

Doch die Arbeit an den "Floating Piers" ist getan, dunkelgelb zeichnet sich der wie mit einem Lineal gezogene Weg der "schwimmenden Molen" übers Wasser zur Monte Isola ab, und zu der kleinen Nachbarinsel, der Isola San Paolo.

"Die Monte Isola erhebt sich 450 Meter über dem Wasserspiegel des Sees. Auf ihr leben rund 2.000 Menschen. Und die haben keine Brücke, sie müssen immer die Fähre benutzen. Und jetzt können sie für 16 Tage über das Wasser gehen."

Menschen gehen am 17.06.2016 über orangefarbene, schwimmenden Stege im Rahmen des Projekts "The Floating Piers" von Christo auf dem Lago d'Iseo in Italien. Das Kunstprojekt von Christo auf dem Oberitalienischen See wird am 18.06. eröffnet (dpa/picture-alliance/Michael Kappeler)Und wieder einmal hat der Künstler Christo ein aufsehenerregendes Großprojekt geschaffen. (dpa/picture-alliance/Michael Kappeler)

So lapidar beschreibt Christo selbst sein Werk. Aber der technische und organisatorische Aufwand gilt sicher nicht nur der zudem relativen kurzzeitlichen Erleichterung für den Verkehr von und zu den Inseln. Den insgesamt drei Kilometer langen und 16 Meter breiten Weg bilden 220.000 Module aus Polyethylen. Sie sind mit einem dunkelgelben Kunststoff bedeckt, dessen Farbe sich im Sonnenlicht in ein Gelbrot verändert. Der Eintritt ist frei. 24 Stunden am Tag, wenn es das Wetter erlaubt. Zur künstlerischen Bedeutung sagt der Kunstkritiker und Kurator Germano Celant, der das Projekt von Anfang an begleitet hat:

"Das ist ein großes Landschaftsbild. Christo beschäftigt sich aber nicht mehr mit dem Abbild von Landschaft, wie es etwa die Impressionisten getan haben, sondern greift in Landschaft ein. Das ist ein historischer Sprung. Christo macht eine Arbeit, in der man Natur nicht nur sehen, sondern auch erleben kann. Man spürt die Bewegung des Wassers unter den Füßen. Mit einem Wort: Die Impressionisten haben Landschaft repräsentiert, Christo arbeitet mit ihr."

Kunstwerk bleibt für nur 16 Tage bestehen

16 Tage bleiben "The Floating Piers" bestehen, dann wird alles recycelt. Zum Wesen der Arbeit gehört ihr flüchtiger Charakter.

"Der Künstler zwingt der Gesellschaft keine dauerhafte Installation auf. Gerade in der Vergänglichkeit, in der kurzen Dauer liegt ihre Stärke. Sie wird schließlich zum Mythos wie alle wichtigen Arbeiten."

Wasser hat in vielen Projekten der Verpackungs- und Landschaftskünstler Christo und seiner vor sieben Jahren verstorbenen Lebensgefährtin Jeanne-Claude eine Rolle gespielt. In der Stadt Brescia ist im Museo di Santa Giulia bis zum 18. September die Ausstellung "Water Projects" zu sehen. Sie dokumentiert mit Zeichnungen, Collagen und Modellen Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude, die mit Wasser in Verbindungen standen. Das Künstlerpaar hat etwa 1969 einen Küstenstreifen bei Sydney in Australien eingepackt, 1983 Inseln vor Miami mit Stoffplanen umgürtet oder 1985 die Seine-Brücke Pont Neuf in Paris verhüllt.

Die Ausstellung macht die Arbeitsweise der Künstler deutlich. Bereits vor der eigentlichen Realisierung stellten sie Zeichnungen und Collagen her. Über ihren Verkauf wurden die Projekte dann finanziert. "The Floating Piers" sind eine 15 Millionen-US-Dollar Investition. Kosten, die allein das New Yorker Privatunternehmen von Christo trägt. So werden in Brescia auch Arbeiten von dem Iseo-Projekt ausgestellt. Doch bei der Eröffnung heute am See geht es Christo nicht ums Geld.

"Alle unsere Projekte sind materiell und nicht virtuell. Ich selbst kann nicht Autofahren, mag nicht telefonieren, verstehe nichts von Computern. Ich verlasse mich lieber auf meine Sinne. Und das Iseo-Projekt greift eine der ältesten und stärksten sinnlichen Erfahrung der Menschheit auf: das Zufußgehen."

Christos Arbeiten sagt man wegen ihrer zeitlichen Begrenztheit und des damit verbundenen schonenden Umgangs mit der Umwelt eine ökologische Ästhetik nach. Erwartet werden am Lago d'Iseo mehrere Hunderttausend Besucher. "The Floating Piers" sind ein Medienereignis und verfolgen sicher auch eine touristische Ästhetik, was aber kein Nachteil sein muss.

Es ist eine vornehme Aufgabe von Gegenwartskunst, Menschen neugierig auf sich zu machen, die vielleicht noch nie eine Galerie besucht haben. Wenn Kunst dann neben dem kulturellen auch noch ökonomischen Reichtum erzeugt – umso besser. Sicher ist, wer auf Christos Stegen über den See zur Monte Isola gelaufen ist, wird das so schnell nicht vergessen.

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