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StartseiteDie neue PlatteReisende Musiker im Barock20.01.2019

Cicerone Ensemble mit Debüt CDReisende Musiker im Barock

In der vielfältigen Alte-Musik-Szene auf sich aufmerksam zu machen, das ist gar nicht so einfach. Dem Cicerone Ensemble ist das mit seiner ersten CD-Aufnahme jedoch gelungen, die die "Grand Tour" zum Thema hat. Solche Bildungsreisen machten die Komponisten und Musiker im Barock-Zeitalter.

Am Mikrofon: Christiane Lehnigk

Das Ensemble Cicerone mit Thomas Wormitt - Traversflöte, Adrian Cygan - Violoncello und Andreas Gilger - Cembalo Die Musik tragen Konzertkleidung und posieren mit ihren histroischen Instrumenten in einem gestellten Foto (Axel Nickolaus)
Das Trio 'Cicerone' erhielt 2015 den Förderpreis beim Deutschen Musikwettbewerb (Axel Nickolaus)

"Grand Tour - Works by musical Travelers", so heißt die beim Label GENUIN vor gut einer Woche erschienene CD, die wir Ihnen vorstellen möchten. Das Cicerone Ensemble, ein Trio mit Traversflöte, Violoncello und Cembalo, hat mit seiner Debüt-Einspielung ein Programm mit Werken von reisenden Musikern zusammengestellt, von Komponisten, die auf ihren Touren durch Europa jeweils neue Stile kennenlernten. Diese Einflüsse, die mal mehr, mal weniger deutlich auszumachen sind, erhielten im Barock ihre Impulse vor allem von Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien. Das Cicerone Ensemble besteht seit 2013, die Mitglieder sind: Thomas Wormitt, Adrian Cygan und Andreas Gilger.

Musik: Georg Friedrich Händel, Allegro aus Sonate G-Dur, HWV 363b (op.1,5)

Bekanntes, wie dieser Ausschnitt aus der 5. Sonate G-Dur Sonate von Georg Friedrich Händel, steht neben weniger Bekanntem auf dem Programm der Erstlings-CD des Cicerone Ensembles. Komponiert wurde dieses Stück aus Opus 1 wohl in den Jahren 1711 bis 1716, da hatte Händel seine ersten erfolgreichen Italien-Reisen bereits hinter sich und befand sich mittlerweile in London, wo er schließlich seine größten Erfolge feiern sollte. Neben Händel befinden sich in diesem Programm auch Sonaten von Georg Philipp Telemann, Francesco Geminiani, Johan Helmich Roman, Johann Joachim Quantz und Jean-Baptiste Barrière, sowie eine Passacaglia für Tasteninstrumente von Georg Muffat.

Standart-Repertoire und weniger Bekanntes

Die programmatische Klammer ist das Bemühen dieser Musiker, durch Reisen neue Kollegen und Kompositionen, Instrumente und Spielarten kennen zu lernen, um sich weiter zu bilden und nicht zuletzt, um die eigene Popularität zu steigern. Mal war der französische Stil en vogue, mal dominierten die Italiener, es galt immer auch, dem Geschmack des Publikums entgegen zu kommen. Jean-Baptiste Barrière zum Beispiel hat in Frankreich das Spiel auf dem Violoncello perfektioniert und damit die Viola da gamba als Continuo-Instrument zurück gedrängt. Nachdem er nach Italien gereist war und bei Francesco Alborea Unterricht erhielt, wurde er weithin bekannt und galt bald als der bedeutendste Cello-Virtuose seiner Zeit. 

Musik: Jean-Baptiste Barrière, Largo-Giga aus Sonata II a tre d-Moll

Reisende Musiker und Komponisten prägten die Musik im Barock-Zeitalter

Das Cicerone Ensemble hat sich eine Menge Gedanken gemacht zu ihrer ersten Veröffentlichung und ein Konzept entworfen, das im Booklet Text des Cembalisten Andreas Gilger kenntnisreich erläutert wird. Die drei Musiker, die sich schon während ihres Studiums kennengelernt hatten, wollten hier erkunden, wie das Reisen den Stil eines Komponisten in der Barockzeit beeinflusste und was dann aus diesem Stil wurde.

Das alles ist letztlich nur schwer konkret fassbar und es liegt in der Natur musikalischer Aufführungen, so Gilger, "dass viele Informationen über die Jahre und Jahrhunderte verloren gehen". Die Tempofrage stellt sich zum Beispiel auch für jeden Musiker, der sich mit Alter Musik beschäftigt und vielleicht mag das, "was einem modernen Musiker, der unter der Herrschaft des Metronoms aufwächst, extrem erscheint, für einen Musiker des 18. Jahrhunderts eher zahm geklungen haben", so das Ensemble. Auch das entsprechende Instrumentarium zu finden, ist keine leicht zu lösende Aufgabe.   

Hier haben sich die Musiker dazu entschlossen, die Instrumente bei den einzelnen Stücken nicht zu wechseln und sozusagen eine europäische Mischung zusammen zu stellen: Das heißt Thomas Wormitt spielt auf einer deutschen Flauto Traverso von Beck nach einem Modell von Quantz, Adrian Cygan auf einem Violoncello von Löscher nach einem frühen Modell von Ruggieri und Andreas Gilger auf einem Cembalo von Klinkhamer nach Christian Vater. Dabei sind Adrian Cygan und Andreas Gilger nicht nur auf das Continuo beschränkt, sondern können sich auch solistisch präsentieren.

Musik: Georg Muffat, Passacaglia g-Moll aus "Apparatus musico-organisticus" (Ausschnitt)

Programmatischer Zugang zu einem vielfältigen Programm

Andreas Gilger war das mit einem Ausschnitt aus der g-Moll Passacaglia von Georg Muffat aus dessen Sammlung "Apparatus musico-organisticus" von 1690. "Cicerone", was aus dem Italienischen übersetzt so viel heißt wie "Fremdenführer", so hat sich das Trio genannt, das sich jetzt erstmals auf CD mit einem Programm vorstellt. Das übergreifende Thema ist die "Grand Tour", ein seit der Renaissance fester Begriff in der Kulturgeschichte für Bildungsreisen. Zunächst waren es die Söhne des europäischen Adels, später auch des gehobenen Bürgertums, die sich bis ins Heilige Land aufmachten, um Neues zu erkunden. Zwar reisten schon seit dem Spätmittelalter Künstler und Intellektuelle zu den antiken Stätten in Italien, aber geradezu Mode wurde die Grand Tour, die oft mehrere Jahre dauern konnte, im 17. und 18. Jahrhundert. Sie wurde auch ein eigenes literarisches Genre.

Doch nicht nur die Adligen, sondern auch Musiker und Komponisten begaben sich auf beschwerliche und abenteuerliche Wege, um ihren Horizont zu erweitern und einen kreativen Austausch zu pflegen. Die drei Musiker des Cicerone Ensembles sehen sich bei ihrem Programm als "Reisebegleiter" für ihr Publikum. Ihnen ist es wichtig, die Musik nicht lediglich nur zu spielen, sondern sie auch "darzustellen" und "zum Leben zu bringen", sie zu präsentieren, damit sie nicht nur zu Herzen geht, sondern auch nachvollziehbar wird. Das tun sie auch bei ihren Konzerten mit Moderationen und Lesungen und ermöglichen so einen leichten Zugang zur historischen Aufführungspraxis.

Sachkenntnis in historischer Aufführungspraxis

Erfahrung haben alle bereits seit Jahren durch eine Vielzahl von Projekten mit renommierten Alte-Musik-Ensembles, Barockorchestern und Chören, inzwischen lehren zwei von ihnen auch selbst an entsprechenden Ausbildungsstätten. So unterrichtet der Flötist Thomas Wormitt, der sich zunächst Neuer Musik gewidmet hatte, an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, der Dom-Musikschule Xanten und der Folkwang-Musikschule Essen und der Cembalist Andreas Gilger am Salzburger Mozarteum.

Ihrem ausgewogenen, entspannten Zusammenspiel merkt man nicht nur die jahrelange Zusammenarbeit an, sondern auch die kenntnisreiche Auseinandersetzung mit historischen Hintergründen, Spieltechniken und der Aufführungspraxis. Schon 2015, zwei Jahre nach der Ensemblegründung, hat Cicerone ein Stipendium beim Deutschen Musikwettbewerb erhalten, sowie den Förderpreis der Köhler Osbahr Stiftung. Die CD haben Sie 2018 eingespielt, erlebt man die Musiker jetzt im Konzert, kann man erkennen, dass sie sich weiterentwickelt haben und die Arbeit an einem Stück nie als beendet betrachten.

Musik: Francesco Geminiani, 4.Satz aus Sonata II C-Dur                  

Überzeugende Vorstellung eines jungen Ensembles

Sich heute in der vielfältigen Alte-Musik-Szene zu behaupten, oder sich einfach erst einmal bemerkbar zu machen, das ist kein leichtes Unterfangen für ein junges Ensemble. Cicerone setzt da auf eine "Kombination von musikwissenschaftlichen Erkenntnissen und leidenschaftlicher künstlerischer Arbeit" um eine "Balance der unterschiedlichsten Affekte" zu erreichen, die die Musik der Barockzeit so einzigartig mache. Ihre erste CD-Aufnahme ist dafür eine gute Visitenkarte und zeigt eine überzeugende programmatische Herangehensweise.

Das Cicerone Ensemble beim Abhören während der CD-Aufnahme 2018 mit dem Tonmeister Christopher Tarnow, vor dem Aufnahmegerät und mit Kopfhörern (Cicerone Ensemble)Das Cicerone Ensemble beim Abhören während der CD-Aufnahme 2018 (Cicerone Ensemble)

Es wurde ein ausgewogener Klang angestrebt, was aber nicht zu 100 Prozent aufgeht, sind doch bei den Flöten-Sonaten die Continuo-Instrumente oft ein bisschen zu sehr in den Hintergrund gerückt und das Cembalo beim Solo-Stück definitiv zu leise ausgesteuert. Auch die langen Pausen zwischen den Stücken, sogar zwischen den Sätzen stören etwas. Aber ansonsten ist die Abbildung der Instrumente gelungen, die gut miteinander harmonieren. Die Artikulation und die Verzierungen sind geschmackvoll und abwechslungsreich und berücksichtigen die unterschiedlichen, landestypischen Stile der Zeit. Technische Schwierigkeiten scheinen die drei Herren, zumindest bei solch einem Programm, nicht zu kennen, vielleicht täte es der Musik aber gut, wenn sie noch ein bisschen mehr Temperament zulassen könnten.

Musik: Johann Joachim Quantz, Presto aus Solo per il Flauto traverso e Basso, No.231 b-Moll             

Grand Tour - Works by musical Travelers
Cicerone Ensemble
Barrière, Händel, Muffat, Telemann, Geminiani, Roman, Quantz
Genuin

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