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Clash der Musikkulturen

Die Band Kultur Shock aus Seattle macht schon seit rund 20 Jahren das, was gerade sehr populär ist: Genres kombinieren, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben. Und das ist auch als politisches Statement gemeint.

Von Michael Frank | 14.09.2013
    "Vielleicht ist das für euch im Westen neu, aber ich wusste schon lange, wie links, säkular und fortschrittlich Istanbul wirklich ist. Das habe ich schon lange vor den Protesten in diesem Sommer gesagt - in dem Song "Istanbul". Ich habe wirklich sehr viel Respekt vor Leuten, die für ihre Rechte kämpfen. Es sind die säkularen Bewegungen überall auf der Welt, die wir beachten müssen. Wir müssen die säkularen Bemühungen in der islamische Welt unterstützen."

    Die Istanbul-Hymne von Kultur Shock mit Srdjan "Gino" Jevdjevic erschien erstmalig im Jahr 2006 auf CD. Auf dem Cover der CD ist ein südosteuropäisch aussehender Mann im Blaumann zu sehen, er kniet in einem Toilettenraum und putzt das Klo, darunter prangt der Titel der CD: Er macht sich über eine bekannte fremdenfeindliche Vorstellung lustig: "We Came To Take Your Jobs Away" - Wir sind hergekommen, um Euch eure Jobs zu klauen.

    Srdjan "Gino" Jevdjevic war im ehemaligen Jugoslawien mit kommerzieller, westlich getönter Musik erfolgreich gewesen, auch finanziell - in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre als Gino Banana und Mitte der 70er-Jahre als Drummer einer Teenie-Band. Anfang der 90er Jahre kam der Krieg nach Sarajewo. Auch seine Einstellung zum Musikmachen blieb davon nicht unberührt.

    "In den 70er-Jahren war ich in einer Teenager-Band, nicht in einer Boy-Group, wir haben schon selber unsere Instrumente gespielt. Ich habe nicht viel darüber nachgedacht, aber rückblickend kommt mir die Veränderung ganz logisch vor. Ich meine, ich habe während des Krieges begriffen, dass ich jeden Moment sterben kann. Das Leben ist zu kurz, um bis zum Lebensende Popmusik zu spielen, das habe ich begriffen damals."

    Drei Jahre lang erlebte "Gino" Jevdjevic die Belagerung seiner Heimatstadt Sarajewo. Die Versorgung war schlecht, Jevdjevic verlor materiellen Besitz - und viel schlimmer noch: gute Freunde. Als ein Überlebensmittel diente die Musik, Jevdjevic war treibende Kraft hinter der Inszenierung und Aufführungen eines Musicals mit Friedensbotschaft: "Hair". Joan Baez kam im April 1993 auf Einladung internationaler Hilfsorganisationen in die belagerte Stadt. Halbwegs geschützt durch eine schusssichere Weste traf sie an dem Ort eines Massakers den Cellisten Vedran Smailovic, der dort zur Erinnerung an die Toten spielte. Joan Baez lernte damals auch Gino Jevdjevic kennen.

    "Sie kam auf die Bühne während der letzten Nummer des Musicals 'Let the sunshine in'. Ich konnte gar nicht glauben, wer da mit mir auf der Bühne stand. Danach gingen wir an den einzigen Ort, wo man damals im Krieg ein Abendessen bekam, sie tanzte auf einem Tisch, fiel herunter und danach wurden wir enge Freunde. Als ich in die USA kam, machte Kultur Shock rein akustische Musik, und wir gingen mit ihr ein paar Mal gemeinsam auf Tournee. Mehr nicht. Aber sie ist bis heute eine enge Freundin und Unterstützerin geblieben. Als ich in den Westen kam, habe ich im Grunde herausgefunden, dass das Gold, die Volksmusik, mit der ich aufgewachsen war, die ganze Zeit vor mir lag, ich habe sie nur nicht wahrgenommen. Aber da sie bei uns so allgegenwärtig war, neigten wir eher dazu, das zu wollen, was wir nicht hatten."

    Das furiose Saxofon-Solo am Ende dieses Songs von Kultur Shock spielte Amy Denio. Amy Denio ist langjähriges Mitglied der Band und sie hat bei Konzerten von Kultur Shock immer wieder beobachtet, wie Menschen aus unterschiedlichen Kulturen spontan und mit viel Spaß zu einer Gemeinschaft werden. Srdjan "Gino" Jevdjevic drückt das auf seine Weise aus.

    "Ursprünglich sind Menschen nicht verschieden voneinander, egal, ob es um Serben, Kroaten, Türken, Griechen, Deutsche, Franzosen oder Amerikaner geht. Es gibt nur unterschiedliche Arten von Indoktrination und Verdummung der Bevölkerung. Wir versuchen, die Leute wieder in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen, in dem sie waren, bevor sie mit diesem künstlichen Gefühl von Verschiedenheit indoktriniert wurden."