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StartseiteCorso"Ich bin jetzt freier"16.09.2014

Clueso "Ich bin jetzt freier"

Bald 15 Jahre ist er im Geschäft, aber diesmal ist er ganz sein eigener Herr: Clueso – aka Thomas Hübner. Der Musiker und Songwriter hat mit Udo Lindenberg, Wolfgang Niedecken, Herbert Grönemeyer und den Fantastischen Vier gespielt, seine Solokonzerte waren meist ausverkauft. Vor drei Jahren hat er seiner Plattenfirma Four Music den Rücken gekehrt, ist aus dem etablierten System der Musikindustrie ausgebrochen, hat sein eigenes Label "Text und Ton" gegründet und produziert nun selber.

Clueso im Gespräch mit Thekla Jahn

Der Sänger Clueso (picture-alliance / dpa-ZB / Jens Kalaene)
Der Sänger Clueso (picture-alliance / dpa-ZB / Jens Kalaene)

Thekla Jahn: "Stadtrandlichter" - Ihr neues Album erscheint am Freitag mit 14 neuen Songtiteln – und drei kleinen akustischen Interludes. Es hat einige Zeit gedauert, bis Ihr neues Album rausgekommen ist, drei Jahre genau - in denen Sie sich zurückgezogen haben. Für mich klingt "Stadtrandlichter", als ob es um das Zurückkehren nach Erfurt geht – Ihrer Heimatstadt, um ein Erleichtertsein, nach einem Intermezzo in Köln und andernorts, wieder dort anzukommen, wo Sie hingehören, oder?

Clueso: Das stimmt. Wenn man Sachen mag und Sachen einem am Herzen liegen, kriegt man auch ein bisschen Schiss drum. Und Erfurt – ich liebe es dort, ich kann mir aber alles vorstellen, ich kann mir auch vorstellen, wegzugehen. Ich finde Leipzig unfassbar interessant, gerade im Moment, Hamburg auch. Aber ich bin in Erfurt zu Hause und mein Manager meinte irgendwann mal: Man findet alle Ressourcen vor Ort, die man braucht, egal wo.

Jahn: Der Song ist nur eines natürlich der Stücke, die auf der neuen Platte zu finden sind, "Stadtrandlichter" heißt sie. Es ist ein, ja, würde ich mal sagen, ein Album, in dem es um Clueso geht, seinen, ja, wie soll man sagen, seinen Seelenzustand, all das, was in den vergangenen Jahren wohl so passiert ist. Drei Jahre ist es her, seit das letzte Album erschienen ist, "An und für sich" war das. Und in ganz vielen dieser Songs auf dem neuen Album geht es darum, ja, sich irgendwie nicht wohlzufühlen, zu leiden daran, auch daran zu leiden, dass nicht mehr gelacht wird und dass man dann irgendwann, ja, fast schon in eine handfeste Depression gerät.

Clueso: Meinst du das jetzt von den Songs her oder von ...

Jahn: Vom Inhalt der Songs her.

Clueso: Okay, gut. Eine schöne Interpretation.

Jahn: Es klingt fast so als, ja, als ob Sie eigentlich in so einer schweren Depression gewesen sind oder vielleicht noch drin stecken.

Clueso: Nein, nein, gar nicht. Ich hatte einfach ... Für mich ist Musik machen ein Bedürfnis wie essen und schlafen und ich hatte einfach wenig Zeit für meine Leidenschaft. Ich bin kein Kind von großer Traurigkeit, aber es hatte einen komischen Beigeschmack – die Öffentlichkeit, die ich ja irgendwo genieße, und ich habe auch eine sehr hohe Demut meinem Job gegenüber. Aber es hat viel Energie gefressen. Nach "Cello" mit Udo Lindenberg ging es noch mal ein paar Erfolgsstufen nach oben, anderes Klientel, und man geht außer Haus und wird gleich sozusagen bombardiert von den Leuten, die vielleicht auch stolz sind so, was ja total schön ist. Sind vielleicht für andere Menschen Lieblingsprobleme, aber es ist eine Art Energieraub, wenn immer Termine sind. Und ich habe halt gemerkt, dass das, was mir am meisten Spaß macht, ist, befreit Musik machen wie ein kleines Kind, auf dem Boden spielen sozusagen, für niemanden, sondern nur für mich, nicht als Show. Und ich musste mich da irgendwie rauskämpfen. Und das hört man in dem Album, das, dieses Pause-Machen eben auch, "Stadtrandlichter", auf die Stadt gucken, auf ... Ich liebe die Urbanität, ich bin auch ein Energiemensch, der sich das aussucht, das Chaos und die Energie. Aber ich musste mal da draufgucken von außen und mir eine Pause gönnen und Gedanken sortieren, die Archive durchgehen. Wir haben ein eigenes Label gegründet – auch wieder eine Entscheidung, ein krasser Lebensweg.

Jahn: Ja, das eigene Label, das ist "Text und Ton", und da haben Sie jetzt natürlich einen, ja, Umbruch. Sie machen sehr vieles selber.

Clueso: Genau.

Jahn: Sie haben auch eine eigene Mannschaft, die sich um Sie kümmert, die das Marketing macht, die das Merchandising macht. War das alles notwendig, weil Sie vorher das Gefühl hatten, Sie sind in so einer, ja, in so einer Sackgasse oder müssen einfach nur noch reagieren, können, gar nicht mehr selber handeln?

Clueso: Es ist schon, wenn man irgendwas macht, also Musik macht oder irgendwas Kreatives macht, ist es so, als würde man einen Schlüssel schmieden für 1.000 Türen, und man ist dann aktiv – und wird passiv ab dem Moment, wo die Dinge laufen lernen, und dann ist es eher so wie als würde man sich in so eine Geisterbahn setzen und wird an Stellen erschrocken, die von anderen geplant werden und nicht von einem selber. Und diese Situation, darauf klarzukommen einerseits, ist spannend – ich bin ja auch eine Art Wissenschaftler als Künstler, ich gucke mir das an, ich filme das mit, ... 

Jahn: Archäologe vielleicht auch, Psychologe und Archäologe.

Clueso: ... ja, auch vielleicht, alles zusammen, und Journalist, ich sauge auf –, und andererseits ist es aber auch nervig, wenn man da aktiv sein möchte. Man kann nicht aussteigen aus dieser Fahrt. Und das kann man halt nur machen, indem man viel Kraft aufwendet – und ich habe das mit einer Öffentlichkeitssperre gemacht, einfach Öffentlichkeitssperre, für niemanden ein Interview. Es ist sehr schwierig, weil jeder hat ein eigenes Bedürfnis und versucht, einen zu überreden und sagt halt, ich mache das für dich nicht, also für die anderen auch nicht. Und es gab einen Öffentlichkeits-Cut, und ich habe mich auf Dinge konzentriert, die mir wichtig sind. Ich habe mit meinem Großvater Zeit verbracht, 84 Jahre, super-cooler Dude, war angeln und habe mit ihm auch aufgenommen, er macht Musik, klingt ein bisschen wie Johnny Cash, macht so Arbeitersongs mit witzigem Twist. Ich war dann Produzent und habe gemerkt, Opa kommt ins Studio – ich wohne in einer großen WG mit vielen anderen Künstlern, anderen Verrückten –, und Opa passte sofort rein. Der kommt vorbei, alles sammelt sich um meinen ...

Jahn: Aber das alles ist nicht zu finden auf dem neuen Album. Weshalb nicht? Das hört sich eigentlich ganz spannend an.

Clueso: Wie zu finden?

Jahn: Ja, Opa.

Clueso: Opa ist nicht zu hören auf dem Album aus dem ganz einfachen Grund: Ich habe das nicht für die Öffentlichkeit gemacht, dieses Album. Ich wollte Opa von seiner Gitarre trennen, um seine Stimme zu haben, wollte Produzent sein, um den Sound zu finden. Er hat mich gebeten, seine Songs einfach nur festzuhalten. Oma will auch nicht, dass Opa durchstartet, der bleibt eh schon immer länger weg, und ich hatte auch keinen Bock, dass das unter Beschuss gerät. Ich versuche, ... Ebenso wie ich privaten Fragen ausweiche, will ich nicht aus diesem Zusammenhang zitiert werden und dass das unter Beschuss gerät in irgendeiner Form. Was ist das jetzt für Musik? Keine Ahnung – das ist Opa sein Sound, sein Kram. Er legt es auch nicht drauf an, er sagt immer, man muss sich nicht an so junge Leute heften in meinem Alter, und ich respektiere das auch.

Jahn: Was man merkt daran: Sie haben sich wirklich weiterentwickelt in den letzten drei Jahren, haben viel gemacht, haben, ja, mixen noch mal ein bisschen mehr gelernt, produzieren gelernt. Wie ist das jetzt, wo ist das Neue? Fühlen Sie sich jetzt freier? Ist es so, dass Sie sagen können, ja, ich bin jetzt da angekommen, wo ich eigentlich hinwollte?

Wieder mehr Kreativität

Clueso: Ach, das Ankomm-Thema ist sehr schwierig. Ich unterhalte mich mit meinem Opa auch über so was, der kann extrem witzig sein, aber auch sofort umswitchen auf ernst, und ich sage auch immer: Wie ist denn das so, wenn man jetzt älter ist? Tut es weh und irgendwas? Er sagt, wenn man in meinem Alter nicht krank ist, ist man nicht gesund, und zum Thema Ankommen sagt er: Man ist niemals angekommen. Im Kopf ist man irgendwie vom Gefühl der Gleiche, nur in einem älteren Körper. Und ich sehe das mit der Suche halt auch so. Ich bin jetzt freier, ich habe eine Freiheit durch das Label, ich habe eine Freiheit durch das Produzieren, dass ich eine Sprache spreche, die mir erlaubt, wieder auch Sachen abzugeben, um die gleiche Sprache zu sprechen, nicht in einer Fantasiesprache, sondern über Kompressoren und EQs habe ich viel gelernt. Und diese Freiheit wiederum macht auch andere Räume auf, dass man wieder kreativer wird, in einem anderen Bereich denkt, und das ist man wieder nicht angekommen und sucht weiter. Also die Fahrt geht weiter und auch das Suchen. Diese Öffentlichkeitssperre war halt nur einfach wichtig für mich, um Zugang zu finden zum spielerischen Herangehen ohne Ziel, dass man nicht für ...

Jahn: Und vielleicht auch einfach einen Break zu haben.

Clueso: ... einen Break, und dass man auch nicht für Leute Dinge macht, weil wenn man den Fans hinterherrennt, rennen sie irgendwann weg.

Jahn: Spannend finde ich an dem Album – um darauf mal zurückzukommen – den Aufbau. Es ist aufgebaut wie ein Theaterstück, wie ein Dreiakter im Prinzip, es sind jeweils vier Songs. Da geht es zunächst einmal um den Aufbruch, um ein Aufbrechen, "Pack meine Sachen" ist ein Stück davon, dann kommt ein 40-sekündiges Zwischenspiel, eine Pianomelodie, dann kommt eine entfernt englisch sprechende Stimme, die man nicht genau versteht und ein Krankenhauswagen, den man hört. Es wirkt fast so, als ob irgendwas zusammenbricht. Und danach gibt es wieder vier Songs, da geht es um das Ausgebrannt-Sein, den Rückzug, das Nach-Hause-Kehren. Dann wieder eine Unterbrechung von 50 Sekunden, ein wehklagendes "Oh wei, oh wei, oh wei", und danach folgt dann der Neustart. Das ist doch eine ganz klare Entwicklung seit dem letzten Album bis jetzt, oder?

"Ich baue meine Songs auch auf wie eine Kamerafahrt"

Clueso: Ja, das ist ... Bei mir ist es viel Bauch und mein Umfeld funktioniert so auch. Ich mag Filme, ich stehe total auf Filme, inzwischen stehe ich mehr auf Serien, weil die Charaktere einfach vielschichtiger sind und psychologisch durchdachter sind als ein James Bond oder so, und ich baue meine Songs auch auf wie eine Kamerafahrt. Ich kann mich da entscheiden, aus dem Detail immer größer zu werden zu einer Totalen, das ist eine typische Clueso-Erzählweise, dass die Band, die ja drauf wartet, dass ich endlich mit meiner Geschichte fertig bin, sich hinten entladen kann sozusagen. Auch eine Sache, die mich erwachsener macht, ist, sich vielleicht auch mal von Leuten zu trennen. Also als Jugendlicher ist es so: Man ist nur zu denen böse, die zu einem auch böse sind, aber nicht zu Leuten, die einem was Gutes tun. Und ich musste mich auch von Leuten trennen und Situationen und auch Menschen, weil ich gemerkt habe: Ich gehe einen anderen Weg. Also hier können wir nicht zusammen machen, ich habe da eine andere Vision, eine andere Idee. Das war sehr hart. Und beim Album ist es auch so: Ich mag das, wenn es eine Art Hörspiel ist. Es passiert etwas, es ist eine Actionszene, und danach ist Ruhe im Kopf, Platz für ein Interlude und auch Platz zum selber denken. Ich glaube halt, der Hörer hört nicht mich, sondern der hört sich, und dem gebe ich dann halt Zeit.

Jahn: Auf dem neuen Album sind spannende Songs insofern, als dass sie nicht alle in eine Schublade passen, sondern es ist Rock dabei, es ist Pop dabei, Elektro, ein Blues, Hip-Hop. War das auch ein Befreiungsschlag mit diesem Album, dass einfach die Stiletiketten alle noch mal abgerissen werden und Sie sagen, so, ich probiere einfach alles aus, was mir gefällt, jede Richtung kann kommen?

Der Musiker Clueso im Deutschlandfunk (Deutschlandradio - Kerstin Janse)Der Musiker Clueso im Deutschlandfunk (Deutschlandradio - Kerstin Janse)

Clueso: Ja, so ähnlich. Es läuft eher auch über Lust. Ich mache mir da gar nicht so einen Kopf. Das wollte ich vorhin auch noch mal sagen zu dem Album, zu der Reihenfolge und solche Sachen. Das läuft über, dass man irgendwas hört, und Clueso ist ja mehr als nur ich, das ist ja ein Team inzwischen, und dadurch, dass wir keine Idioten sind, klingt es am Ende auch sehr konzeptionell, aber es ist ... Wir unterwerfen uns weniger einem Konzept. Und so ist es auch bei den Songs. Ich hatte Bock, eine Spielfreude an den Tag zu legen, die Band klingen zu lassen, sodass sie befreit sind, auch diese Öffentlichkeit vergessen. Gleichzeitig habe ich die Philosophie, dass ... Die unsicheren Takes, die Aufnahmen, wo man nicht genau weiß, wo es langgeht, sind die magischen. So, und ich versuche, das unter einen Hut zu bekommen. Dass es so klingt, wie die Band klingt, wenn sie live spielt, geht nur, indem man vergisst, und gleichzeitig die Magie zu behalten wie diese ersten Momente, das ist eigentlich eine Diskrepanz dann im Studio. Und das kann man nur machen, indem man zulässt, was gerade passiert und die Leute auch ein bisschen zwingt, von ihrer Vision abzuweichen. Man hat halt Bock, irgendwas Großes, Ausgechecktes zu machen, und dann kommt so ein kleiner Rumpelsong um die Ecke und will das werden – und ich gucke dann halt auf die Sachen die entstehen und folge dieser Vision, bin da auch sehr hart.

Jahn: Was mir auffällt – wenn wir uns jetzt hier so unterhalten –, die Songs auf dem neuen Album klingen nach wie vor eher so ein bisschen melancholisch, und ich habe mich gefragt: Was ist das eigentlich für ein Musiker, der eher so eine melancholische Haltung hat, und wann ist der mal fröhlich? Wann ist der mal lebendig, wann ist der mal euphorisch? Und ich erlebe Sie jetzt ganz anders, also Sie sind ja ganz positiv eher gestimmt. Wie kommt das denn?

Clueso: Ja, bin ich auch. Das Album ist eine Art Zeitdokument und ich schreibe halt ... In den Talfahrten schreibe ich die besseren Texte. Und ich habe auch Lust, dass mich meine Musik piesackt sozusagen, und ich stehe darauf, auf Moll-Akkorde und Stimmungen. Ja, mich muss die Musik piesacken und ich mag Hörspiele und ich stehe auf Inhalt. Einen Partysong zu schreiben ist relativ einfach, für mich, für meine Wesenserscheinung schwieriger.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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