Dienstag, 04. Oktober 2022

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CO2-Einsparung
Streit um Anteil des Biosprits

Aufgrund der geringen CO2-Einsparung möchte die EU-Kommission den Anteil von Biosprit künftig auf fünf Prozent beschränken. Marita Wiggerthale von Oxfam bewertet den Nutzen von Sprit aus Nahrungsmitteln generell kritisch.

Marita Wiggerthale im Gespräch mit Jule Reimer | 11.12.2013

    Jule Reimer: Bis 2020 sollten in der Europäischen Union eigentlich im Verkehrssektor zehn Prozent Antriebsenergie aus den erneuerbaren Energien stammen. Doch mit den Elektroautos geht es nicht wirklich voran, und die müssten ja zudem dann auch noch mit Strom aus Windenergie getrieben werden, und Sprit aus Raps, Soja oder Zuckerrohr ist in Verruf geraten. Zu wenig CO2-Einsparung lautet eine Kritik plus Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion.

    Deshalb will die EU-Kommission den Anteil von Biosprit aus Nahrungsmitteln künftig auf fünf Prozent beschränken. Das Europaparlament will lieber wiederum sechs Prozent Anteil zulassen und der Rat der europäischen Energieminister, der morgen abstimmen muss, sogar sieben Prozent. -

    Frage an Marita Wiggerthale von Oxfam: Die Agentur für Erneuerbare Energien argumentiert, die Agrokraftstoffe hätten 2012 in Deutschland insgesamt 4,7 Millionen Tonnen Treibhausgase vermieden. Ihnen wiederum sind eigentlich fast schon diese fünf Prozent Sprit aus Nahrungsmitteln zu viel. Warum?
    Marita Wiggerthale: Zum einen ist es so, dass durch die Beimischung von Biosprit in Benzin und Diesel es natürlich dazu kommt, dass die Nahrungsmittelproduktion verdrängt wird, die Nahrungsmittelpreise steigen und die EU muss einen erheblichen Anteil importieren. Zum anderen ist es so, dass bei der Klimabilanz natürlich man nur dann praktisch die Emissionen richtig berechnet, wenn auch die indirekten Landnutzungsänderungen mit berücksichtigt werden.
    Reimer: Aber genau um diese Landnutzungsfaktoren gibt es ja auch Streit. Auch da gibt es unterschiedliche Ansichten zwischen EU-Kommission, Parlament und Rat, diese einzubeziehen. Erst mal vielleicht vorab: Der Deutsche Bauernverband sagt, es sei falsch, pauschal für jede Spritsorte, unabhängig von ihrer Herkunft, einen ILUC-Faktor einzuführen, denn damit würden den europäischen Landwirten Treibhausgas-Emissionen aus Waldrodungen auf anderen Kontinenten angelastet. Das kann ja eigentlich auch nicht zutreffen?
    Wiggerthale: Es ist offensichtlich, dass es natürlich Unsicherheiten bei der Abschätzung dieser indirekten Landnutzungseffekte gibt. Aber sie bewegen sich in so einer Größenordnung, dass man sie auch berücksichtigen muss und damit die Förderung generell in Frage gestellt wird.
    Reimer: Aber bei uns sind Umwelt- und Sozialstandards in Europa gesichert. Dann kommt noch das Argument dazu, man könnte bei Raps zum Beispiel auch Teile, etwa den Raps-Kuchen, zur Verfütterung nutzen. Das heißt, die Pflanze wird optimal genutzt.
    Wiggerthale: Genau. Aber bei Rapskluchen beispielsweise ist es so, wenn jetzt die Biospritproduktion wirklich abgeschafft werden würde im Jahr 2020, dann würde man zwar höhere Importe bei den Ölsaaten haben, oder Sojaimporte, um diesen Raps-Kuchen zu ersetzen, aber die Nettoimporte von Getreide und die Nettoimporte von Ölsaaten würden um ein Vielfaches stärker sinken. Deswegen ist der Effekt insgesamt besser bei der Abschaffung der Förderung von Agrosprit.
    Reimer: Das heißt, Sie wollen diesen ILUC-Faktor tatsächlich für alle Produkte, für alle Pflanzensorten einführen?
    Wiggerthale: Ja, genau. Er muss insgesamt bei der Berechnung oder in die Berechnung der Klimabilanz berücksichtigt werden, und welche Werte dann zugrunde gelegt werden, das kann man dann noch diskutieren.
    Reimer: Das sind aber ganz viele unbestimmte Faktoren, die da einfließen. Eine Kritik ist, dass man da praktisch irgendwelche Modelle aufstellt, also nicht einfach die konkreten Emissionen einer Produktionskette aufsummiert, und dass ich gar nicht von hieraus beurteilen kann, welche Auswirkungen dann letztendlich in Sachen Landnutzung und CO2-Emissionen in der Produktionskette überhaupt auftreten, wenn irgendwo in Lateinamerika plötzlich ein Sojafeld an einer Stelle entsteht, wo vielleicht vorher ein Kleinbauer gewirtschaftet hat oder Savanne war?
    Wiggerthale: Ich meine, das Problem ist natürlich, dass es praktisch nur durch Simulationen abgeschätzt werden kann. Das macht ja auch die Unsicherheit aus. Solche Modellanalysen sind komplex und auch vom Grundsatz her mit Unsicherheiten behaftet. Aber das rechtfertigt doch nicht, die durch die Biokraftstoff-Nachfrage verursachten Landnutzungsänderungen und Intensivierungseffekte zu ignorieren, meiner Meinung nach.
    Reimer: Sie könnten ja zum Beispiel auch ökologische und soziale Mindeststandards einführen für den Import von solchen Biokraftstoffen. Das lässt sich zertifizieren. Ist das keine Lösung?
    Wiggerthale: Diese ILUC-Faktoren sind ja auch Teil der Nachhaltigkeitskriterien. Wenn Sie von daher die Klimaeffekte mit berücksichtigen wollen, kommen sie auch um diese indirekten Landnutzungsänderungen nicht herum.
    Reimer: Wie wird Deutschland morgen abstimmen?
    Wiggerthale: Deutschland wird, wenn sich jetzt in der Zwischenzeit nichts daran geändert hat, für eine Obergrenze von sieben Prozent für Agrosprit aus Nahrungsmitteln stimmen, aber an diesem Zehn-Prozent-Ziel festhalten.
    Reimer: Dann sagen Sie uns bitte noch: Wie geht dann der europäische Prozess weiter?
    Wiggerthale: Wenn jetzt der Rat die Entscheidung getroffen hat, könnte dann die Diskussion zwischen Rat, Parlament und der Kommission, wenn es gut läuft, noch vor den Europawahlen stattfinden. Aber es sieht stärker danach aus, dass das erst nach den Europawahlen weitergeht.
    Reimer: Marita Wiggerthale von Oxfam über die morgen anstehende Abstimmung im Rat der europäischen Energieminister zur kommenden Biospritquote. Vielen Dank für das Gespräch.