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"Cold Heat" - allenfalls lauwarm

Der lang ersehnte Auftritt des Star-Cellisten Yo-Yo Mas in der Berliner Philharmonie war zu schön. Das 2. Cellokonzert von Schostakowitsch klang einfach zu schön, dabei muss es einem doch kalt den Rücken herunterlaufen.

Von Mascha Drost |
    Kann man Musik eigentlich zu schön spielen? Ja, man kann - man kann einen Komponisten wie Schostakowitsch zu schön spielen, man kann seinen Werken damit den Schrecken, die Unerbittlichkeit nehmen - man kann sie so ihrer Aussage völlig berauben. Er war in gewisser Hinsicht also skurril, der lang ersehnte Auftritt Yo-Yo Mas in der Philharmonie - wann hätte einen der reine, edle Klang, seine feinen Töne nicht begeistert, das fast schlackenlose, überkultivierte Spiel, sein gelöstes Musizieren nicht hingerissen? Dann, wenn es sich um ein Stück wie das 2. Cellokonzert von Schostakowitsch handelt - zugegeben: Für ein Wiedersehen nach 15 Jahren auch nicht unbedingt ideal. Man kann sich an diesem Konzert nicht erfreuen, es muss einem kalt den Rücken runterlaufen, eiskalt - die Temperatur gestern Abend war allenfalls lauwarm. Es klang einfach zu schön. Zu wenig Biss, zu wenig Besessenheit, zu wenig Raserei in den wenigen heftigen Eruptionen, die das Stück erschüttern, ein Stück das eigentlich den leisen, düsteren, unheimlichen Klängen gehört. Eine ganze Palette von klanglichen Grau - und Zwischentönen steht dem Solisten offen - und es war aber vielleicht auch nicht einfach, diese gestern zum Klingen zu bringen. Zu oft wurden sie überdeckt vor allem von den Bläsern, da hätte David Zinman dem Solisten entgegenkommen können.

    Vielleicht war es aber auch Absicht - vielleicht wollte Yo-Yo Ma durch sein makelloses Spiel, bei dem kein Ton daneben ging, seine weniger unerbittliche denn abgeklärt-lyrische Interpretation das 2. Cellokonzert von Schostakowitsch aus seiner düsteren Beklemmung befreien, den Schrecken nehmen. Das Publikum ließ er allerdings etwas ratlos und ohne Zugabe zurück.

    Stimmung kann bei diesem Programm ohnehin nicht recht aufkommen - die anschließend gespielte 5. Sinfonie von Carl Nielsen ist ein ebenso düsteres, wenn nicht gar brutales Stück, und auch das gestern uraufgeführte Werk des Schweden Anders Hillborg pendelt zwischen üppigem Streichersound und martialischem Schlagzeugdonner. "Cold Heat" so der Titel des Auftragswerkes der Berliner Philharmoniker, beginnt mit sirrenden Streicher, darüber nervös-aufgeregte Bläserfiguren - wie ein impressionistischen Klangteppich, dem man ein paar Elektroschocks verpasst hat. Es ist keine abstrakt-verkopfte Musik, eher sinnlich, mit Streichern, die sich an den Saiten festsaugen, Bläsern die sich Motive wie musikalische Bälle zuspielen und einem Solo für alle Schlagzeuger, die 43 Takte lang auf ihre Gerätschaften donnern. Und nicht nur da - auch in der 5. Sinfonie von Carl Nielsen steht das Schlagzeug, besonders die kleine Trommel im Vordergrund.

    Sehr selten, viel zu selten wird dieses Stück und werden überhaupt Werke des dänischen Komponisten aufgeführt, der immerhin zu den wichtigsten Sinfonikern der Jahrhundertwende zählt. Es ist der alte Kampf zwischen Hell und Dunkel, zwischen Gut und Böse den Nielsen in seiner 5. austrägt. Naturmotive gegen brutale Trommelgeschütze, tonale Klänge gegen dissonante Harmoniegebilde. Scharfe Kontraste kennzeichnen diese Musik, Kontraste, die Zinman eindrucksvoll herausarbeitet: Fast unhörbar lässt er die Bratschen zu Beginn raunen, um dann an den schwärmerischen Stellen den Klang umso satter zu gestalten, es geht Zinman weniger um Effekte als um den großen Bogen, um die Dichte des Stücks. Unaufgeregt aber mit innerer Spannung dirigiert er das halbstündige Werk, geht weder in den musikalischen Abgründen der Sinfonie verloren, noch lässt er in den hymnischen Stellen zu viel Utopie erblühen. Dem Dänen Carl Nielsen wäre diese nicht auf Effekte getrimmte, und trotzdem wirkungsvolle Interpretation sicher recht gewesen - und dem Berliner Publikum war sie es auch.