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StartseiteCorso"Humor ist eine schöne Sprache"01.08.2019

Comedian und Rollstuhlfahrer Tan Caglar"Humor ist eine schöne Sprache"

„Rollt bei mir“, heißt die Biografie des Comedians, Rollstuhlbasketballers und Models Tan Caglar - über sein Leben mit türkischem Hintergrund, der zunehmenden Behinderung und dem ungewöhnlichen Weg zur Comedy. "Es gibt einen Trend, über Themen zu sprechen, die vorher tabu waren", sagte Caglar im Dlf.

Tan Caglar im Corsogespräch mit Anja Buchmann

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(Angela Wulf)
"Rollt bei mir": der Comedian, Autor und Rollstuhlbasketballer Tan Caglar (Angela Wulf)
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Anja Buchmann: "Rollt bei mir", heißt das gerade veröffentlichte autobiografische Buch eines Künstlers, der darin auch Ausdrücke verwendet wie "mit dem falschen Rad aufgestanden" oder "ich bin ein Mensch mit Rotations-Hintergrund". Wer sich's noch nicht gedacht hat: Der Künstler sitzt im Rollstuhl, und zwar zum Gespräch jetzt in einem Studio in Hannover. Und wer es ist, das verrät er jetzt selbst in einem kurzen Steckbrief. Schönen guten Tag - und: ihr Name bitte.

Tan Caglar: Hallo, ja ich bin der Tan Caglar, das "G" ist stumm, und ich bin 39 Jahre alt, geboren und wohnhaft in Hildesheim, ja, beruflich, Doppelpunkt … Haben Sie zehn Minuten Zeit, oder?

Buchmann: Ja, vielleicht knapp jetzt sind Sie schon so ausführlich, ich hätte all das auch abgefragt. Aber ist ja nicht schlimm. Dann erzählen Sie mal weiter, beruflich - Doppelpunkt ...

Vom Rollstuhlbasketball zur Comedy

Caglar: Ja, super, ja, also ganz, ganz ursprünglich hat alles angefangen als Werbekaufmann und bin dann aber auf Grund des schleichenden Prozesses der Behinderung – also, ich bin schleichend in den Rollstuhl gekommen – ist es so, dass ich dann irgendwann den Job aufgegeben habe, bin dann zum Rollstuhlbasketball gekommen, hab' dann ein bisschen Modeln dürfen und bin dann weiter als Coach unterwegs gewesen, in Seminaren und Motivationskursen. Was mich dann letztendlich auch zu der Comedy geführt hat, die ich heute ja hauptberuflich mache.

Buchmann: Der Weg zur Bühne - Sie haben es nur ganz kurz angerissen, was sie alles vorher schon gemacht haben - als Comedian ist schwer und hängt natürlich von verschiedenen Faktoren ab. Richtige Zeit, richtiger Ort, richtige Personen, passender Humor, auch Online-Aufmerksamkeit und so weiter. Wie sind Sie dahin gekommen?

Caglar: Ja, das war tatsächlich wirklich nur Weg, der total zufällig sich irgendwie ergeben hat. Also, es hat wirklich angefangen mit dem Basketball irgendwo, und da hat dann der Fotograf, der Mannschaftsfotograf, gesagt: "Ja, hier bei den Einzelporträts, kommt ganz gut rüber. Hast du denn nicht Bock, irgendwie mal so eine Einzel-Fotosession zu machen?" Hab' ich gesagt: "Ja, warum nicht." Und dann bin ich da zu dem ins Studio und dann hat er gesagt, dürfte ich mit dem Bild bei diesem Wettbewerb mitmachen? Das war so ein Newcomer-Wettbewerb. Und dann hat er mit diesem Bild von mir, wo ich halt im Rollstuhl sitze und die Arme so ein bisschen ausbreite, hat er das tatsächlich gewonnen, diesen Wettbewerb.

Und dann ging es tatsächlich so ein bisschen die Runde, bis dann halt irgendwann tatsächlich sogar ein Veranstalter von der "Berlin Fashion Week" aufmerksam wurde und gesagt hat: "Hast du nicht irgendwo Bock, meine Klamotten vorzustellen?" Da habe ich gesagt: "Wie stellen sie sich das vor, soll ich da auf dem Catwalk rumfahren, auf dem schmalen Steg da?" Und da hat er gesagt: "Sie können das jetzt nicht umbauen, aber man kann ja mal trainieren und mal gucken, ob du an den schlanken Models vorbeifahren kannst, sozusagen." Und das war dann halt natürlich schon ein großer Schritt. Wenn man das so sagen kann als Rollstuhlfahrer. Aber es war halt wirklich nur eine schöne Sache, dass man da eine gewisse Message aussenden konnte und sagen konnte: "Hey, man muss nicht immer perfekt sein - gerade nicht in einer Welt, die aus Perfektion besteht, die ja die Model-Welt sicherlich ist."

"Mit Humor kann man die Leute sehr gut abholen"

Und da hat sich dann das auch ergeben, dass ich dann auch mal an Firmen und dann an Schulen war und Workshops geben durfte. Zum Thema Rollstuhlbasketball und Motivation generell. Und da hab ich festgestellt, ja, so mit Humor kann man die Leute sehr gut abholen, und hab' dann die lustigen Stellen in meinem Leben tatsächlich immer weit in den Vordergrund gestellt, weil ich das Gefühl hatte, dass das am besten ankam. Also Humor ist halt eine sehr schöne Sprache, um so ein sensibles Thema zu transportieren.

Und dann war es tatsächlich so, dass irgendwann mal nach dem Seminar ein Teilnehmer zu mir kam und gesagt hat: "Mensch, Herr Caglar, das war ja wie Comedy. Na, das war so unterhaltsam. Wir dachten, jetzt kommt hier so ein leicht unterhaltsamer Inklusions-Vortrag." Das hab' ich öfter mal gehört. Und dann hab' ich wirklich ganz naiv mal gegoogelt, also geschaut: Gibt's irgendwie eine Agentur, macht das schon irgendjemand? Also gibt es einen Rollstuhlfahrer, der Comedy macht? Und dann hab' ich da angerufen bei einer Agentur, mit der ich heute auch noch zusammenarbeite und hatte gleich den Chef am Telefon, das wusste ich nicht. Habe dann gesagt: "Hallo hier ist der Tan aus Hildesheim und ich bin Rollstuhlfahrer und will Stand-up machen." Dann war fünf Sekunden lang Ruhe am Telefon. Er angefangen zu lachen, ich angefangen zu lachen. Und da hat er gesagt: "Ja, da haben wir ja schon den ersten Gag. Komm, wir treffen uns morgen mal." Und so ging das Ganze los.

(Angela Wulf)Comedian und Autor Tan Caglar (Angela Wulf)

Buchmann: Aber dann müssten Sie schon eine kleine Ochsentour noch machen. Dann ging ja nicht alles direkt auf die ganz großen Bühnen, sondern Sie mussten dann auch irgendwie in Mixed-Shows und Open-Mic-Veranstaltungen sich auch durchkämpfen, oder?

Caglar: Absolut. Also, ich hab da keine … durch das Alleinstellungsmerkmal Rollstuhl jetzt keine großen Vorteile gehabt. Ich hatte halt das Glück, dass ich gleich am Anfang ... das nannte sich "Desimos Spezialclub", das war mein allererster Auftritt in Hannover. Da saßen gleich irgendwie 350 Leute, und ich wurde halt angekündigt, mit: "Ich hab da noch jemanden, der tritt zum ersten Mal auf, und ich hab' dem ein paar Minuten gegeben." Und das fand ich halt super, weil der noch nichts vor mir gesehen hat, es gab ja kein Videomaterial und gar nichts. Und man hat gemerkt, dass die Leute natürlich keine große Erwartungshaltung hatten. Weil vor mir war ein Konrad Stöckel, der mittlerweile sehr bekannt ist, das ist dieser verrückte Professor, der oft im Fernsehen ist. Nach mir kam Ingo Oschmann. Also ich war irgendwie so im Sandwich der Profis. Und diese Lockerheit, die die Leute mir gegenüber aufgebracht haben, weil die halt einfach gedacht haben: "Na ja, gut gucken wir mal, der wird jetzt wahrscheinlich nicht so lustig sein." Und das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben. Und tatsächlich war das ein sehr, sehr toller Auftritt, der dann sehr gut geklappt hat. Und das hat mir natürlich eine große Motivation auf für die zukünftigen Shows gegeben.

Buchmann: Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass Themen wie eine Behinderung oder Unzulänglichkeit oder Krankheit oder wie auch immer zum Thema zu machen, in der Comedy fast so etwas wie ein kleiner Trend ist. Im Sinne von - ich denke an Nico Semsrott oder Helene Bockhorst oder Tobi Katze. Das sind alles drei Leute, die Depressionen, die sie selbst erlebt haben oder noch drin sind, zum Teil als Thema vom Kabarett, von ihrem Programmen machen beziehungsweise Comedy-Programmen. Um Depression geht es bei Ihnen jetzt nicht, obwohl sie die auch durchleiden mussten, wie ich in ihrem Buch gelesen habe. Haben Sie das Gefühl, dass so ein bisschen auch die Zeit der Tabus vorbei ist, so nach dem Motto vielleicht vor 15, 20 Jahren oder so hätten Leute gesagt: "Nee, so etwas möchte ich auf der Bühne nicht sehen oder nicht hören. Thema Unzulänglichkeiten, Handicaps, Behinderungen, Krankheiten - wie auch immer -, es gehört da nicht hin, wir wollen einfach nur ablachen - und nicht über sowas."

Über Tabu-Themen sprechen

Caglar: Man merkt schon, dass eine gewisse Offenheit da ist und gerade auch im Kabarett-Bereich, wo ja auch sehr viel Gesellschaftskritisches behandelt wird. Was ich sehr gut finde, wo man halt auch mal Passagen hat, wo man eben nicht nur die ganze Zeit lachen muss. Ich glaube auch, wenn ich selber mich in die Rolle des Zuschauers versetze und in eine Solo-Show gehe, wo es 90 Minuten lang ein Künstler präsentiert, dann wäre es auch sehr anstrengend, die ganze Zeit lachen zu müssen. Aber wenn man es schafft, solche sensiblen Themen humorvoll und auch charmant rüberzubringen … und das ist, glaube ich, die Kunst des Ganzen … wenn ich als Zuschauer merke, da ist eine Verbindung da zu dem Thema, dann nehme ich es ihm auch ab. Und dann lache ich auch. Weil Lachen ist ja jetzt nicht nur ein Reflex, wenn man sagt: "Ah, ich finde es lustig!" Sondern ist auch eine Art von Sicherheit dann, was man auch spürt. Und das ist auf der Bühne genauso wie im Alltag.

Also Leute haben natürlich auch eine gewisse Unsicherheit mit dem Thema. Wenn Sie jetzt einen Rollstuhlfahrer, wie in meinem Fall, sehen, wissen sie vielleicht erst mal gar nicht: "Oh, wie gehe ich damit um, wie ist der? Ist der locker, ist er vielleicht eher angespannt, braucht er Hilfe?" Und wenn man demgegenüber tritt und zeigt: "Hier, ich komme damit gut klar", dann ist das auf der Bühne genau dasselbe wie im Alltag. Dann hat man so eine gewisse gegenseitige Lockerheit. Ich glaube, das haben viele verstanden. Und deswegen geht gerade dieser Trend. Und ich hoffe, es bleibt kein Trend, sondern es wird zur Normalität, auch über Themen zu sprechen, die vielleicht vorher eher tabu waren.

Buchmann: Ich finde das ganz interessant, weil ich auch daran denken musste, das vor Kurzem ein Künstler, Kay Ray war das, ihm wurde ein Auftritt in Monheim oder so, wie auch immer, abgesagt vom dortigen Bürgermeister. Und ein Vorwurf an ihn war unter anderem, er sei behindertenfeindlich oder seinen Humor sei behindertenfeindlich, und der Künstler selbst sagte: "Ich mache einfach Witze über alles. Behinderte werden dann nicht ausgenommen." Und von diesem konkreten Fall jetzt mal abgesehen. Ihre Meinung dazu scheint auch eher zu sein - wenn ich das richtig herausgehört habe -, dass Nichtbehinderte vielleicht nicht unbedingt Witze über Behinderte machen sollten; oder auch Nichttürken nicht über Türken und so weiter.

Caglar: Es kommt so müssen darauf an, wie was sie sagen, glaube ich auch. Es ist jetzt sehr schwierig im einzelnen Fall, man muss sich das halt anhören, was Kay Ray jetzt genau gemacht hat. Ich kenne ihn so ein bisschen vom Typ her so. Ich glaube, ich wäre jemand, der ihm das nicht übel nimmt, weil er halt einfach selber auch eine sehr schräge Figur ist und mit Sicherheit auch selbst sehr viel auf Vorurteile trifft und so weiter. Und das auch seine Art ist, das zu verarbeiten. Deswegen finde ich das okay. Man kann das aus diesem Beispiel, was sie gerade genannt haben, ein bisschen raushören, dass da so ein bisschen Political Correctness drin ist. Sicherlich hätte man mir nicht abgesagt, wenn ich gesagt hätte, ich mache aber auch Witze über das Thema Behinderung. Ich mache ja nicht über behinderte Menschen Witze, sondern ich erzähle, was mir passiert. Und ich finde es eigentlich schade, ich hätte es nicht abgesagt. Ich finde es wichtig, dass man darüber redet. Es kommt aber wirklich drauf an, wie der Kollege Kay Ray, dass dann auch letztendlich rüberbringt, ob man ihm das dann auch anmerken, dass er eigentlich auf der Seite - ich sage jetzt mal - der Behinderten ist und nicht gegen die, auch wenn er Witze darüber macht. Man kann das natürlich immer wieder so im Programm einbringen, dass man ganz klar auch mal einen Spiegel vorhält und klarmacht: "Ich bin ja eigentlich gar nicht gegen. Aber indem ich euch das erzähle, könnt ihr mal sehen, wie schade es ist, wie unsicher wir mit diesem Thema umgehen."

"Darfst du betrunken Rollstuhl fahren?"

Buchmann: Was ist die blödeste Frage, die Sie als Rollstuhlfahrer jemals erhalten haben und vielleicht auch als Comedian aufgreifen?

Caglar: Es gibt viele Klassiker, ich hab da so eine "Top 3", also so etwas wie: "Entschuldigung da drüben, auf der anderen Straßenseite ist auch noch ein Rollstuhlfahrer - kennen sie sich?" Find ich super. "Darfst du betrunken Rollstuhl fahren?" Finde ich super. Wo man mal sehr gut antworten kann: "Nee, die Polizei hat mich dann an, und ich muss dann zu Fuß weiterlaufen." Das finde ich immer klasse. Aber meine absolute Lieblingsfrage, und dass es mir wirklich passiert, war in Köln in der Fußgängerzone …

Wir haben noch länger mit Tan Caglar gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Buchmann: In Köln? Das kann ja gar nicht sein.

Caglar: Das war der Wahnsinn. Ja, es ist typisch Kölner. Also, es war so ein ganz, ganz offener, lustiger Jeck. Also, es war so en Kölscher Jung, und der kam auf mich zu. Der war älter, also der war so um die 70, schätze ich den. Ich habe Schaufenster geguckt, und da kam dann zu mir und hat gesagt: "Hör mal, min Jung. Isch hab dich von da drüben beobachtet, du machst eigentlisch einen ganz sympathischen Eindruck. Hast du denn schon mal versucht, zu Laufen?" Ja, ich fand die Frage gleichzeitig total doof, aber auch super sympathisch. Das ist wieder so ein gutes Beispiel, weil derjenige, der das gefragt hat, einfach diese Frage ernst gemeint und gelebt hat.

(Marek Kruszewski)Tan Caglar - Comedian, Autor, Coach (Marek Kruszewski)

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Tan Caglar: "Rollt bei mir!"
Ullstein Buchverlage Berlin, 2019. 256 Seiten, 8,99 Euro.

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