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Condi und die Ultrafalken

Die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice hat ihre Memoiren geschrieben – und reiht sich damit in die Riege ehemaliger Spitzenpolitiker ein, die sich an ihre Zeit im Kabinett der ungeliebten Regierung George W. Bush erinnern.

Von Katja Ridderbusch |
    2700 Seiten Erinnerung, Rechtfertigung, Posieren für die Geschichtsbücher. 2.700 Seiten Memoiren, mit denen die Schlüsselfiguren der Regierung von George W. Bush seit gut einem Jahr den globalen Buchmarkt beglücken.
    Den Anfang hatte der frühere US-Präsident selbst mit seinem markigen Erinnerungsband "Decision Points" gemacht. Es folgten der ehemalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Vizepräsident Dick Cheney. Jetzt hat auch Condoleezza Rice ihre Memoiren vorgelegt, Nationale Sicherheitsberaterin und spätere Außenministerin. Im amerikanischen Rundfunk NPR erklärt Rice, warum auch sie zur Feder griff.

    "Ich hoffe, dass das Buch eine Ahnung davon vermittelt, wie Politik wirklich aussieht. Dass dort Menschen arbeiten, die fehlbar sind und die versuchen, schwierige, manchmal fast unlösbare Probleme zu bewältigen."

    "No Higher Honor" unterscheidet sich durchaus wohltuend von den eitlen Konvoluten der Vorgänger. Der Ton ist selbstbewusst, aber nicht selbstgerecht, die Sprache klar, kühl, schnörkellos.

    Die Memoiren der Condoleeza, genannt Condi, Rice spannen einen Bogen vom Beginn der Zusammenarbeit mit George Bush, als dieser noch Gouverneur von Texas war, bis hin zur Amtsübergabe an Präsident Barack Obama. Rice hat gut daran getan, mit ihrem Buch zu warten: Denn in Zeiten des Wahlkampfs erleben frühere Regierungen häufig eine Renaissance. Von diesem wiedererwachten Interesse profitiert die ehemalige Außenministerin – ebenso wie von der Tatsache, dass sie schon immer als einzig Besonnene in einer Regierung der Ultra-Falken galt. "Das sind die ersten ernst zunehmenden Memoiren aus der Bush-Präsidentschaft", schreibt denn auch die "Washington Post".
    Condoleezza Rice räumt in ihren Erinnerungen ein: Die USA hätten ihre Kriegspläne gegen den Irak undiplomatisch gegenüber Öffentlichkeit und Alliierten kommuniziert. Allerdings rechtfertigt sie den Feldzug selbst:

    "Tatsache ist: Wir sind im Irak einmarschiert, weil wir keine anderen Optionen mehr hatten. Die Sanktionen zeigten keine Wirkung, die Waffeninspektionen verliefen unbefriedigend Saddam Hussein war wie ein Krebsgeschwür im Nahen Osten; er hatte seine Nachbarn angegriffen und die Region ins Chaos gestürzt."

    Auf Saddams vermeintliche Massenvernichtungswaffen, die nie gefunden wurden, geht die Autorin nur am Rande ein. Dagegen weist sie die Behauptung vieler Kritiker zurück, die Bush-Administration habe den Anlass für den Angriff fabriziert:

    "Präsident Bush brannte keinesfalls darauf, in den Krieg zu ziehen. Ihm war sehr wohl bewusst, was es heißt, Männer und Frauen in den Kampf zu schicken."

    Condoleezza Rice: Die Frau, die American Football liebt, die beinahe Konzertpianistin geworden wäre und die heute als Professorin an der renommierten Stanford University lehrt, verbindet eine langjährige Freundschaft mit George Bush. Umso überraschender ist es, dass die persönlichen Passagen über den Präsidenten in ihrem Buch seltsam knapp und blutleer bleiben:

    "Ich mochte ihn. Er war humorvoll und respektlos, aber auch sehr ernsthaft, wenn es um Politik ging."

    Dass Rice das Ohr des Präsidenten hatte, sorgte unter den Männern in der Regierung für Neid, Missgunst und Misstrauen – und führte dazu, dass Rumsfeld und Cheney ihre Kollegin Rice – die Jüngere, die Klügere, die Frau – häufig von ihren Hinterzimmermanövern ausschlossen. Offenbar haben die Politveteranen diese Kränkung bis heute nicht verwunden: Rumsfeld spricht in seinen Memoiren abfällig über "die Akademikerin, Sie wissen schon". Und Cheney beschreibt Rice als naiv, überfordert und emotional. Condoleezza Rice pariert diese Attacken elegant. Ihr Konflikt mit den beiden Herren sei politischer, nicht persönlicher Natur gewesen.

    "Persönlichkeiten können durchaus den Stil von sachlichen Auseinandersetzungen prägen. Ich bin bis heute mit Don Rumsfeld befreundet. Und ich habe Respekt vor dem Vizepräsidenten. Wir waren nur einfach unterschiedlicher Meinung."

    So kritisiert Rice, dass Rumsfeld zu Beginn des Krieges zu wenige Truppen in den Irak geschickt habe, und dass Cheney hinter ihrem Rücken eine Militärkommission zur Verurteilung vermeintlicher Terroristen eingesetzt habe.
    Trotz Kriegen und Finanzkrise ist Condoleeza Rice am Ende optimistisch, dass Amerika weiterhin eine Führungsrolle in der Welt spielen werde. So gehört es sich schließlich für eine loyale Diplomatin – und einen wahren Football-Fan:

    "Ist Amerika die Puste ausgegangen, das Selbstvertrauen und der Optimismus? Ganz sicher nicht. Wir haben gar nicht die Wahl, uns an den Spielfeldrand zurückzuziehen."


    Condoleezza Rice: No higher Honour. A Memoir of my Years in Washington.
    Crown Publishers Group, New York, 766 Seiten, 20,95 Euro
    ISBN: 978-0-307-58786-2