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Startseite@mediasresDas Podcast-Battle zwischen Drosten und Kekulé18.03.2020

CoronaDas Podcast-Battle zwischen Drosten und Kekulé

Christian Drosten im NDR gegen Alexander Kekulé im MDR - das große Duell der Virologen-Podcasts hat begonnen. Unser Kolumnist Arno Orzessek denkt noch einen marktwirtschaftlichen Schritt weiter und freut sich schon auf Sendung wie "Das virologische Quartett" oder "Das Viren-Sextett".

Von Arno Orzessek

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Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charite Berlin, sitzt auf dem Podium bei der Bundespressekonferenz. (imago images / Jürgen Heinrich)
Virologe Christian Drosten ist die Nummer Eins der Corona-Podcaster - aber er hat Konkurrenz bekommen (imago images / Jürgen Heinrich)
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Ob Hochkultur oder Kirche, Club oder Kneipe, Bundesliga oder Bordell -für jedes gesellige Freizeitvergnügen gilt nun erst einmal: Schluss, aus, vorbei! Den Menschen, diesen Kuschelwesen, wird jetzt höchst artfremdes Social Distancing abverlangt.

Insofern kein Wunder, dass sich die kasteite Lust am prallen Leben teils in anrüchigen Corona-Partys entlädt: Abfeiern, bis die Polizei kommt! Hätte das Virus Hände, es würde dazu Beifall klatschen. Aber Corona-Partys sind nicht jedermanns Sache, klar. Die meisten Leute wollen ihr Leben lieber retten als riskieren und lassen für trockene Viren-Infos jede feuchtfröhliche Sause sausen. Was Konsequenzen nach sich zieht, die Robert Koch, dem Virus-Jäger aus Kaisers Zeiten, gefallen hätten.

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Denn ein Virologe wie Christian Drosten ist heutzutage beileibe kein nerdiger Reagenzglas-No-Name, sondern ein medialer Superstar. Und vielleicht ist sogar noch Luft nach oben. Auf Twitter jedenfalls fragt sich die Fan-Gemeinde: "Kann Christian Drosten Kanzler?" Und das nicht erst, seit Friedrich Merz, der selbst gern Kanzler würde, positiv getestet wurde.

Auch für Corona-Podcasts gelten Regeln der Marktwirtschaft

Zu besseren Zeiten hätte man wohl gesagt: Die Expertise des smarten Drosten verbreitet sich so unwiderstehlich wie ein Virus - nicht zuletzt dank Drostens Corona-Podcast im NDR: Tag für Tag fast 30 Minuten Info-Stoff der Premium-Klasse - wissenschaftlich solide, verständlich für Kreti und Pleti, angenehm im Ton.

Da ist der besorgte Bürger natürlich schnell angefixt. Und umso schneller, wenn er - in seiner Wohnung kaserniert - die Zeit mit Medien totschlagen muss, die vom Virus infizierter sind als er es selbst ist.

Indessen unterliegt auch Corona-Knowhow den Regeln der Marktwirtschaft: Konkurrenz belebt das Geschäft, und andere Koryphäen haben ebenfalls das Zeug zum Viren-Papst. Darunter Alexander Kekulé, der sich seit dieser Woche über den MDR-Podcast "Kekulés Corona-Kompass" verbreitet - übrigens eine verzweifelte Alliteration. Denn ob Norden oder Süden, Osten oder Westen – das Virus ist überall, und die meisten Grenzen sind zu.

(Erik Zimmermann)Arno Orzessek (Erik Zimmermann)Arno Orzessek. Seit 1966 Arbeiter- und Bauernsohn, geboren in Osnabrück. Studierte in Köln Philosophie und anderes. Dank "unverlangt eingesandt": SZ- und DLF-Autor; auch: zwei Romane. Lebt seit 2000 rundfunktreu in Berlin. Angesichts der Unordnung der Dinge thematisch unspezialisierter Stoffwechsel-Spezialist. Welt-Erfahrung per Motor- und Rennrad, plus Lektüre. Radio-Ideal: Geistvolles in sinnlicher Sprache; Ziel: Gedankenübertragung; Methode: Arbeit am Text; Verfassung: der Nächste bitte!

Stubenhocker brauchen keinen Kompass, lieber MDR! Schon eher einen Corona-Knigge. Egal. Wer den Kompass-Podcast einschaltet, merkt bald: Kekulé will seinen Kollegen Drosten nicht unbedingt als Regierungsberater ablösen, er gibt sich widerborstig. In der zweiten Podcast-Folge zum Beispiel leistet sich Kekulé ein Sakrileg: Er tritt dem Robert-Koch-Institut, dem Allerheiligsten der hiesigen Virologie, vors Schienenbein.

Das Institut hatte nämlich noch am 22. Januar verlautbart: Corona kommt mutmaßlich aus China nicht raus. Es war genau der Tag, so erläutert Kekulé, an dem die Johns-Hopkins-Uni in den USA ihren weltweiten Infektions-Zähler ins Netz stellte, der bis heute die Menschheit mit Daten füttert.

"Das virologische Quartett": Potenzial für Traumquoten

Und dann wäre da noch Hendrick Streeck, der Nachfolger von Drosten an der Uni Bonn. Vorgestern meinte Streeck im FAZ-Interview, was Sie so weder von Drosten noch von Kekulé gehört haben: dass es nämlich sein könne, "dass wir im Jahr 2020 [in Deutschland] zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr."

Streeck sagte nicht: Nehmt das, Ihr Hysteriker! Aber seine Worte enthielten durchaus ein Quantum Trost. Ab zur nächsten Corona-Party also? Nein! Das wird Ihnen im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk niemand raten. Wir möchten ARD oder ZDF jedoch zu einer Sendung motivieren, in der unsere Top-Virologen ihre Differenzen austragen, nicht zuletzt, was Leben und Tod angeht.

Die Sendung könnte "Das virologische Quartett" heißen oder "Das Viren-Sextett" oder, wenn denn viel viel hilft: "Das Corona-Dekagon". Reine Experten-Diskurse, kein dilettantisches Gequassel - das wäre korrektes Fernsehen in Zeiten der Pandemie!

Sollten irgendwann 70 Prozent von uns infiziert sein, wie Angela Merkel weissagte, dürfte eine solche Virus-Sendung Einschalt-Quoten haben wie einst Fußball-Länderspiele.

Ob es die überhaupt je wieder geben wird, grübeln Sie? Tja, das soll am besten Bundeskanzler Christian Drosten entscheiden, sobald Corona am Impfstoff verreckt ist.

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