Samstag, 04.04.2020
 
Seit 18:10 Uhr Der Abend
StartseiteForschung aktuell"Wir haben genug Intensivbetten"11.03.2020

Corona-Notfallpläne in Krankenhäusern"Wir haben genug Intensivbetten"

Käme es zu so vielen Corona-Infektionen wie in Italien, hätten deutsche Krankenhäuser genügend Betten, sagte der Intensivmediziner Uwe Janssens im Dlf. In diesem Fall müssten die Ärzte aber manchen geplanten Eingriff absagen, bestimmte Stationen räumen und vom Normal- auf Notfallbetrieb umstellen.

Uwe Janssens im Gespräch mit Arndt Reuning

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Ärztin betreut eine Patientin auf der Intensivstation. (imago/photothek)
In Deutschland gebe es fast 34 Intensivbetten pro 100.000 Personen, so viel wie in keinen anderem Land in Europa, sagt der Intensivmediziner Uwe Janssens (imago/photothek)
Mehr zum Thema

Arzt hinter der Scheibe So arbeitet eine Untersuchungsstelle für Corona-Verdachtsfälle

Gesundheitsminister Spahn (CDU) zu Corona "Wir machen das, um die Gefährdeten zu schützen"

Coronavirus Krisenvorsorge muss in Zukunft besser werden

Arndt Reuning: Die Zahl der Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus steigt weltweit stetig an – mittlerweile auf über 121.000. Gestern hat der Leiter der Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, die Krankenhäuser in Deutschland dazu aufgerufen, sich vorzubereiten auf eine größere Zahl von schwer erkrankten Patienten. Wie könnte das aussehen? Ich habe vor der Sendung die Frage weitergegeben an Prof. Uwe Janssens. Er ist Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, darüber hinaus Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler. Er arbeitet also direkt am Ort des Geschehens. Von ihm wollte ich wissen, wie sich seine Klinik vorbereitet auf steigende Fälle von Covid-19.

Uwe Janssens: Ja, seitdem es doch vor Karneval schon in Italien zu einer doch erkennbaren Zunahme der Fälle gekommen ist, haben wir uns wirklich von vornherein drauf vorbereitet, nicht wissend, was dann in unserer Region passieren würde, Sie wissen, die Heinsberger Region ist ja schwer kontaminiert worden, hier haben wir ja einen Brennpunkt nahezu, das ist also direkt bei uns eigentlich um die Ecke. Wir haben von vornherein sichergestellt, dass wir permanent immer drei Zimmer in Bereitschaft haben, die zu evakuieren. Die sind auch frei vom ersten Moment an und können mit Patienten belegt werden, die im Verdacht stehen, an einer Sars-CoV-2-Infektion zu leiden, also eine Covid-19-Infektion zu haben. Darüber hinaus haben wir das gesamte Personal geschult, wir haben sichergestellt, dass wir alle möglichen Schutzmaßnahmen, die ja erforderlich sind, zumindest, so weit sie überhaupt noch vorhanden sind, konzentriert werden auf das Personal, auf die Erfordernisse in den einzelnen Bereichen, in der Notaufnahme und auf der Intensivstation. Ja, und wir haben uns wirklich sehr eng von Anfang an in einem breiten Mitarbeiterstab, wir nennen das Koordinierungsstab, täglich, manchmal zwei Mal täglich abgestimmt, zum Beispiel auch in der letzten Woche dann am Freitag einen kompletten Besucherstopp eingerichtet, um Patienten, aber auch Besucher zu schützen und auch letzten Endes das Krankenhaus vor möglichen weiteren Kontaminationen freizuhalten.

34 Betten auf 100.000 Personen

Reuning: Schauen wir doch mal auf die Situation in ganz Deutschland. Ungefähr 28.000 Betten gibt es dort auf Intensivstationen, 25.000 davon mit Beatmungsgeräten. Es wird in den nächsten Tagen und Wochen sicherlich darum gehen, die Kapazitäten auf den Intensivstationen zu erhöhen. Wie genau könnte das denn aussehen?

Janssens: Diese 28.000 Betten, das ist eine große Anzahl, ich kann Ihnen auch sagen, wir können sehr zufrieden sein: In Deutschland haben wir europaweit die meisten Betten auf 100.000 Personen, das sind fast 34 Betten auf 100.000 Personen, das finden Sie in keinem anderen Land. Wir haben genug Intensivbetten. Die Frage ist: Haben wir genug Kapazität? Wenn wir jetzt tatsächlich die Situation weiter spannen und wir würden Ähnliches erleben wie zum Beispiel in Italien, sind wir eigentlich von der Menge der Betten gut vorbereitet. Wir müssen allerdings für den Fall dann unsere Regelkapazitäten runterfahren und alle Krankenhäuser müssen dann ihre elektiven Eingriffe tatsächlich herunterfahren, minimieren oder ganz absagen, damit alle Kapazitäten dann frei werden für die Versorgung von kritisch kranken Patienten. Das heißt, Normalstationen müssen geräumt werden, elektive Patienten müssen abgesagt werden, und im nächsten Schritt setzen wir dadurch a) ärztliches, b) pflegerisches Personal und c) auch Kapazitäten auf Intensivstationen frei. Ich glaube, das ist der nächste Schritt. Aber prinzipiell, von der Menge und Anzahl der Betten – und ich glaube im Moment auch der Beatmungssituation – wären wir gerüstet. Wir müssen nur unseren Betrieb umstellen von einem Normalbetrieb auf einen Notfallbetrieb. Wir werden ja nicht mehr Intensivbetten haben, die Zahl bleibt ja gleich, nur die Verfügbarkeit für Notfalleingriffe, die wird sich dann erhöhen.

Reuning: Und solch eine Umstellung, wie schnell wäre die denn zu bewerkstelligen?

Janssens: Ich kann Ihnen das ganz klar sagen. Jeden Tag – und ich will hoffen, dass das die Kollegen in anderen Krankenhäusern auch so tun, ich bin da der festen Überzeugung –, jeden Tag sitzen wir zusammen und überlegen: Können wir uns morgen erlauben, den Regelbetrieb so, wie er jetzt läuft, aufrechtzuerhalten, oder müssen wir bestimmte Operationen absagen? Wir haben auch schon hier lokal, um das Beispiel zu geben, Maßnahmen ergriffen, indem wir Patienten tatsächlich von der Intensivstation in andere Bereiche umlenken. Wir haben eine Station wiedereröffnet beziehungsweise die Öffnungszeiten verlängert, wo wir tatsächlich im Sinne einer Intermediate Care, einer Zwischenintensivstation, Kapazitäten, Versorgungskapazitäten erhöhen und damit die Intensivstation gerade akut entlasten im Tag bei uns mit vier bis sechs Patienten. Das sind vier bis sechs Betten, die uns dann oben auf der Intensivstation zur Versorgung dieser Patienten zur Verfügung stehen.

Pflegekräfte in einer "gewissen Gefahr der Infektion"

Reuning: Was bedeutet das Ganze denn dann für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Wie lässt sich die Arbeit auf den Stationen organisieren, ohne sie zu überlasten oder sogar zu gefährden?

Janssens: Ja, eine ganz, ganz wichtige Frage. Das treibt uns im Moment auch wirklich die Schweißperlen auf die Stirn. Aber ich kann Ihnen eins sagen, ich spreche jetzt für unser Krankenhaus, aber auch für viele, viele andere Krankenhäuser: Das, was die Schwestern, die Pfleger derzeit leisten, ist wirklich enorm. Ich sage das wirklich, und das meine ich auch nicht pathetisch. Die stellen sich hier hin und sie versorgen Patienten und bringen sich, ich sage es mal ganz, ganz ehrlich, damit natürlich selber auch in eine gewisse Gefahr der Infektion. Aber die machen das. Die kommen zur Arbeit und versorgen alle Patienten derzeit wirklich mit Herzblut. Wir wissen sehr wohl und wir wissen ganz genau, wo die Risiken stecken: Wir haben dann ein Risiko, wenn wir nicht erkannte Fälle um uns herum haben. Auch aus dem eigenen Personal heraus können ja von außen herein Infektionen eingebracht werden, die Sie dann plötzlich als Corona-Fall entdecken. Das haben wir hier schon erlebt. Wir müssen damit so umgehen, dass wir nicht an alle Mitarbeiter in Quarantäne schicken, denn dann bricht der Betrieb zusammen. Die Patienten, die Mitarbeiter werden dann genau untersucht, sie werden mit den Testverfahren unterzogen und werden da ganz engmaschig klinisch, aber auch mit den Laborverfahren überwacht, werden häufig tatsächlich zusätzlich in Quarantäne gestellt und kommen dann zur Arbeit und werden immer engmaschig überwacht und überprüft, ob sie da eventuell dann eine Infektion mitbekommen haben. Das heißt, wir müssen sie nachüberwachen auf Symptome und testen, und das tun wir im Moment auch. Und das läuft bei uns in der Region gut, das läuft, wie ich das auch gehört habe, auch zum Beispiel in Berlin ganz gut, und das ist eine Möglichkeit, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Wir wissen aber sehr genau, dass das eine enorme psychische, aber auch natürlich physische Belastung für Mitarbeiter bedeutet, und dafür sind wir im Moment, das sage ich Ihnen auch als Präsident der Gesellschaft, außerordentlich dankbar, dass hier wir so tolle Leute bundesweit haben, die sich wirklich für die Patienten einsetzen und nicht sagen, wir gehen nach Hause und schützen uns selber.

Arbeitsmaterial knapp

Reuning: Welche Arbeitsmaterialien werden Sie denn in den kommenden Wochen benötigen und woher sollen die kommen? Also ich denke da zum Beispiel an Schutzkleidung oder auch Desinfektionsmittel.

Janssens: Ja, dieser Punkt ist ein ganz wunder Punkt. In Nordrhein-Westfalen ist es ja so, dass Herr Minister Laumann in der letzten Woche angekündigt hat, er hätte eine Million Schutzmasken eingekauft. Die habe ich bis jetzt und wir bis jetzt noch nicht gesehen. Wir wären sehr froh, wenn die Lieferung ankommen würde. Darüber hinaus müssen wir tatsächlich rationieren. Wir sehen wirklich zu, dass wir nur die Personen mit Schutzmasken ausstatten, die es unbedingt brauchen. Bestimmte Spezialschutzmasken können sogar im Regelbetrieb in einer Schicht wiederverwendet werden von ein- und derselben Person, damit machen wir einen ressourcenschonenden Umgang und können dadurch Arbeitsmaterial sparen. Wir haben auch das Problem, dass wir in den nächsten zwei, drei Wochen gespannt sind, wie sich die Lage auf dem Desinfektionssektor entwickelt, unser Krankenhausapotheker berichtet uns, dass die Mittel sehr knapp sind, und wir sind mal sehr gespannt, aus welchen Ecken der Republik wir dann nachher mit den wichtigen Schutzmaßnahmen – Desinfektionsmittel, Schutzkittel, -brillen und Mund-Nasen-Schutz sowie die Spezialmasken zum Schutz vor Tröpfcheninfektion – versorgt werden. Das ist eine spannende Frage, die ich Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten kann. Sprechen wir uns in zwei Wochen noch mal.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk