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StartseiteEine WeltWie ein fallender Ölpreis Reformen in Angola verhindert16.05.2020

Corona-PandemieWie ein fallender Ölpreis Reformen in Angola verhindert

Angola ist reich an Erdölvorkommen, aber abhängig von Rohöl-Exporten. Der Zugang zu Trinkwasssr und Bildung ist unzureichend, die Ernte verfault, weil die Infrastruktur desolat ist. Das bei China hochverschuldete Land muss seine wenigen Mittel nun zur Bekämpfung der Corona-Pandemie einsetzen.

Von Leonie March - Mitarbeit Tomas Teixeira, Luanda

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Ein Kind steht vor dem Haus der Familie in Luanda, Angola. (picture alliance / Sergey Mamontov)
Zugang zu Trinkwasser, sanitärer Versorgung, vor allem aber zu Bildung ist in Angola nur ein Privileg für wenige (picture alliance / Sergey Mamontov)
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Bita, eines der Armenviertel im Süden der angolanischen Hauptstadt Luanda. Dichtbesiedelt, stetig weiter wachsend, von Stadtplanern vernachlässigt. Unter anderem sind die Trinkwasser- und sanitäre Versorgung desolat, so wie vielerorts. Cristina Antonio lebt hier mit ihrem Mann und ihren vier Töchtern - die sind momentan unterwegs, versuchen ein paar Lebensmittel aufzutreiben.

"Wir leben nur durch Gottes Gnade. Die Ausgangsbeschränkungen sind schwer durchzuhalten. Ich arbeite normalerweise als Putzfrau, aber das geht momentan nicht und so verdiene ich auch kein Geld für die Familie. Wir versuchen irgendwie zu überleben. Ich habe von anderen gehört, dass sie von der Regierung Seife, Wasser und Lebensmittel erhalten haben. Aber in unserem Viertel haben wir nichts bekommen."

"Die Boom-Zeiten sind ohnehin vorbei"

Das Leben war für sie, wie für den Großteil der angolanischen Bevölkerung, schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie hart. Einer von drei Angolanern leidet unter sogenannter multidimensionaler Armut, das bedeutet nicht nur, dass Essen knapp ist, sondern auch, dass sie kaum Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung haben. Und das obwohl Angola eigentlich ein reiches Land ist, dank seiner Erdöl-Vorkommen. Doch infolge der Corona-Krise wurde die Produktion gedrosselt, die Preise sind eingebrochen. Die Boom-Zeiten seien ohnehin vorbei, betont Jakkie Cilliers, vom ‚Institute for Security Studies‘, einem panafrikanischen Think Tank.

"Das Land hat schon seit einigen Jahren mit sinkenden Ölpreisen zu kämpfen. Und es ist komplett von den Rohöl-Exporten abhängig. Sinkende Einnahmen wirken sich also direkt negativ auf den Staatshaushalt und damit auch die Lebensumstände der Bevölkerung aus. Die aktuelle Krise wird dazu führen, dass Angola es in den nächsten Jahren noch schwerer haben wird. Nicht nur, was weiter wachsende Armut, sondern auch die soziale Stabilität angeht. Wir rechnen mit erheblichen Turbulenzen. Auch Lebensmittel-Aufstände sind im Verlauf des Jahres möglich."

Blick auf die Skyline von Luanda, Hauptstadt Angolas bei Nacht (imago / photothek) (imago / photothek)"Luanda-Leaks" über Korruption in Angola - Im Dilemma von Stabilität und Demokratie
Die angolanische Unternehmerin Isabel Dos Santos der Korruption beschuldigt. Die Soziologin Teresa Koloma Beck zeigt sich wenig überrascht, verweist auf die Lebenswirklichkeit von Nachkriegsgesellschaften.

Sprudelnde Ölquellen, teure Benzinpreise

Luanda wird von der tiefen Kluft zwischen Arm und Reich geprägt: Eine der teuersten Städte der Welt, auf der einen Seite Villenviertel, auf der anderen Slums. Auf der einen Seite sprudelnde Ölquellen, auf der anderen teure Benzinpreise, weil es im Land keine Raffinerie gibt und Kraftstoffe importiert werden müssen.

38 Jahre lang hatte José Eduardo dos Santos das ehemalige Bürgerkriegsland autokratisch regiert. Die Erdöl-Milliarden flossen an seine Familie, die Machtclique der Regierungspartei MPLA und auf ausländische Konten. Sein Nachfolger, João Lourenço, der im Herbst 2017 zum Präsidenten gewählt wurde, hat der Korruption den Kampf angesagt und erste Reformen angestoßen. Schritte in die richtige Richtung, meint Thomas Keller, der das Büro der Konrad Adenauer Stiftung für Namibia und Angola leitet:

"Also meiner persönlichen Einschätzung nach, ist er wirklich gewillt, Angola zu reformieren und auf einen guten Weg zu bringen. Aber natürlich mit den gegebenen Restriktionen. Und das ist ein Prozess, der dauert Zeit. Etwas, was über so viele Jahre gewachsen ist, ein derartig korruptes System, das von heute auf morgen zu zerschlagen, da müsste man den gordischen Knoten mit dem Schwert zerschlagen. Und ob das Angola als Ganzes guttun würde, wage ich zu bezweifeln. Und deswegen ist es eher die Politik der kleineren Schritte."

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Schulden bei China

Schritte, die noch kleiner zu werden drohen. Präsident Lourenço strebt zwar die Teil-Privatisierung von Staatskonzernen an und will, dass sich Angolas Wirtschaft breiter aufstellt. Doch sein Handlungsspielraum sei gering, meint Jakkie Cilliers, der kürzlich eine umfassende Studie zu den Zukunftsperspektiven Angolas veröffentlicht hat.

"Wie die meisten afrikanischen Staaten, muss Angola all seine zur Verfügung stehenden Mittel nun erstmal zur Bewältigung der aktuellen Corona-Krise einsetzen. Da bleibt nicht viel übrig. Angola ist hoch verschuldet, vor allem bei China. Die Abhängigkeit vom Öl bedeutet auch, dass die angolanische Währung überbewertet ist. Das erschwert wichtige Investitionen in die Landwirtschaft, den Aufbau einer verarbeitenden Industrie oder in Bildung ohnehin. Und die derzeitigen finanziellen Engpässe machen es noch schwieriger."

Cristina Antonio aus Luanda vor ihrem Haus im Viertel Bita, Angola. (Deutschlandradio / Tomas Teixeira)Cristina Antonio aus Luanda (Deutschlandradio / Tomas Teixeira)

Schlechte Infrastruktur, verfaulte Ernte

Im Armenviertel Bita hat Cristina Antonio durchaus Verständnis für die Situation ihrer Regierung. Auch sie glaubt an deren Reformwillen. Die 49-Jährige wünscht sich vor allem Investitionen in die Landwirtschaft – ein Sektor, der einst floriert hat und auch unter Experten als zentral gilt.

"Wenn die Regierung die Landwirte unterstützen würde, dann wäre das wirklich gut. In den Provinzen beklagen sich Bauern, dass ein Teil ihrer Ernte verfault, weil sie sie nicht nach Luanda bringen können. Die Straßen und Brücken sind in zu schlechtem Zustand. Das heißt auch, dass wir Lebensmittel teuer importieren müssen. Das kostet den Staat viel Geld, das ins Ausland fließt, statt an unsere Farmer. Wenn wir das ändern könnten, würden auch die Lebensmittel für uns hier in der Stadt billiger."

Doch wann dieser bescheidene Wunsch in Erfüllung geht, ist unklar. Ein tiefgreifender, struktureller, wirtschaftlicher und sozialer Wandel Angolas ist infolge der Corona-Pandemie noch komplizierter geworden.

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