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Startseite@mediasresORF will Reporter besser schützen08.04.2021

Corona-Proteste in ÖsterreichORF will Reporter besser schützen

In Österreich werden Kamerateams des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bei Protesten gegen Pandemiemaßnahmen beschimpft, bespuckt, verhöhnt und bedroht. Eingesetzt würden jetzt nur noch Journalistinnen und Journalisten, die sich freiwillig melden, sagte der Redakteursratsvorsitzende Dieter Bornemann im Dlf.

Dieter Bornemann im Gespräch mit Brigitte Baetz

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Wien 13.02.2021 - Demonstranten gegen Corona-Maßnahmen auf dem Karlsplatz. (Imago/Photonews.at)
Auf Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen in Österreich, wie hier im Februar in Wien, werden ORF-Teams regelmäßig angepöbelt und bespuckt (Imago/Photonews.at)
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Ein österreichischer Journalist hat Wochenenddienst und soll von einer spontanen Demonstration berichten – so weit so normal. Bei der Demo handelt es sich allerdings um Corona-Proteste und der ORF-Reporter ist gerade Vater geworden. Dementsprechend groß ist seine Angst, von Masken-Verweigerern angespuckt zu werden und später sein Baby mit Covid-19 zu infizieren.

Kein ORF-Logo mehr auf Demos

Geschehen sei das beim Österreichischen Rundfunk (ORF), berichtete Dieter Bornemann, Vorsitzender des ORF-Redakteursrats, im Dlf. Die Situation sei für das Gremium der Anlass gewesen, sich gemeinsam mit der Sicherheitsabteilung des Senders Maßnahmen zum Schutz der eigenen Reporterinnen und Reporter zu überlegen. Auch in Österreich gebe es bei Corona-Demos Gewalttätigkeiten gegen Kolleginnen und Kollegen, die als Journalisten erkennbar seien, so der Journalist. Körperliche Gewalt habe es seines Wissens nach noch nicht gegeben, aber Medienvertreter würden beschimpft, bespuckt und angepöbelt.

3. April 2021: Querdenker und andere Gegner der Pandemie-Einschränkungen haben in Stuttgart ohne Abstand und weitgehend ohne Schutzmaske demonstriert. Mindestens vier Demos mit 2500 Teilnehmern waren angemeldet, gekommen waren aber weit mehr. Hier der Zug der Demonstranten durch die Innenstadt über die B10/B14 zum offiziellen Versammlungsort, dem Cannstatter Wasen. (imago/Arnulf Hettrich) (imago/Arnulf Hettrich)Die Medien-Wut der "Querdenker"
Proteste rund um die Pandemie waren 2020 für Journalisten in Deutschland die gefährlichsten Einsatzorte. Und das, obwohl die Teilnehmenden sich mit ihren Forderungen immer wieder auf das Grundgesetz berufen – in dem auch die Pressefreiheit verankert ist.

Beim ORF wurde daraufhin ein striktes Prinzip der Freiwilligkeit eingeführt: Rund 30 Kolleginnen und Kollegen hätten sich gemeldet, um von Corona-Demos zu berichten. Für sie habe es eine Schulung mit externen Sicherheitsberatern zu Deeskalationsstrategien gegeben. Die Kamerateams würden außerdem zum Teil auf das ORF-Logo auf Kameras und Jacken verzichten, sagte Bornemann: "Aber natürlich werden professionelle Kamerateams relativ schnell als solche erkannt."

Hass auf die Presse hat zugenommen

Zusätzlich gehe es darum, die Behörden für das Thema zu sensibilisieren. Es gebe jetzt in Zusammenarbeit mit dem Innenministerium eine Telefonnummer, an die sich Journalisten wenden könnten, die sich bei Demonstrationen bedroht fühlen. "In der Praxis ist das leider ein bisschen unbrauchbar", erklärte Bornemann. "Sobald jemand bei einer Demonstration angegriffen wird, weil er als Journalist erkannt wird, zückt er natürlich nicht sein Handy und ruft eine Hotline an."

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

In den vergangenen Jahren sei in Deutschland, Österreich und anderen Ländern ein Klima des Hasses gegen die Presse gewachsen, "in dem man sie offensichtlich wahrnimmt als kontrolliertes Organ der Regierungen, das nicht im Sinne des Publikums berichtet, sondern im Sinne der Regierung."

Es gebe viele Demonstranten, die extrem Angst hätten, wie es mit ihrem Leben weitergehe und die legitime Anliegen hätten. "Nur: Dieses Virus lässt sich natürlich nicht wegdemonstrieren", sagte Bornemann. "Und wenn dann noch die Berichterstattung verunmöglicht wird, aus welchen Gründen auch immer, macht das den Umgang mit dieser schwierigen Lage, die Corona hervorgerufen hat in allen Ländern, nicht einfacher."

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