Donnerstag, 19. Mai 2022

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Corona und Arzneimittelversorgung
Keine zusätzlichen Engpässe bei Medikamenten in Sicht

Rund 280 Medikamente waren im Herbst 2019 in Deutschland nicht lieferbar. Nachdem Indien wegen des Coronavirus den Export von 26 pharmazeutischen Inhaltsstoffen und daraus hergestellten Arzneimitteln eingeschränkt hat, nimmt in Europa die Sorge vor weiteren Engpässen bei der Arzneimittel-Versorgung zu.

Von Dagmar Röhrlich | 18.03.2020

Zahlreiche Medikamente liegen in den Regalen eines Kommissionierautomaten der Firma Rowa in einer Apotheke in Hamburg
Es gibt derzeit keine eindeutigen Hinweise darauf, dass die Corona-Pandemie zu zusätzlichen Einschränkungen in der Versorgung mit unverzichtbaren Arzneimitteln führt (dpa / Daniel Reinhardt)
Vor 15 Jahren waren sie noch kein Thema in Deutschland: die Arzneimittelengpässe. Inzwischen jedoch sind sie ein alltägliches Problem in den Apotheken - vor allem bei den Generika, den Mitteln, deren Patentschutz ausgelaufen ist. Dabei werden fast 80 Prozent des deutschen Arzneimittelmarkts durch Generika gedeckt – und die Wirkstoffe für ihre Produktion kommen vor allem aus China. Die Frage ist also, ob sich angesichts der Coronakrise die Engpässe nun verschärfen werden:
"Es gibt derzeit keine eindeutigen Hinweise darauf, dass in Folge der Coronaviruspandemie zusätzliche kurzfristige Einschränkungen in der Versorgung mit relevanten und für die Bevölkerung unverzichtbaren Arzneimitteln auftreten."
Coronavirus
Coronavirus (imago / Science Photo Library)
Das hätten jetzt sowohl das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, als auch die Europäischen Arzneimittelagentur noch einmal betont, erklärt Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.
Produktion von Arzneimitteln in China wieder angelaufen
"In China werden die versorgungsrelevanten Arzneimittel an verschiedenen Orten, also nicht nur in der von der Pandemie besonders stark betroffenen Provinz Hubei und seiner Provinzhauptstadt Wuhan hergestellt. Hinzu kommt, dass infolge der chinesischen Feiertage größere Vorräte an Arzneimitteln angelegt wurden und glücklicherweise inzwischen auch wieder etwas Alltag sowohl in der Provinz Hubei als auch in Wuhan eingekehrt sind."
Der Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) spricht im Bundestag
Lauterbach (SPD) zu Medikamentenengpass - "Können das Risiko langfristig nicht eingehen"
SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat eine Verlagerung der Produktion von Wirkstoffen besonders wichtiger Medikamente nach Europa gefordert. Das sei zwar teurer, aber sicherer, sagte er im Dlf.
Die Produktion sei nach Aussage der WHO wieder angelaufen, erläutert Bork Bretthauer. Er ist Geschäftsführer des Verbands Pro Generika, der die Hersteller von Nachahmerprodukten vertritt.
"Und es gibt auch die Einschätzung, dass es womöglich denkbar ist, dass man auch in China dazu kommt, möglichst schnell auch erweiterte Produktionskapazitäten aufzubauen oder zu nutzen, um quasi den Ausfall, den es gegeben hat, kompensieren zu können."
Auch Pro Generika hält die Sorge für unbegründet, dass es durch das Virus in den kommenden Wochen und Monaten zu Engpässen kommen wird.
"Das kann man ganz sicher sagen. Es liegt vor allem daran, dass Generika-Unternehmen eben nicht just in time produzieren. Das sieht man ja an anderen Wirtschaftsbranchen, wo sehr viel schneller Beeinträchtigungen in der Produktion zu sehen sind. Das ist bei uns nicht so. Kurzfristig gehen wir nicht davon aus, dass es zu Problemen kommt hierzulande."
Produktionsstörung frühestens im Sommer spürbar
Frühestens im Sommer könnte man eventuell die Folgen einer Produktionsstörung zu spüren bekommen. Es sei zu früh, das seriös abzuschätzen, doch man habe Zeit, sich darauf vorzubereiten. Wie sich die Lage weiter entwickeln werde? Dabei hinge viel davon ab, wann der internationale Transport wichtiger Waren wieder störungsfrei laufe, so Bork Bretthauer:
"Das bedeutet, dass Lkw, jegliche Transportmittel, die wichtige Ware geladen haben, insbesondere Medikamente, Medizinprodukte, Schutzausrüstung, natürlich bevorzugt abgefertigt sind und da der Warentransport nicht beeinträchtigt werden soll."
Blick durch eine Glasscheibe auf ein vollautomatisches Medikamenten-Lager, Symbolbild Lieferengpässe von Medikamenten
Medizinische Versorung - Apotheker und Ärzte beklagen Medikamentenengpass
Antidepressiva, Masern-Impfstoff und Blutdrucksenker – rund 540 Medikamente waren laut Bundesinstitut für Arzneimittel im Oktober 2019 nicht lieferbar. Ein Grund für den Engpass ist die globalisierte Lieferkette.
Allerdings gibt es auch Warnsignale. So werden auch in Italien und Spanien wichtige Wirkstoffe produziert, beide Länder sind von Covid-19 stark betroffen. Außerdem hat Indien Anfang März den Export von 26 Medikamenten und Inhaltsstoffen untersagt, um die Versorgung der eigenen Bevölkerung zu sichern. Der Grund für den Exportbann sollen Engpässe bei der Wirkstofflieferung aus China sein. Wolf-Dieter Ludwig:
"Ob die Einschränkung der Exporte aus Indien in Folge der Produktionsausfälle bei Wirkstoffen in China mit Weiterverarbeitung in Indien die bereits bestehenden Lieferengpässe in Deutschland noch verschärfen, ist derzeit unklar."