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StartseiteSport am WochenendeSo geht es den Sportvereinen nach einem Jahr Lockdown21.03.2021

Corona und BreitensportSo geht es den Sportvereinen nach einem Jahr Lockdown

Seit einem Jahr befindet sich der Amateursport im Ausnahmezustand. Seitdem kämpfen die Vereine mit den Folgen der Corona-Beschränkungen. Noch zeigt sich die Sportlandschaft stabil, auch dank vieler Millionen Euro Hilfe. Nun plant der DOSB, nach der Pandemie eine Art „Trimm-Dich-2.0“-Kampagne zu starten.

Von Maximilian Rieger

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Ein Schild mit der Aufschrift "Platz gesperrt" hängt vor dem Eingang zu einem Tennisplatz. (Picture Alliance / SZ Photo / Alessandra Schellnegger)
Gesperrter Sportplatz beim Tennis- und Hockeyverein HC Wacker e.V. München. (Picture Alliance / SZ Photo / Alessandra Schellnegger)
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Lockdown, Lockerung. Lockdown. Lockerung. Das ist der Rhythmus, mit dem der Sport im vergangenen Jahr leben musste. "Ein Hü und Hott, ein Hoch und runter – das machte die Breitensportler in vielerlei Hinsicht mürbe", meint Andreas Silbersack, DOSB-Vizepräsident für Breitensport.

Mit Folgen: Deutschlandweit sind die Mitgliederzahlen in Sportvereinen zurückgegangen. zehn bis 15 Prozent wurden befürchtet. Eine Deutschlandfunk-Abfrage bei allen Landessportbünden zeigt aber: Ganz so schlimm ist es nicht gekommen.

Die meisten Länder melden einen Rückgang zwischen drei und fünf Prozent. "Das zeigt die Robustheit und die Anziehungskraft der Sportvereine insgesamt", sagt Sportwissenschaftler Lutz Thieme.

Großvereine verlieren am meisten Mitglieder

Das gilt aber mehr für kleinere Vereine auf dem Land als für Großvereine in der Stadt. In NRW haben kleine Vereine sogar neue Mitglieder dazugewonnen, Vereine mit mehr als 1000 Mitgliedern haben hingegen mehr als zehn Prozent verloren.

Ein Trend, den die Landessportbünde bundesweit beobachten. Hauptgrund: Großvereine bieten mehr Sport- und Reha-Kurse an – die Identifikation mit dem Verein ist nicht so ausgeprägt, anders als bei kleineren Vereine, meint Andreas Silbersack: "Dieses Wertschätzen des Miteinanders ist, glaube ich, ein Punkt, wo man sagen muss: Das hält sie ab, sich tatsächlich aus dem Verein zu verabschieden. Und natürlich auch der Drang, sich bewegen zu können."

Verschwommenes Bild der Beine von Teilnehmern in einer Sporthalle. ( imago/Dünhölter SportPresseFoto) ( imago/Dünhölter SportPresseFoto)Große Vereine, große Probleme
Zwei Shutdowns haben die Vereine erlebt, der zweite dauert bereits drei Monate. Wie schlimm die Folgen sind, ist von Verein zu Verein unterschiedlich.

Da dieser Drang im vergangenen Jahr nicht im Verein ausgelebt werden konnte, habe eine Individualisierung des Sports stattgefunden, so Silbersack – und verweist auf volle Parks und ausverkaufte Fahrradläden.

Auch eine statistische Anekdote stützt diese These. Der Sportverband, der in Sachsen-Anhalt die meisten Mitglieder gewinnen konnte: Der Landeswanderbund.

Vorteil für Mannschaftssportarten

Sportwissenschaftler Lutz Thieme ist sich aber nicht sicher, ob Einzelsportarten auf Dauer von diesem neuen Trend profitieren können. Mannschaftssportarten hätten es aufgrund des Gemeinschaftsgefühls leichter, ihre Mitglieder zu halten.

"Weil wir ja in der Pandemie gelernt haben, dass man den Verein nicht unbedingt braucht, um Rad zu fahren, um zu joggen oder dann – wie im letzten Sommer – im Freibad auch zu schwimmen", so Thieme. "Für die Mannschaftssportarten würde ich diese Bindung in jedem Fall sehen. Ich hoffe, sie wird auch bei den Einzelsportarten vorhanden sein, da bin ich aber ein bisschen zurückhaltender"

Das größte Problem für die Vereine bleibt aber: Es fehlen Neuanmeldungen. Das erklärt auch den Rückgang bei Mitgliedschaften von Kindern bis 6 Jahren: 17 Prozent weniger in Hessen, Sachsen und Niedersachsen. 20 Prozent weniger in Bremen. Sogar 28 Prozent in Berlin. Denn während ein Jahrgang in der Altersstatistik eine Kategorie hoch rutscht, gibt es – wenn die Sportvereine zu sind - deutlich weniger Kleinkinder, die nachkommen.

Kinder beim Fußballtraining (imago stock&people) (imago stock&people)Wie sich das Vereinssport-Verbot auf Kinder auswirkt
Vereinssport ist nicht erlaubt, soziale Kontakte sind massiv eingeschränkt – die Maßnahmen in der Corona-Pandemie treffen Kinder ganz besonders.

Hinzu kommt: Kooperationen mit Kitas sind kaum noch möglich. Elvira Menzer-Haasis, Sprecherin der 16 Landessportbünde, ist aber zuversichtlich, dass Vereine diese Kinder gewinnen können, sobald es wieder Angebote gibt.

Wird "Trimm-Dich" wiederbelebt?

"Ich bin da guter Hoffnung, weil ich glaube, gerade bei den Kindern ist der Bewegungsdrang sehr hoch und auch das Bedürfnis, sich mit Gleichaltrigen austoben und bewegen zu können. Und von daher bin ich gerade in dieser Altersgruppe sehr zuversichtlich, dass die wieder zurückkommen."

Sehr wichtig dafür sei auch die Werbekampagne, die der DOSB gerade plant. Eine Art Trimm-Dich 2.0. "Wir brauchen etwas großes. Wir brauchen einen richtigen Boost. Wir brauchen etwas, das auch Wirkung zeigt", sagt DOSB-Vize Silbersack.

"Wir als Dachorganisation werden eine Kampagne fahren, die allumfassend sein muss, weil wir wollen einfach den Wert den der Verein in dieser Pandemiezeit für den einzelnen Menschen auch hatte. Den wollen wir zeigen."

DOSB will sich stärker auf Breitensport konzentrieren

Auch die Wichtigkeit für die Gesundheit will der DOSB dabei herausstellen. Untermauert werden soll das auch durch eine neue Schwerpunktsetzung im DOSB. Nachdem der Leistungssport in den vergangenen Jahren häufig im Vordergrund stand, will der DOSB mehr Personal in Richtung Breitensport verschieben. Und damit auch die politische Lobbyarbeit stärken. Das sei auch nötig, meint Elvira Menzer-Haasis.

"Immer wenn es ans Eingemachte geht, dann ist außer wohlwollenden Worten nichts mehr vorhanden und der Sport wird nicht beteiligt. Und da erhoffe ich mir, dass durch dieses politische Gewicht des DOSB dann auch bei Entscheidungen – sei es eben in der Gesundheitsgesetzgebung oder ähnlichem – der Sport dann auch eine größere Rolle spielt."

Mehr als 60 Millionen Euro Hilfen für Sportvereine

Als ersten Erfolg bewertet die Präsidentin des Landessportverbandes Baden-Württemberg dass der Bund im aktuellen Haushalt den Bau von Sportstätten mit 600 Millionen Euro fördert. Sehr gut würden auch die einzelnen Rettungsprogramme funktionieren, die von den Bundesländern im vergangenen Jahr gestartet wurden.

Mehr als 110 Millionen Euro haben die Länder im vergangenen für den Breitensport bereitgestellt. Eine Deutschlandfunk-Abfrage zeigt: Davon sind etwas mehr als 60 Millionen Euro an die Vereine abgeflossen.

Wie das Geld verteilt wurde, ist unterschiedlich. Die bayerische Regierung hat die Vereinspauschale, die an alle Vereine ausgezahlt wird, von 20 auf 40 Millionen erhöht. Das Saarland hat allen Vereinen, die einen Antrag gestellt haben, je nach Vereinsgröße ausgezahlt. In vielen anderen Ländern mussten die Vereine hingegen nachweisen, in Geldschwierigkeiten zu sein.

Große Unterschiede bei der Verteilung der Gelder

Aber selbst dann gibt es Unterschiede. In Baden-Württemberg haben fast zehn Prozent aller Vereine von den Hilfen profitiert. Im Nachbarland Rheinland-Pfalz noch nicht mal zwei Prozent.

"Das lässt sich mit möglichen strukturellen Unterschieden zwischen der Vereinslandschaft in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg nicht erklären", meint Lutz Thieme, Ex-Präsident des Landessportbunds Rheinland-Pfalz. "Insofern muss es da eine andere Verwaltungspraxis gegeben haben."

Die meisten Programme werden auch dieses Jahr weitergeführt – notwendig, meinen die Verantwortlichen. Denn angesichts der steigenden Inzidenzzahlen befürchten sie den nächsten Lockdown im Breitensport.

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