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StartseiteSport am WochenendeVerunsicherung an der Basis16.05.2020

Coronakrise im BreitensportVerunsicherung an der Basis

Die Lockerungen der Corona-Schutzverordnungen sind in den Bundesländern auch im Sportbereich höchst unterschiedlich ausgefallen. Die Länder erlauben nun immer mehr. Die Verantwortung für eine coronagerechte Umsetzung des Sportbetriebs liegt dann aber bei den Vereinen an der Basis.

Von Mathias von Lieben

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Verwischte Aufnahme eines Aufschlags beim Tennis (Marijan Murat/dpa)
Auch im Amateurbereich dürfen die ersten Sportler wieder starten (Marijan Murat/dpa)
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Freitagvormittag. Ein Besuch in der Geschäftsstelle des Berliner Sportvereins Friedenauer TSC. Auch wenn das Vereinsheim coronabedingt weiterhin geschlossen ist, hatte Geschäftsführer Max Gehann in dieser Woche viel um die Ohren: Der Verein mit seinen rund 2.400 Mitgliedern musste kurzerhand ein Hygiene-Konzept entwickeln, mit dem der Sportbetrieb wieder ermöglicht werden kann – erstmal nur für die Fußball-Abteilung. In Berlin dürfen Sportvereine seit Freitag wieder ihren Trainingsbetrieb im Freien aufnehmen – zunächst kontaktlos und in Achtergruppen.

Gehann sagt: "Für uns war das sehr kurzfristig in dieser Woche, da die offiziellen Verkündungen vom Bezirksamt recht kurzfristig kamen. Wir haben uns zusammengesetzt und überlegt, wie wir die Hygieneanforderungen einhalten können. Wenn wir natürlich eine Vielzahl von Übungsleitern haben, dann brauchen die alle einheitliche und verlässliche Informationen darüber, wie eben mit der Situation umzugehen ist, was erlaubt ist, was nicht erlaubt ist."

Organisatorische Maßnahmen, An- und Abfahrt, Risikominimierung, Hygieneausrüstung, Abstandsregeln. Nur einige der Punkte, die das Konzept enthält. Viel Arbeit, die sich zwar gelohnt habe. Geschäftsführer Gehann sagt aber auch:

"Insgesamt ist es uns lieber, wir warten lieber noch etwas länger und bekommen damit mehr Sicherheit, dass wir Schritt für Schritt zur Normalität zurückkommen und dann im Sommer, Herbst wieder in den normalen Saison- und Spielbetrieb kommen, als dass wir jetzt zu früh zu großzügige Freiheiten gewähren."

"Übungsleiter*innen nicht zu viel zumuten"

Denn die Gefahr einer zweiten Infektionswelle sei noch nicht gebannt. Und auch wenn der DOSB als Dachverband des deutschen Sports zehn allgemeine Leitplanken im Hinblick auf die Lockerungen entwickelt hat, die die Sportfachverbände dann präzisiert haben, meint Gehann:

"Grundsätzlich sind die Sportvereine, die Organisationen, in der Pflicht und Verantwortung, die Konzepte aufzustellen und auch einzuhalten. Und das wird natürlich dann runtergetragen auf die Übungsleiter, die verantwortlich sind für die Zusammensetzung der Gruppe und für die Dokumentation der Teilnehmer. Und das sind dann diejenigen, die darauf achten müssen, dass die Abstände eingehalten werden."

Ist das nicht der Fall, kann es im schlimmsten Fall zu einer Infektionskette kommen, die die Übungsleiter*innen zu verantworten hätten. Ein Problem, das in dieser Woche auch bei der Sitzung im Bundestags-Sportausschuss thematisiert wurde. Die Sozialdemokratin Dagmar Freitag ist Vorsitzende des Sportausschusses und warnte gegenüber dem Deutschlandfunk:

"Ich glaube wir dürfen den Ehrenamtlichen und den Übungsleiter*innen vor Ort auch nicht zu viel zumuten. Was die Einhaltung bestimmter Spielregeln angeht. Wenn Sie bewegungsfreudige Zwölf- oder 13-Jährige haben und dann nur noch 'Abstand halten' rufen. Ich stelle mir das verdammt schwierig vor. Deshalb würde ich dazu raten, auch nicht zu viel zu erwarten und zu verlangen und das Ganze mit einer gewissen Ruhe anzugehen."

"Können keinen Sport-Tourismus gebrauchen"

Doch die Geschwindigkeit variiert von Bundesland zu Bundesland. Der Föderalismus macht es möglich, dass in Nordrhein-Westfalen seit Freitag sogar schon wieder Sportbetrieb in einigen Vereinshallen stattfinden kann, während das Land Berlin gerade erst einmal den Betrieb im Freien wieder genehmigt hat. Armin Laschet, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hat zudem angekündigt, ab dem 30. Mai auch wieder Kontaktsportarten zuzulassen – zumindest als Zielgröße.

Und das, obwohl die Kontaktbeschränkungen deutschlandweit kürzlich von Ministerpräsident*innen und Bundeskanzlerin bis 5. Juni verlängert wurden. Beim sogenannten "Nordrhein-Westfalen-Plan" wird mit der Teilhabe argumentiert, die durch Sport ermöglicht werde. Für ein höheres Infektionsrisiko beim Sport gebe es zudem keine Beweise, so die Haltung in NRW. Sollten die Infektionszahlen nach oben gehen, soll nachgebessert werden.

Bei so manchem Verein sind die Lockerungen trotzdem nicht gut angekommen. In einem offenen Brief warf der Leiter der Handball-Abteilung des Vereins ASC 09 Dortmund dem CDU-Ministerpräsidenten vergangenes Wochenende vor, die Ausbreitung des Virus mit den Lockerungen billigend in Kauf zu nehmen. Ein Vorwurf, den auch André Hahn, der Obmann der Linken im Bundestags-Sportausschuss, erhebt:

"Naja Herr Laschet ist im Moment in der Situation, dass ihn offenbar der CDU-Vorsitz mehr interessiert als die Sicherheit der Bevölkerung. Wir haben überhaupt nichts von einem Überbietungswettbewerb bei Erleichterungen oder Lockerungen. Das verstehen die Leute nicht. Und was wir nicht brauchen können, ist ein Tourismus vom einen Land ins andere, nur um Sport treiben zu können."

"Wir sind bereit zu warten"

Während die ersten Bundesländer erst allmählich wieder Tourismus zulassen, hat der sogenannte Sport-Tourismus zuletzt schon für skurrile Szenarien gesorgt. Davon berichtete am Mittwoch im Sportausschuss Elvira Menzer-Haasis, die Vorsitzende des Landessportbundes Baden-Württemberg und der Konferenz aller Landessportbünde. Konkret: von einem Fall im rheinland-pfälzischen Mainz. Golfspielen ist dort seit dem 20. April wieder möglich, in den angrenzenden Bundesländern wie Hessen oder Baden-Württemberg jedoch erst seit vergangenem Wochenende wieder:

"Ja, da war es jetzt so, dass da ein Golfclub aufgemacht hat und die Golfspieler alle da hin prozessiert sind, um da Golf spielen zu können. Und das hat den Club an den Rand gebracht. Wenn die Mengen da anrollen, dann wird es schwer das zu kanalisieren. Und ich glaube, wir sind uns alle einig, dass die Hygienevorschriften im Moment alle eingehalten werden müssen."

Ob das vor Ort möglich ist? Beim Friedenauer TSC in Berlin geht der Trainingsbetrieb im Freien mit Beginn der kommenden Woche zumindest wieder los. Und auch wenn z.B. die Volleyballer und Handballer des Vereins noch nicht wieder in die Berliner Sporthallen dürfen. Geschäftsführer Max Gehann will keine Neiddebatte eröffnen:

"Wir sind auch nicht in bundesweiten Ligen unterwegs, dass wir hier ne Konkurrenzsituation mit Mannschaften aus NRW hätten. Von daher ist das deren Weg. Ich wünsche denen, dass der gut geht. Und wir sind bereit auch noch eine gewisse Zeit zu warten."

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