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StartseiteCorso"Ich versuche immer, ein Wagnis einzugehen"19.03.2014

Corso-Gespräch"Ich versuche immer, ein Wagnis einzugehen"

Der Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann hat mit seinem Film "Kreuzweg" den silbernen Bären für das beste Drehbuch gewonnen. Im Corso-Gespräch erzählt er unter anderem, wie er mit Zuschriften "von dummen Leuten" umgeht und warum er sich immer wieder gern selbst überrascht.

Dietrich Brüggemann im Gespräch mit Sigrid Fischer

Auf dem Produzentenfest in Berlin am 29.09.2010 (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann spricht im Corso-Gespräch über seine Erfahrungen im Film- und Musikgeschäft und seinen neuen Film "Kreuzweg". (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Weiterführende Information

Silberner-Bär-Film - Moderne Glaubenskriegerin (Deutschlandradio Kultur, Filme der Woche, 19.03.2014)

Film Kreuzweg - Wie Fanatismus in die Irre führen kann  (Deutschlandfunk, Kultur heute, 16.03.2014)

Familiendramen ungewöhnlich erzählt (Deutschlandradio Kultur, Radiofeuilleton, 16.03.2014)

Bilanz der Berlinale  (Deutschlandfunk, Kultur heute, 16.02.2014)

Berlinale - Zerstörerischer Fanatismus (Deutschlandradio Kultur, Thema, 07.02.2014)

Berlinale - "Dem Nachwuchs aufs Hirn gehauen" (Deutschlandradio Kultur, Thema, 07.02.2014)

Sigrid Fischer: Dietrich Brüggemann, es ist bestimmt eine Ehre, im Wettbewerb der Berlinale zu laufen, aber warum ist das wichtig für jemanden wie Sie? Kritiker meckern ja oft über die Filmauswahl im Wettbewerb und finden die anderen Reihen viel interessanter.

Dietrich Brüggemann: Man macht einen Film und hofft, dass ihn viele Leute sehen, und es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass im Wettbewerb eine Riesenaufmerksamkeit einhergeht, insofern ist das erst mal toll und dann kann man auch geschlachtet werden. Hey, es ist riskant, es hat ja keiner gesagt, dass es nicht riskant wäre...

Fischer: Im Fall von Kreuzweg ist es ja gut gegangen. Im Film fällt der Begriff "Kriegerin Gottes" in Bezug auf die Hauptfigur, die 14-jährige Maria, die kurz vor der Firmung steht. Den Begriff hören wir hier normalerweise in Zusammenhang mit Islamisten. Wollen Sie damit sagen: Fundamentalisten gibt es in jeder Religion?

Brüggemann: Ja, als guter Christ kann ich jetzt die Bibel zitieren, wo Jesus sagt: "An ihren Früchten werdet Ihr sie erkennen". Und da muss man einfach mal feststellen, dass die radikalen Ausprägungen zahlreicher Religionen dieselbe Agenda haben. Alles, was Spaß macht, ist verboten. Tanz ist des Teufels, Musik ist satanisch, und Frauen müssen sich verhüllen und Sexualität ist streng reglementiert und Homosexualität ist sowieso Sünde, da sind die sich doch alle einig, ob es die Evangelikalen, die Katholiken, der Islam oder sonst wer ist, da müssten die sich alle gut verstehen.

"Alles, was Spaß macht, ist verboten"

Fischer: Letztlich geht es Ihnen – wenn ich Sie richtig verstehe – um Ideologieterror generell, den Eltern gegenüber Kindern ausüben, es muss nicht Religion sein.

Brüggemann: Die Religion ist ein sehr gutes Werkzeug, wenn man sich bemüßigt fühlt, seinem halbwüchsigen Kind irgendwas auf den Kopf zu hauen. Religion eignet sich sehr gut zum auf den Kopf hauen. Es eigenen sich aber auch andere Ideologien: Sozialismus geht auch, oder es gibt auch Leute, die sagen, wir durften als Kind immer nur Körner essen und alles war verboten und schrecklich und wir waren immer so die Freaks mit dem komischen staubigen Pausenbrot.

Also Verbohrtheit und sich in ein System hineinbegeben, das einem Antworten auf alle Fragen des Lebens gibt, ist schön, es kann sich jeder individuell das Leben zur Hölle machen. Aber in dem Moment, wo man seine Kinder damit belästigt, wird’s halt schwierig.

Fischer: Die Eltern von Maria gehören einer Glaubensrichtung an, die vergleichbar ist mit den Piusbrüdern. Haben Sie mal im Vorfeld zum Film mit Piusbrüderanhängern gesprochen?

Brüggemann: Ich schreib mir gerade viele Emails mit denen. Man kriegt jetzt Briefe von dummen Leuten, das muss man einfach mal sagen. Die einem sagen; dieser Film ist schlecht und böse, bitte bringen Sie ihn nicht raus. Und dann sagt man: Gucken Sie sich den doch erst mal an, kommen Sie vorbei, wir können drüber reden. Und dann kommt eine dreimal so lange E-Mail, wo dasselbe noch mal drin steht. Also das ist hoffnungslos.

"Religion eignet sich sehr gut zum auf den Kopf hauen"

Es kommen aber auch Emails von klugen, verständigen und angenehmen Leuten, die sagen: "Bitte, wir wollen doch einfach nur die Messe so feiern, wie wir das wollen. Hört doch auf uns als mittelalterliche Bußprediger darzustellen. Das sind wir doch gar nicht." Stimmt ja auch, da gibt es ja auch nette, normale Familien, die glücklich und fröhlich leben und ich will denen nicht ihren Glauben madig machen.

Fischer: Kann Religion gerade jungen Menschen heute, wo die Welt so viele Möglichkeiten bietet und unübersichtlich ist, nicht auch Orientierung und Halt geben? Das ist ja bei aller Tragik bei Maria auch ein bisschen so.

Brüggemann: Ja sicher gibt Religion Halt, das ist ne messbare Tatsache. Ob man’s mag oder nicht, es ist scheinbar so, dass der Mensch sowohl an ein höheres Wesen glauben will als auch dazu neigt, sein Dasein in religiösen Strukturen zu organisieren. Auch so ein Filmfestival hier: Es gibt einen Tempelbezirk, da kommen nur Eingeweihte rein, die einen Ausweis tragen. Es gibt einen Hohepriester, und Regisseure werden ja auch wie Heilige verehrt. Das sind religiöse Handlungsweisen und der Mensch ist offenbar so gestrickt, dass er das will.

Fischer: Kommen wir mal auf die ungewöhnliche Form Ihres Films zu sprechen, Sie haben entsprechend dem Kreuzweg entsprechend 14 Szenen gedreht, ohne Schnitt, also mit nur einer Einstellung jeweils. Das ist das Interessante, aber es hat auch etwas statisches und distanzierendes. Dadurch geht einem das tragische Schicksal der Maria vielleicht nicht so ganz nahe.

Brüggemann: Ja, die statischen Einstellungen, das ist natürlich nicht diese emotionalisierte Form des Kinos, das mit Großaufnahmen, Musik und psychologischer Einfühlung arbeitet. Mir ging es in der Premiere auch so, dass ich dachte, es ist nicht ganz so emotional, wie ich dachte. Aber was man auch mal schauen muss, ist der Unterschied zwischen Festivals und Kino. Der ist extrem bei Filmen. Hier kommen alle in den Berlinalepalast gerannt und es wird die ganze Zeit nur gehustet. Also man findet auf Festivals wahnsinnig schwer in Filme rein.

Andererseits ist man auf Festivals auch mehr geneigt, ganz seltsam abseitige Filme gut zu finden, die für sich allein genommen den Kinoabend nicht befriedigend füllen können. Also man hat hier so Festivalfilme, die ganz extrem eine einzige Sache machen und total bejubelt werden, aber im Kino emotional nicht funktionieren, weil sie so extrem Avantgarde sind. Also uns kann beides passieren. Ich bin gespannt, ob der Film im Kino irgendwie emotionaler wird auf einmal, weil ihm der Abend allein gehört oder ob dann unser Konzept in sich zusammenfällt, weil dann alle sagen: Was soll denn das?

"Die Branche unterhält sich quasi mit sich selbst"

Fischer: Kritiker und Publikum sind sowieso selten einer Meinung. Kritiker verreißen die Komödien von Schweiger und Schweighöfer zum Beispiel, aber Millionen Leute wollen die sehen. Und umgekehrt, die Filme der Berliner Schule zum Beispiel schreibt das Feuilleton immer hoch, und die laufen auf allen Festivals, aber im Kino haben sie kaum Publikum. Was stimmt denn da nicht im Verhältnis von Kritiker und Publikum?

Brüggemann: Ja, ich glaube der Diskurs Film findet vor allem statt zwischen Filmemachern, Produzenten, Förderern, Kritikern dieser ganzen Branche. Die Kritiker sind Teil der Branche, und die Branche unterhält sich quasi mit sich selbst. Das ist alles ein Strom. Die Summe aller Sätze, die auf Partys abends gesagt werden und was in den Kritiken steht, das ist so die Lokomotive, die das Kino zieht, und in den Wagen hinten drin sitzt das Publikum, und die kriegen von den Kritiken nicht so wahnsinnig viel mit, aber sie kriegen am Ende doch durchgereicht, was hier vorne produziert wird.

Diese Festivals, natürlich sind die wichtig. Jede Kunst hat glaub ich einen Zweig, wo nicht für ein Publikum produziert wird, sondern wie eine Firma, die eine Forschungsabteilung hat, die keine Produkte auf den Markt bringt. Zum Problem wird es dann, wenn das, was eigentlich die Avantgarde sein sollte, selbst zum Genre wird. Und sich in Mustern und Floskeln anfängt zu wiederholen.

Und das ist mir über die Jahre so aufgefallen, dass das Kunstkino zum Genre wird, wo man einfach gewisse Knöpfe drücken muss – der Film muss diese Ästhetik haben und so aussehen, dann läuft er eben auf Festivals. Und dann wird das so zum Betrieb, und das darf nicht sein. Und aus dem Impuls kam auch ein kleiner Blogartikel über die Berliner Schule, den ich letztes Jahr geschrieben habe, und der enorm im Netz herumgereicht wurde

Fischer: Ich erinnere mich gut, da haben Sie bei der Berlinale ganz schön Dampf abgelassen unter der Überschrift: Fahr zur Hölle, Berliner-Schule. Ich zitiere mal: Sie sprachen in Zusammenhang mit der Berliner Schule von quälender Langeweile und bohrender Pein und fragten: Was sind das für Regisseure, die die ganze Filmgeschichte gefressen haben, aber nicht in der Lage sind, ein einziges echtes Gefühl auszulösen?

"Ich bin ein großer Freund von großem Unterhaltungskino"

Brüggemann: Das war eine kleine Wutrede und der Impuls dahinter war zu sagen, es ist völlig okay, wenn wir hier nur Filme für die Branche machen, es müssen nur Filme sein, die uns irgendwie was Neues geben, die mich irgendwohin bringen, wo ich noch nicht gewesen bin. Wo der Macher sich auch selbst überrascht und nicht hundert mal den selben Film macht. Fassbinder hat mal gesagt, irgendwann fangen die Leute an, ihren eigenen Kritiken hinterher zu filmen. Also ich versuche immer, ein Wagnis einzugehen, und mich zu überraschen mit dem, was ich da mache.

Fischer: Mit Kreuzweg ist Ihnen das ja gelungen. Aber der Großteil des Publikums will sich offenbar gar nicht überraschen lassen, der schaut sich den immer gleichen Film in zig Varianten an, "Keinohrhasen" hat 7 Millionen Besucher, ähnliche Komödien ähnlich viele. Was sagen Sie denn dazu?

Brüggemann: Ja, 7 Millionen Leute gehen in "Keinohrhasen", aber 7 Millionen Leute müssen nachts aufs Klo. Also wenn der gleiche Film eine Ecke besser gewesen wäre, hätten den vielleicht 10 Millionen gesehen. Wer weiß? Ich bin ein großer Freund von großem Unterhaltungskino. Die Amerikaner kriegen das halt immer wieder hin, die machen auch viel Schrott, aber Sachen wie "Bridesmaids" oder "Little Miss Sunshine", das sind verdammt tolle, schlaue, doppelbödige Filme.

Und was hier so an Romantic Comedys an deutschen Filmen kommt, find ich leider meistens eher quälend. Ich fänd’s toll, wenn es toll wäre, und jetzt "Fack ju Göhte" fand ich fantastisch. Also ich hatte richtig Spaß in dem Film, da bin ich so dankbar für. Endlich mal ein deutscher Mainstreamfilm, der Spaß macht. Geht doch. Also ich weigere mich auch, das Publikum so in Bausch und Bogen zu verdammen. Es gibt von Egon Friedell einen wunderschönen Aufsatz, in dem er sagt: "Hört mir auf, das Publikum zu verdammen. Auf lange Sicht hat es meistens recht gehabt."

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