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StartseiteCorsoSchwarze Stimmen, neue Wege26.12.2020

Corso-Spezial: Pop postkolonialSchwarze Stimmen, neue Wege

Schwarze Quadrate, leere Studios, Debatten über Rassismus: Am Blackout Tuesday hat auch die Musikindustrie Solidarität für die #Blacklivesmatter-Bewegung gezeigt. Aber was ist mit dem Rest des Jahres? Ein Blick auf das Aufbrechen von Kategorien, zähe Veränderungen und neue Wege in der Popmusik.

Von Kolja Unger

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Unter dem Hashtag #blackouttuesday wurde nach dem Tod von George Floyd auf Social Media mit schwarzen Profilbildern gegen Rassismus und Polizeigewalt protestiert (imago images / Le Pictorium)
Unter dem Hashtag #blackouttuesday wurde nach dem Tod von George Floyd auf Social Media mit schwarzen Profilbildern gegen Rassismus und Polizeigewalt protestiert (imago images / Le Pictorium)
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"I can‘t breathe" - ich kann nicht atmen. Das waren die letzten Worte des Afro-Amerikaners George Floyd. Der Satz fungiert seither als Parole der Black-Lives-Matter Bewegung, die rassistische Polizeigewalt anprangert. Und auch in der Popmusik hat man sich infolge dessen mit rassistischen Strukturen beschäftigt. Etwa am 2. Juni mit dem Blackout Tuesday. 

Unser Autor Kolja Unger wollte sich für Corso nun gegen Jahresende noch mal anschauen, wie sich die Bewegung in der hiesigen Popmusik-Landschaft niederschlägt und hat mit drei sehr unterschiedlichen nicht-weißen Musikerinnen gesprochen, die in Deutschland leben: Akua Naru, Sarah Farina und Malonda. Sie machen Conscious Rap, elektronische Musik und Diva-Pop. In diesem Online-Beitrag sind nur Ausschnitte aus Kolja Ungers Hörstück abgebildet - das gesamte Stück kann im Podcast nachgehört werden.

Sarah Farina (links) und Achan Malonda (rechts) (Deutschlandradio / Kolja Unger)Die Musikerinnen Sarah Farina (links) und Achan Malonda im Interview (Deutschlandradio / Kolja Unger)


Blackout Tuesday: Warum gerade ein Dienstag?

Am Blackout Tuesday haben große Teile der US-Musikindustrie Soldidarität für die Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung gezeigt und die reguläre Arbeit für einen Tag niedergelegt. Im Interview äußern sich Achan Malonda und Sarah Farina aber nicht nur positiv über diese Aktion:

"Warum eigentlich Blackout Tuesday? Das irritiert mich schon die ganze Zeit, denn die Releases sind doch eigentlich alle am Freitag. Also: Was hat die Musikindustrie für nennenswerte Einbußen, wenn sie einen Dienstag lang ruht? Einige Unternehmen sind relativ schnell in Aktion gegangen und haben sich auch namenhafte Anti-Rassismusexpert*innen für Keynotes ins Haus geholt. Das war jetzt einmalig. Es ist jetzt nicht so recht abzusehen, ob das wirklich zu nachhaltigen Veränderungen geführt hat", so Malonda.

Bewusstsein für Privilegien schaffen

Für eine nachhaltigere Veränderung setzen sich die Musikerinnen unter anderem als Speakerinnen in Workshops ein. Im Sommer haben sie zum Beispiel einen Workshop zum Thema Rassismus in der Musikbranche für die Berlin Music Commission gegeben. Sarah Farina erklärt ihr Anliegen dabei so:

"Es geht um ein kritisches Auseinandersetzen mit sich selbst. Weil ich glaube, dass vor allem privilegierte Menschen – in diesem Fall weiße Menschen – diese krasse Auseinandersetzung mit ihrer Identität gar nicht gewohnt sind, wie wir beide zum Beispiel."

"Das Für und Wider der Quote"

Malonda wünscht sich Maßnahmen, die nachhaltig in der Unternehmensstruktur verankert werden. Zu einer Quote für People of Color sagt sie:

"Das Für und Wider der Quote. Schauen wir uns das an: Black Music - was ist denn Black Music überhaupt? Das wirklich Schwarze Menschen oder People of Colour in ihren angeblich ethnisch zugeschriebenen Musikrichtungen Platz finden, auch personell? Dann leitet da halt einer mal das Department in afrikanischer Musik. Ja, super. Und jetzt? Das ist für mich eher Quote und Tokenism*. Ja, kann auch schon sein, dass diese Person da Ahnung hat. Aber darum geht es ja gar nicht. Wieso können diese Personen nicht in anderen Departments stattfinden?"

*Tokenism: Jemanden aufgrund einer Eigenschaft, wie Schwarzsein oder Weiblichsein, zu einem Stellvertreter für alle Schwarzen oder Frauen machen.


Malonda: Dekolonisierung und das Singen über Schokolade

Die Musikerin Malonda im Interview (Deutschlandradio / Kolja Unger)Die Musikerin Malonda im Interview (Deutschlandradio / Kolja Unger) Malonda macht elektronischen Diva-Pop. Mit Songs wie "Schokolade" will sie zu einer Dekolonisierung von Pop beitragen. Mit Blick auf ihr nächstes Album erzählt sie:

"Da werde ich auch meine Erfahrungen als Schwarze Frau in Deutschland sehr bewusst adressieren und auch darüber nachdenken, wie das wohl wäre, wenn ich Deutschlands erste Schwarze Kanzlerin würde. Und gleichzeitig auch in einem anderen Song noch ein bisschen mehr darüber nachdenken, wie man queer-feministische Themen weiterspinnen kann."


Akua Naru: Conscious-Rap und Schwarzes Erzählen

Akua Naru (Daniel Ziegert/Karsten Jahnke Konzertdirektion)Akua Naru (Daniel Ziegert/Karsten Jahnke Konzertdirektion)Eine Musikerin, die bereits seit ihren ersten Veröffentlichungen von vor zehn Jahren sehr explizit die Verwobenheit von verschiedenen Diskriminierungsformen wie Schwarzsein und Frausein thematisiert hat, ist die Afro-Amerikanerin Akua Naru. Sie bezeichnet sich als Rhapsodin, als reisende Songwriterin, ihre Musik nennt sie Conscious-Rap.

Für ihr letztes Studio-Album "The Blackest Joy" ist sie durch West-Afrika gereist und hat sich mit dem Thema Mutterschaft beschäftigt. Zum einen konkret, mit den Frauen in ihrer eigenen Familie. Andererseits auch abstrakter mit "Mama Africa" als Ursprung von Afro-Amerikanischer Identität. Beides fließt zusammen im Song "My Mother's Daughter". Zur Form der Erzählung sagt Akua Naru:

"Den ganzen Song über spreche ich über die Tochter meiner Mutter in der dritten Person, obwohl ich doch die Tochter meiner Mutter bin. Das ist eine sehr Schwarze, afrikanische Art, über etwas nachzudenken."


Fluidität und kulturelle Aneignung

Naru beschäftigt sich auch mit dem Phänomen der kulturellen Aneignung. Es gebe einige Dinge, auf die man achten sollte, wenn man aus etwas Dagewesenem etwas Neues entwickeln möchte:

"Du musst dir des Körpers bewusst sein, in den du geboren wurdest, und der Art, wie du auftrittst. Wie das von anderen gelesen und interpretiert wird. Da gibt es einiges, was man nicht einfach so machen kann. Ein bestimmtes Auftreten kann als Angriff verstanden werden und verletzend sein für das Gegenüber. Es gibt aber auch Wege, wertschätzend und respektvoll einer Kultur oder einer Gruppe entgegenzutreten. Auf diese Weise ist es auch möglich teilzuhaben. Mit der nötigen Wertschätzung und dem nötigen Respekt."


Sarah Farina: "Rainbow Bass" und Aufbrechen von Kategorien

Die Musikerin Sarah Farina (Deutschlandradio / Kolja Unger)Die Musikerin Sarah Farina (Deutschlandradio / Kolja Unger)Wenn es nicht gerade wegen der Corona-Pandemie ausfallen muss, veranstaltet Sarah Farina mit ihren DJ-Kolleg*innen im Ohm Club die Party Reihe Rec Room. Ihre elektronische Musik bezeichnet sie als "Rainbow Bass". Sarah Farina:

"Das hat etwas damit zu tun, dass dich auch als DJ die Leute kategorisieren wollen. Was mir ganz oft passiert ist, dass Leute davon ausgegangen sind: ‚Ach, du legst doch bestimmt Soul und Funk auf‘ - einfach nur wegen meinem Aussehen. Und anstatt dann die Musikstile aufzulisten, die ich auflege, dachte ich mir, ich muss ein eigenes Wort erfinden. Wenn ich meine Musik visualisiere, dann ist das für mich ein Regenbogen. Weil alle Musikstile und alle Kulturen auch miteinander verbunden sind wie die Farben in einem Regenbogen. Und Bass natürlich, weil wenn wir im Club sind, und der Bass einsetzt, das ist das, was man im Körper spürt. Das ist die Essenz."


"Wo fängt Schwarzsein an?"

Mit Bezeichnungen wie "Black Music" oder "Schwarzen Simmen" findet auch eine Kategorisierung statt. Sarah Farina dazu, was für sie eine Schwarze Stimme ausmacht:

"Also ich finde, diese Fragen sind so spannend und so wichtig. Und die sind so anstrengend auch für mich selber, weil wir uns als nicht-weiße Menschen so krass damit auseinandersetzen müssen. Wo fängt Schwarzsein an? Wo hört es auf? Was ist Weißsein? Was ist eine Frau? Was ist ein Mann und so weiter? Alles Konstrukte. Und es ist alles ein Spektrum."

"Ich habe den Struggle die ganze Zeit"

"Natürlich, ich kann diese Fragen nicht beantworten. Ich habe den Struggle die ganze Zeit. Ich habe das Gefühl, ich bin nicht dies genug. Ich bin nicht das genug. Dann werde ich als soundso gelesen und dann wieder anders, weil ich einfach einen totalen Remix-Background habe sozusagen. Und das führt einfach oft zu einer Identitätskrise, weil es einfach verwirrend ist, weil dir konstant zugeschrieben wird, du musst dich kategorisieren. Auch teilweise in einer eigenen Community", so Sarah Farina.


Sampling: "Sich Dinge zu nehmen, ohne zu fragen"

Sarah Farina ist im Laufe der Zeit in der Techno-Szene immer mehr aufgestoßen, dass die Urheber*innen von Samples nicht abgebildet und gewürdigt werden. Zum Beispiel in DJ Deeons "Freak like me". Sie hat die Urheberin recherchiert und Kontakt zu ihr aufgenommen: Tish Bailey, eine Afro-Amerikanische Sängerin aus Chicago, die das Original vor circa 30 Jahren geschrieben hat. Die beiden arbeiten jetzt miteinander.

Sarah Farina: "Die meisten großen Elite-DJs spielen diesen Track. Ja, es ist ein totaler Klassiker, aber niemand hat das genug interessiert, um mal zu gucken, von wem ist eigentlich die Stimme? Und warum ist sie da nicht gecreditet? Es ist einfach eine total normalisierte Praxis, sich Dinge zu nehmen, ohne die Person zu fragen, von der du nimmst. Und ja, deswegen ist es so einfach, es einfach richtiger zu machen. Es gibt ja schon tendenziell eine Richtung, die ein bisschen cooler wäre."


Dekolonisieren heißt Strategienvielfalt

Das Gespräch mit den drei sehr unterschiedlichen Musiker*innen verdeutlicht: Um die Popmusik zu dekolonisieren, braucht es eine Strategien-Vielfalt. Zum einen sollten Entscheider-Stellen zum Beispiel in Plattenfirmen diverser besetzt werden - und zwar ohne, dass Schwarze oder People of Color als Tokens nur zu vermeintlich "Schwarzen" Themen eingestellt werden. Es braucht aber auch einen kooperativeren Ansatz zwischen Musiker*innen und Produzent*innen. Unser Autor Kolja Unger nimmt für sich als weißer Journalist mit, wenn er sich mit nicht-weißer Musik auseinandersetzt: Sich vorher bewusst machen, was man für das Gegenüber verkörpern könnte und sich dem noch Unbekannten mit anerkennendem Respekt nähern. So, wie es Sarah Farina in Bezug auf Tish Bailey vorgemacht hat. Ein wertvoller Tipp auch über die Pop-Musik hinaus.

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