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StartseiteCorsoZur Feier eines sehr komischen Jahres30.08.2014

Corsogespräch Zur Feier eines sehr komischen Jahres

Einfach hatten es Elbow aus Manchester wahrlich nicht. Nach der Gründung dauerte es zehn Jahre, bis sie eine Plattenfirma gefunden hatten. Mittlerweile füllen die fünf Musiker in Großbritannien Stadien. Das neue Album aber ist etwas anders als frühere Platten, wie Sänger Guy Garvey und Bassist Pete Turner erklären.

Guy Garvey und Pete Turner im Gespräch mit Amy Zayed

Die Band Elbow beim Glastonbury Festival of Contemporary Performing Arts am 27.6.2014 (picture alliance / dpa / Will Oliver)
Guy Garvey von Elbow beim Glastonbury Festival 2014 (picture alliance / dpa / Will Oliver)
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Amy Zayed: Das neue Album heißt "The Take-off and landing of everything". Inwiefern war es das?

Guy Garvey: Es geht vor allem darum, dieses doch sehr komische Jahr in meinem Leben zu feiern. Aber auch anderen Leuten die Geschichte dieses Jahres zu erzählen. Für uns alle fünf war es ein sehr turbulentes Jahr! Los Pete, erzähl! Bei Dir ist doch auch gerade was passiert.

Pete Turner: Ich bin wieder Vater geworden. Diesmal ein Junge! Jetzt habe ich ein Mädchen und einen Jungen!

Garvey: Der kleine ist mein Patensohn. Das ist das erste Mal, dass mich jemand anderes in seine Familie einlädt. Einige meiner Neffen sind meine Patenkinder, aber das ist ja eh meine eigene Familie. Doch in eine andere Familie aufgenommen zu werden ist etwas Besonderes und ehrt mich. Also Mein Job ist es, den kleinen mit Alkohol, Drogen und Pornografie bekannt zu machen, wenn er zum Teenager heranwächst.

Turner: Ach was! Der wird vorher zuerst über meine Pornos stolpern!

Garvey: Genau das passiert doch! Man stolpert darüber! Als Teenager passiert sowas, wenn man es am allerwenigsten erwartet.

Zayed: Aber um Pornografie ging es nicht auf der Platte?

Auch mal alleine Arbeiten

Garvey: NEIN! Natürlich nicht! Es hat sich nur so viel geändert! Ich habe mich von meiner langjährigen Partnerin getrennt. Wir waren fast zehn Jahre zusammen. Die Trennung war sehr befreiend, aber auch sehr traurig!

Andere in der Band haben sich verliebt, Pete hatte wie gesagt sein Kind, aber das Allergrößte, was passiert ist, ist dass wir zum ersten Mal unabhängig voneinander gearbeitet haben. Jeder für sich allein. Früher waren wir alle fünf Tage die Woche bis zum Wochenende in einem Raum eingeschlossen, bis die Platte fertig war. Diesmal war es anders! Selbst wenn wir alle zu Hause in Manchester waren, hatte jeder von uns einen anderen Tag frei. Die Erfahrung war toll. Wahrscheinlich werden wir von nun an noch öfter allein arbeiten.

Zayed: Das könnte aber ganz schon die Gerüchteküche anfeuern, von wegen Elbow trennen sich und so.

Garvey: Aber das ist es doch! Wir können Platten machen, und uns nicht andauernd in unsere dummen Gesichter gucken. (Lacht)

Turner: Es war wirklich gut. Wir mussten das nicht machen. Es war nicht so, dass wir keine Lust aufeinander hatten. Es gibt auf dem Album auch Songs, die wir tatsächlich alle zusammen aufgenommen haben, und das hört man auch. Ich glaube nur, dass wir, wenn wir so weitergemacht hätten wie früher, wir dann nach ein paar Alben tatsächlich überhaupt keinen Bock mehr aufeinander gehabt hätten. Für uns war dieses Alleine-Arbeiten eher eine neue Spielerei, die wir ausprobieren wollten, und wir wollten sehen wie weit wir es damit treiben können. So wie mit jeder Idee, die wir haben.

Ein Moment von Größenwahn

Garvey: Es war teilweise zum Beispiel so: Wir saßen 25 Jahre lang in einem Raum zusammen und haben Musik gemacht. Wir kennen uns so gut wie niemand anders! Wenn wir also diesmal vielleicht nur zu viert in einem Raum saßen, weil einer frei hatte. Eigentlich könnte man doch davon ausgehen, dass die restlichen vier dann erst mal alles das ausprobieren, was der fünfte normalerweise fürchterlich findet. Stattdessen war es so, dass wir dann versucht haben, den Geschmack des fehlenden Mitglieds zu treffen. Und genau darin bestand die Spielerei.

Für jemanden zu schreiben, der nicht da war. Ziel war, dass derjenige Dich dafür total abfeiert! Aber dafür muss man sich so gut kennen wie wir. Es ist nicht einfach, uns gegenseitig zu überraschen, schon gar nicht musikalisch! Aber das haben wir wieder gelernt.

Zayed: Ihr spielt auf den letzten und auch auf dem aktuellen Album mit pompösen Stücken, mit viel Streicherarrangements, Gospelchören, Orchester.

Allein das Titelstück, der letzte Song auf dem Album, ist acht Minuten lang und schon eine Art Musikepos. Was war die Idee dazu?

Garvey: Das wollen wir tatsächlich! Bloß wissen wir zum Beispiel bei dem Stück überhaupt nicht, wie wir es live spielen sollen! Die Idee kam eigentlich daher, dass Peter den Song "Colourfields" geschrieben hatte, und wir im Anschluss so eine Art kleine Oper haben wollten. Gleichzeitig hatte ich noch einen anderen Titel im Kopf, den wir "Fast moving water" nannten. Der sollte eigentlich der zweite Teil von "This blue world" werden. Aber dann dachten wir, dass das, was wir geschrieben hatten, super mit diesem Stück zusammenpasste, was ich eben schon eigentlich ja als Nachklapp für "This blue world" geschrieben hatte. Es wurde so pompös, dass wir erst daran dachten es komplett zu streichen! Aber in einem Moment von Größenwahn und weil wir alle das Stück wirklich super fanden, haben wir es dann doch mit aufs Album gepackt, und sogar die Platte danach benannt.

Turner: Die CD brauchte aber genau dieses Stück! Wir hatten andere geschrieben, die wir stattdessen hätten nehmen können. Aber der Vibe des Songs, dieses pompöse Chaos passte zu unserem Leben, unseren Gefühlen.

Garvey: Alles andere auf dem Album klang so überdacht und vorhersehbar. Das Album brauchte ein bisschen Drama und Chaos.

Zayed: Und es ist alles blau auf dem Album. "Fly boy blue", "This blue world".

Jeder Auftritt ist anders

Garvey: Wenn Sie meinen Schrank aufmachen, ist tatsächlich alles blau!

Zayed: Alles Herz und Schmerz?

Garvey: Nein, ich glaube, das Wort blue passt zu unserer Musik, und ebenso die Farbe! "Fly boy blue", "This blue world", das Album hat ein blaues Cover. Jawohl, alles blau!

Zayed: Die Platte ist ja nun schon seit ein paar Monaten auf dem Markt. Und gerade dieses Album ist für Sie ja nun schon sehr emotional. Jetzt spielen sie das jeden Abend auf Konzerten, obwohl sie sich die Seele aus dem Leib geschrieben haben. Macht ihnen das gar nichts aus, ihre Gefühle so offen zur Schau zu stellen?

Garvey: Ich mache mir tatsächlich oft darüber Gedanken, weil es nicht immer einfach ist. Ich habe auch oft schon mit den anderen darüber gesprochen. Aber am Ende ist jeder Auftritt eine andere Erfahrung. Die Säle, in denen wir spielen sind immer anders, und selbst wenn nicht, ist das Publikum jeden Abend anders. Ich verstehe, warum es Künstler gibt, die das Licht im Gesicht haben wollen, um ihr Publikum nicht ansehen zu müssen. Wir haben das nie gemacht. Ich will Teil dieser Erfahrung sein, sie mit der Band und dem Publikum teilen. Wir versuchen, jede Show anders zu gestalten. Und manchmal ist es dadurch wirklich sehr schwierig manche Songs, die sehr persönlich sind, zu Performern. Aber manchmal wird dasselbe Lied plötzlich zu einer Art Zelebration dessen, was ich mit dem Publikum gemeinsam habe. Dann sehe ich in die Gesichter da unten, und mir wird klar, wie sehr sie sich mit dem Song persönlich identifizieren. Und dann wird aus dieser Auftritt etwas Besonderes. Ein Moment, den die Band mit dem Publikum teilt. Wir haben schon so einige Songs über Freunde geschrieben, die verstorben sind. Wenn wir die spielen, dann gucke ich manchmal ins Publikum und sehe Leute, die fast zusammenbrechen. Das finde ich persönlich dann immer sehr schwierig, und dann will ich am liebsten von der Bühne stürzen, diese Leute in den Arm nehmen, und denen ein Bier holen oder so. Vielleicht berührt die Musik eben auch Leute, die das sonst nicht so gern zeigen. (Lacht) Echt jetzt! Gerade in Deutschland sehe ich immer wieder Leute im Publikum, bei denen ich das Gefühl nicht loswerde, die kommen zu den Gigs, um sich mal richtig schön auszuheulen, weil sie das sonst nicht können. Das sind dann oft so richtig große, starke Jungs. Die stehen da und heulen!

Turner: In den Staaten ist das auch so.

Garvey: Keine Ahnung warum das gerade hier und in den USA so ist. Ich glaube, weil es dort mehr große, starke, biertrinkende Jungs gibt, die schwul sind. Keine Ahnung. Obwohl, ich bin nicht schwul und bin auch so einer!

Genau darum wollen Jungs in eine Band 

Zayed: Wie ist ihre Beziehung heutzutage zu Manchester? Sie haben Liebeslieder für die Stadt geschrieben, Scheidungslieder, nachdenkliche Lieder? Bei Ihnen hat man das Gefühl, Frauen kommen und gehen, aber Manchester bleibt immer ein Thema?

Garvey: Definitiv! Ich liebe die Stadt so sehr, dass ich demnächst vorhabe, wieder in meine kleine Wohnung in der Innenstadt zu ziehen. Die gehört eigentlich meinem Kumpel Dave, der hatte sie mir acht Jahre lang vermietet. Dann habe ich dieses Haus außerhalb von Manchester gekauft, damit ich und meine Partnerin genug Platz hatten. Aber ich fühle mich nun, da ich wieder allein bin, so unglaublich einsam in dem großen Haus. Das einzige, was mir nun Halt gibt, ist diese alte Stadt, die mich aufgezogen hat. Also will ich wieder in die Innenstadt ziehen. Ich kann mich dort benehmen wie ich will. Im Moment wie ein komischer Einsiedler und Junggeselle.

Zayed: Was kommt nun als nächstes für Elbow? Ich meine, das Album ist ja nun aufgenommen. Jetzt folgen ein paar Konzerte, und danach?

Garvey: Ich wollte tatsächlich heute den ersten Song für die nächste Platte schreiben.

Zayed: Ich hab kürzlich im "Guardian" einen Artikel gelesen. Da ging es um die fünf abgefahrensten Songs, die mit Sex zu tun haben. "Squeeze my lemon" von Robert Plant zum Beispiel. In dem Artikel klang das so, als ob Musiker über nichts anderes schreiben wollen. Ist das tatsächlich so?

Garvey: Als wir gerade angefangen hatten, war das so. Damals waren wir so unglaublich schlecht, und wir haben einen Song geschrieben der "Sleeze", also schlüpfrig, hieß. Das waren alles nur dreckige Anspielungen.

Turner: Aber genau deshalb wollen doch Jungs in eine Band. Zumindest anfangs. Du willst Mädels aufreißen, und Drogen nehmen. Sex and Drugs und was war das andere noch mal?

Zayed: Rock’n’roll!

Turner und Garvey: Ach ja! Stimmt! Das war es!

Zayed: Haben Sie das alles am Ende erreicht?

Garvey: Mittlerweile ist nicht mehr so viel davon übrig.

Zayed: Ist es langweilig geworden?

Noch viele Pläne

Garvey: Nein! Man schlägt sich immer noch die Nächte um die Ohren und trinkt exzessiv. Unser Soundmann hatte gestern seinen letzten Tag. Nach 20 Jahren will er nun Sound-Dozent an der Universität werden. Gestern hat der mir das allererste Mal erzählt, dass er riesengroßer Fan von Genesis ist. Er kennt alle ihre Songs. Wir arbeiten seit zwei Jahren zusammen, und dann erzählt er mir das erst jetzt! Dann haben wir bis sechs Uhr morgens getrunken und Genesis-songs gegrölt.

Zayed: Für Sie insbesondere, Herr Garvey, hat sich in den letzten zehn Jahren so viel verändert. Sie haben so viel erlebt! Sie sind ja nicht nur Sänger bei Elbow, sie haben sich an einer Oper versucht, sind mittlerweile selbst Musikjournalist, haben eine eigene Radiosendung bei der BBC, und sitzen dort im Rat für neue Musik. Sie haben die Musik für die Eröffnung der Olympiade in London geschrieben. Was ist das nächste Ziel, was sie sich selbst gesteckt haben?

Garvey: Ich will mich als Schauspieler versuchen und werde ein Buch schreiben. Ich hab auch noch ein Soloalbum in Petto. Die anderen haben auch ihre Seitenprojekte. Bei mir muss immer alles vorwärts gehen.

Zayed: Mit wem arbeiten Sie für das Soloalbum zusammen?

Garvey: In eineinhalb Wochen hab ich mich in die Realworld Studios eingemietet. Dort arbeite ich mit unserem Soundmann Danny, aber auch mit Jools Holland will ich etwas machen. Und dann natürlich die ganze alte Manchester-Crew. Imi Goodwin von Doves, Pete Jobson von I am Kloot, Nahthan Sudders von the Whip. Die üblichen Verdächtigen! Wer immer auch Lust hat, kann mitmachen!

Zayed: Wann können wir das Album erwarten?

Garvey: Keine Ahnung! Erst mal machen wir diese zweieinhalb Wochen im Studio. Dann buche ich noch mal eineinhalb Wochen, und dann muss man das ganze ja noch mischen und so! Ich lass mir Zeit.

Zayed: Und was ist mit dem Buch? Worum geht’s da?

Garvey: Das Buch werden einfach Elbow-Texte sein, die ich kommentiere. Ich schreib einfach ein paar nette Anekdoten dazu.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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