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StartseiteCampus & KarriereKleine Arbeiten, kleines Geld31.08.2016

CrowdworkingKleine Arbeiten, kleines Geld

Die sogenannten Crowdworker sind meist gut ausgebildet und erledigen kleine Arbeiten im Internet: Sie sortieren virtuelle Kleidung, machen Screenshots, entwerfen Logos. Viel Geld gibt es für diese Tätigkeiten allerdings nicht. Deshalb kann auch kaum einer der geschätzt ein bis zwei Millionen Crowd- oder Clickworker davon leben.

Von Anja Nehls

Ein Mann ist von oben zu sehen, wie er an einem Tisch mit dem Computer und mehreren anderen digitalen Geräten wie Notebook, Smartphone, Smartwatch arbeitet.  (imago / Westend61)
Zuhause arbeiten am Computer (imago / Westend61)
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Wenn die Kinder am Vormittag in der Schule oder im Kindergarten sind, klappt ihre Mutter den Laptop auf. Seit zwei Jahren arbeitet sie als Clickworkerin für die Internetplattform Crowdguru. Auf dem Bildschirm sucht sie sich aus, was sie heute machen möchte, zum Beispiel Kleidungsstücke für ein Online-Modehaus virtuell sortieren:

"Man sieht Bekleidung von einem Shop, man muss einen Basic Look eingeben, also worein es passt. Sodass, wenn der Nutzer es später anguckt im Internet, es auch findet. Also zum Beispiel hier ist ein T-Shirt zu sehen, der möchte ein gestreiftes T-Shirt, das zum Casual Look passt und kurzärmlig, dass er das auch findet. Dann muss ich das noch bei T-Shirts einordnen und bei Ringelshirts. Das ist ein sehr einfacher Job natürlich, gibt auch nur ganz wenig Geld".

Drei Cent pro T-Shirt. Wenn sie 200 T-Shirts virtuell einsortiert, hat sie sechs Euro verdient. Andere Clickworker suchen auf Webseiten nach Öffnungszeiten, machen zum Beispiel für eine Firma Screenshots von TV-Serien, verfassen Werbetexte für Autovermieter oder entwerfen sogar Logos. Obwohl die Arbeit legal ist, ist sie vielen offenbar ein bisschen peinlich, deshalb wollen sie lieber anonym bleiben. Ein bis zwei Millionen Click- oder Crowdworker gibt es deutschlandweit, schätzt die IG Metall. Die meisten machen das nebenberuflich, wie dieser Student aus Berlin: "Man kann sich frei aussuchen, wann man arbeitet. Ich mache es meistens, wenn ich irgendwie abends zuhause bin und Langeweile habe. Ich zocke halt auch gerne und wenn da mal eine Pause ist, wo gerade nichts geht, dann sage ich eben, okay, dann mache ich eben die zehn Minuten das hier und gut ist."

Die meisten verdienen weniger als 400 Euro

Auf rund 300 Euro kommt er dabei im Monat, sechs bis sieben Euro pro Stunde. Damit entspricht er dem Durchschnitt in der Branche, so das Ergebnis einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Von gut 400 befragten Crowdworkern verdienen 70 Prozent weniger als 500 Euro im Monat. Aber auch diejenigen, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, kommen selten auf mehr als 1.500 Euro – und müssen auch noch Steuern abführen.  Für die Unternehmen ist das Modell praktisch. Die Crowdworker arbeiten freiberuflich, es gibt keine Gehaltsverhandlungen und die Unternehmen müssen sich nicht um die soziale Absicherung kümmern, sagt Christiane Benner von der IG Metall: "Vom Outsourcing sprechen wir dann in dem Moment, wo bestimmte Aufgaben aus dem Unternehmen heraus auf sogenannte Crowdsourcing-Plattformen, Internetplattformen verlagert werden, ausgeschrieben werden und dann von den Clickworkern erledigt werden."

Oft zu Dumpingpreisen. Etwas über vier Euro gibt es zum Beispiel für das Verfassen eines kurzen Werbetextes. Unternehmen lassen Webseiten und Logos zu Niedrigstpreisen entwerfen, es findet sich immer einer, der es macht. Weil am Ende selbst bei den hauptberuflichen Crowdworkern wenig Geld übrig bleibt, versichern sich 30 Prozent nicht gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit, die Hälfte kümmert sich nicht um die Altersvorsorge. Stefan Lücking  von der Hans-Böckler-Stiftung fordert, über die Crowdworking Plattformen zum Beispiel mittels Bewertungssystemen mehr Druck auf die Firmen auszuüben, die solche Aufgaben anbieten. Außerdem sollte über eine Neubeurteilung der rechtlichen Situation solcher Arbeiten in Deutschland nachgedacht werden:

"Wo die Grenzen zwischen Selbstständigkeit und abhängiger Beschäftigung zum Beispiel sind und was ein Betrieb ist. Ob zum Beispiel so eine Crowdsourcing-Plattform nicht auch ein Unternehmen ist, das im Grunde genommen Crowdworker als Beschäftigte beschäftigt, selbst wenn es formal immer nur um Einzelaufträge geht."

Über 35.000 Menschen sind alleine bei der Plattform Crowdguru angemeldet, über 700.000 (*) bei Clickworker.com. Der überwiegende Teil der Crowdworker ist laut der Studie gut ausgebildet, die Hälfte hat sogar einen Hochschulabschluss.


Anm. d. Red.: Bei der Zahl der registrierten User der Online-Plattform Clickworker ist eine Null unter den Tisch gefallen: Nach Angaben von Clickworker hat das Unternemen 700.000 User und nicht wie in der Sendefassung berichtet 70.000.

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