Mittwoch, 08. Februar 2023

Archiv

Currentzis dirigiert Beethoven
Musik wie ein antiker Tempel

Kaum jemand polarisiert die Klassikszene so wie Teodor Currentzis. Fans halten den Dirigenten für eine Art „Heilsbringer“ im Gothic-Look, Skeptiker für einen medial-gehypten Selbstdarsteller. Auf seiner neuesten CD dirigiert Currentzis Beethovens siebte Sinfonie. Und das richtig gut.

Von Elisabeth Richter | 18.04.2021

    Ein Mann mit leicht zerzausten dunklen Haaren steht mitten auf einer Straße und schaut in die Kamera.
    Teodor Currentzis wurde 1972 in Athen geboren. (Julia Wesely)
    Er hat sich das Image eines "enfant terrible" aufgebaut, nicht nur wegen seines Auftretens zum Beispiel in hautengen Jeans und Stiefeln mit roten Schnürsenkeln. Der griechische Dirigent Teodor Currentzis elektrisiert die Klassikwelt immer wieder mit extremen Lautstärkekontrasten oder eigenwilligen Akzenten. Er scheint wie eine Kerze an zwei Enden zu brennen, wenn er am Dirigentenpult steht. Seine Mozart-Aufnahmen polarisierten die Musikkritik zwischen hymnischem Lob und Ablehnung. Gerade hat Teodor Currentzis mit seinem Orchester MusicAeterna seine zweite Beethoven-Sinfonie veröffentlicht, nach der Fünften, jetzt die Siebte. In dieser bei Sony Classical erschienenen Aufnahme setzt Currentzis eigentlich nur genau das um, was Beethoven in seine Partitur geschrieben hat. Dabei bietet er eine ungeheuer spannende Lesart.
    Musik: Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92, 2. Satz
    Forte – so schreibt Beethoven am Anfang des zweiten Satzes "Allegretto" seiner siebten Sinfonie für den ersten Akkord vor. Doch der gehaltene Akkord soll über zwei Takte zu einem Pianissimo decrescendiert, also leiser werden. Dann haben die tiefen Streicher - Bratschen, Celli und Kontrabässe - im Piano das Thema vorzustellen. Nach 16 Takten müssen sie noch leiser, Pianissimo werden. Nach und nach treten die anderen Stimmen, die zweiten Violinen, dann die ersten Violinen, später die Bläser mit dem schlichten Motiv hinzu. Die bereits spielenden Instrumente entwickeln Gegenmelodien dazu und Begleitfiguren. Das sind erst simple Achtel, dann Triolen, dann Sechzehntel. Es entsteht ein ungeheuer dichtes polyphones Gewebe.

    Nah an der Partitur

    Dass die Strukturen immer hörbar bleiben, liegt daran, dass Teodor Currentzis die Klangfarben der einzelnen Stimmen sehr überlegt mischt. Außerdem sind die Motive und Floskeln charakteristisch, erkennbar und unterscheidbar profiliert Doch mindestens genauso faszinierend ist – und das trägt auch zur Klarheit bei - wie präzise und akribisch Currentzis Beethovens dynamische Vorschriften einhält. Man kann es in der Partitur überprüfen.
    Musik: Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92, 2. Satz
    "Lang-kurz-kurz" – diese rhythmische Figur ist prägend für Beethoven siebte Sinfonie. Im zweiten Satz wird dieser Rhythmus noch durch eine weitere Figur – "lang-lang" – ergänzt. Zwei Takte gehören hier jeweils zusammen, sie bilden eine Geste. Für Teodor Currentzis ist dies ein Indiz – verrät er im Booklet -, dass dieser berühmte zweite Satz von Beethovens Siebter nicht als ein Trauermarsch zu verstehen ist, wie es oft passierte und passiert. Er sieht hier eher einen "antiken Tanz". Dafür könnte sprechen, dass der Satz ja "Allegretto" und nicht Adagio oder Largo überschrieben ist. Tatsächlich gelingt es Currentzis, trotz des durchaus ins Pathetische tendierenden Charakters dieses Allegrettos, einen tänzerischen Grundpuls niemals zu verlieren und damit das Pathetische nicht zu forcieren. Man höre hier darauf, wie Currentzis den fast durchgehenden pochenden Rhythmus in den Bässen präsent hält.
    Musik: Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92, 2. Satz
    Teodor Currentzis spricht im Booklet von der "Vollkommenheit der Form" dieser siebten Sinfonie von Beethoven. Jeder einzelne Ton, sagt er, trage "zum absoluten Ebenmaß bei". Er vergleicht die Sinfonie mit der klassischen, antiken Architektur. Tatsächlich gewinnt man beim Hören stark den Eindruck, dass Currentzis wirklich die klassische Balance der Einzelteile der Sinfonie hörbar machen möchte. Dabei werden aber weder die verschachtelte Rhythmik, noch die dynamischen Kontraste oder die dialogischen Wechselspiele der melodischen Linien überspitzt.
    Musik: Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92, 1. Satz
    Auch der Anfang der Sinfonie zeigt ein genaues Beachten der artikulatorischen und dynamischen Anweisungen des Komponisten. Die Forte-Piano-Kontraste, die Diminuendi, die Sforzati, die plötzlichen Akzente stehen genauso in der Partitur. Man hört Currentzis Interpretation die intensive Auseinandersetzung an, das Ringen und Abwägen um die richtigen Tempi, die richtigen Farben, um das Formen der Motive, um ein organisches, tänzerisches Pulsieren.
    Musik: Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92, 1. Satz

    Kraftvoll und transparent

    Das von Teodor Currentzis gegründete Originalklang-Orchester MusicAeterna spielt mit einer geradezu vorbildlichen Transparenz. Die charakteristischen Farben der Instrumentengruppen treten klar hervor und verdeutlichen strukturelle Prozesse. Auch im großen Orchester-Tutti bleiben die Farben und Linien exzellent hörbar. Dennoch entsteht ein kraftvoller, energetischer, homogener Ensemble-Klang.
    Musik: Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92, 3. Satz
    Das Scherzo, den dritten Satz von Beethovens siebter Sinfonie nimmt Teodor Currentzis durchaus zügig, aber er lässt die Zügel nicht unkontrolliert schießen. Auch hier vermittelt sich eher Sachlichkeit als betontes Pathos. Manche Steigerungen zu musikalisch-dynamischen Höhepunkten hin wirken bewusst zurückgenommen.
    Musik: Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92, 3. Satz

    Beethoven "reif fürs Irrenhaus"

    Es existieren einige "Bonmots" über die komplexe, unglaublich vitale Rhythmik in Beethovens Siebter. Carl Maria von Weber meinte Beethoven sei "reif fürs Irrenhaus", Friedrich Wieck, Clara Schumanns Vater, hielt den Komponisten für betrunken, Richard Wagner sprach von der Apotheose des Tanzes. Teodor Currentzis dagegen bleibt bei seinem Zugang, trotz aller Passion, die man durchgehend spürt, auf dem Teppich. Das ist bei der diesem Künstler oft attestierten Besessenheit vielleicht überraschend, aber wunderbar angenehm überraschend.
    Musik: Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92, 4. Satz
    Vergleicht man etwa Currentzis’ Tempi mit denen namhafter Kollegen, bewegt sich alles bei ihm im Mittelmaß. Der letzte Satz zum Beispiel – aus dem Wagner die viel zitierte "Apotheose des Tanzes" herauslas – dauert bei Currentzis über 9 Minuten, Leonard Bernstein, Pierre Monteux, Herbert von Karajan oder Christian Thielemann schaffen es zum Teil unter sieben Minuten. Das heißt nicht viel. Entscheidend und sehr überzeugend ist, dass Currentzis im Finalsatz die Spannung sehr organisch aufbaut, und er gerät nicht ins Rauschhafte. Er bewahrt das klassische Ebenmaß. Das gilt für alle vier Sätze dieser faszinierenden Neueinspielung von Beethovens siebter Sinfonie.
    Musik: Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92, 4. Satz
    Ludwig van Beethoven
    Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92
    MusicAeterna
    Leitung: Teodor Currentzis
    Sony (LC 0686) EAN: 194397437720