Freitag, 23. Februar 2024

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"Da wird der Zerfall der Familie programmiert"

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, hat sich gegen eine Ausweitung der Sonn- und Feiertagsarbeit ausgesprochen. Wenn "der Vater seinen freien Tag am Dienstag, die Mutter am Donnerstag und die Kinder am Wochenende" hätten, wirke es höhnisch, wenn von der Politik der Zerfall der Familie beklagt werde, betonte Huber.

Moderation: Jochen Spengler | 21.11.2007
    Jochen Spengler: Heute feiern die evangelischen Christen den Buß- und Bettag. Bis 1994 war dies noch ein bundesweiter gesetzlicher Feiertag, dann aber wurde er als staatlich geschützter arbeitsfreier Tag abgeschafft. Die CDU/FDP-Koalition unter Helmut Kohl strich den Feiertag, um damit die erste Stufe der Pflegeversicherung finanzieren zu können. Seit zwölf Jahren ist der Buß- und Bettag nur noch im Freistaat Sachsen gesetzlicher Feiertag, und an bayerischen Schulen ist heute unterrichtsfrei. Am Telefon begrüße ich den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland Bischof Wolfgang Huber. Guten Morgen, Herr Huber!

    Wolfgang Huber: Guten Morgen, Herr Spengler!

    Spengler: Haben Sie den Kampf inzwischen verloren gegeben, aus dem Buß- und Bettag jemals wieder einen gesetzlichen Feiertag machen zu können?

    Huber: Man muss zugeben, im Augenblick gibt es keinen aktuellen Ansatzpunkt dafür, daran was zu ändern. Wir versuchen, den Buß- und Bettag als einen kirchlichen Feiertag so intensiv zu nutzen wie möglich, und es gibt tatsächlich Regionen in Deutschland, in denen der Gottesdienstbesuch eher besser ist als vorher, vor allem gibt es neue Initiativen im Buß- und Bettag im Rahmen der Friedensdekade, auch ihn inhaltlich zu gestalten, also keine Resignation bei nüchterner Einschätzung, angesichts dem, was vor zehn Jahren mit dem Buß- und Bettag geschehen ist.

    Spengler: Aber wenn in manchen Regionen sogar der Kirchgang größer geworden ist, dann haben wir eigentlich gar nichts verloren, oder?

    Huber: Also teilweise haben wir schon was verloren, und der arbeitsfreie Tag ist verloren gegangen, die Grundüberzeugung, dass arbeitsfreier Tag und Gottesdiensttag zusammengehören, was ja unserer Tradition entspricht. Das hat beim Buß- und Bettag einen Einbruch und eine Einbuße erlebt, das kann man gar nicht verharmlosen. Und im Übrigen hat das Land Sachsen ja auch gezeigt, dass es anders geht. Insofern muss man nach wie vor sagen, das war eine unnötige und schädliche Maßnahme.

    Spengler: Herr Bischof Huber, war die Abschaffung des Buß- und Bettags nur der Anfang einer Entwicklung, an deren Ende auch die Abschaffung des Sonntages als arbeitsfreier Tag, als Tag der Ruhe oder Tag des Herrn stehen könnte?

    Huber: Abschaffung ist vielleicht ein scharfer Ausdruck, aber wir erleben Einbrüche im Bereich des Sonntags, Eingriffe, die eindeutig zu weit gehen. Wir haben ja den Vorgang gehabt, dass mit der Förderalismusreform die Verantwortung für die Ladenöffnung an Tagen in den Bereich der Bundesländer übergegangen ist. Und Berlin war das exemplarische Beispiel dafür, dass man davon in einer Weise Gebrauch gemacht hat, die mit dem Schutz des Sonntags nicht vereinbar ist. Und dabei muss man sich ja immer wieder in Erinnerung rufen: Der Schutz Sonn- und Feiertage als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung, wie die Verfassung sagt, ist ein Verfassungsgebot. Der Staat ist von Verfassungswegen dazu verpflichtet. Und hier haben wir nun erlebt, dass wirtschaftliche Erwägungen, zum Teil auch nur vermeintliche wirtschaftliche Vorteile, aber das ist egal, ins Feld geführt worden sind, um diese Verfassungsverpflichtung einfach in den Wind zu schlagen. In Berlin haben wir zehn Sonn- und Feiertage, die für die Ladenöffnung vorgesehen sind, darunter alle Adventssonntage. Und da ist ganz klar, dass der Schutz des Sonntags in einer Weise ausgehöhlt ist, mit dem man sich nicht abfinden kann.

    Spengler: Und das tun Sie auch nicht, Sie haben ja Verfassungsklage erhoben. Worum geht es Ihnen dabei, nur um den Gottesdienst am Sonntag? Oder geht es Ihnen um das, was Heribert Prantl mit der Synchronisation der Gesellschaft, also um einen gemeinsamen Ruhe- und Erbauungstag, beschrieben hat? Geht es Ihnen darum?

    Huber: Unsere Kultur ist ja in der Tat dadurch geprägt, dass der Gottesdiensttag, der Tag, der für Christen unter dem Gebot steht, du sollst den Feiertag heiligen, mit dem Tag der gemeinsamen Arbeitsruhe, der kollektiven Arbeitsunterbrechung, verbunden ist. Das ist ein zentrales Element unserer kulturellen Prägung. Das hat eine Bedeutung über die Gottesdienstzeit des Sonntags hinaus. Deswegen geht es nicht nur um den Schutz der Gottesdienstzeit, es geht um den Schutz des Sonntags insgesamt.

    Spengler: In den USA sagen etwa doppelt so viel Menschen wie bei uns, dass sie an Gott glauben und religiös seien. Dort sind aber die Geschäfte sonntags geöffnet, also da geht das zusammen, wieso nicht bei uns?

    Huber: Das hat an dieser Stelle eine andere Tradition. Im Übrigen ist die Aussage "die Geschäfte" im Blick auf die USA weit übertrieben. Es gibt eine Tradition, dass insbesondere Lebensmittel- und auch bestimmte Shoppingmalls am Sonntag offen haben. Aber zugleich ist der Sonntag auch gottesdienstlich viel intensiver gestaltet, als es bei uns ist. Man darf sich bloß nicht vorstellen, man könnte die eine Kultur und Tradition an den anderen Ort verpflanzen. Wir haben in Deutschland ein Land, das trotz allem, was sich entwickelt hat, insgesamt eine relativ niedrigere Sonntagsarbeitsquote hat als andere Länder. Ich bin fest davon überzeugt, dabei soll es auch bleiben.

    Spengler: Ja. Ist das eigentlich ein Zufall, dass die Kirchenöffnung beim Religionsunterricht oder auch bei der Sonntagsruhe immer wieder Ärger mit der Landesregierung in Berlin bekommt?

    Huber: Ein Zufall ist das gewiss nicht. Berlin hat da eine eigene Tradition eines starken Einflusses, auch von freidenkerischen Traditionen in der Berliner Politik. Es geht an der Stelle tatsächlich in Berlin rauer zu als in anderen Teilen Deutschlands.

    Spengler: Ja, nun erleben wir gerade, dass die Beschäftigten des Einzelhandels nicht nur, aber auch in der Adventszeit streiken wollen für den Erhalt von Zuschlägen, die sie bekommen haben, damals, als man eingeführt hat, auch wochentags nach 18.30 Uhr, auch samstags nach 14.30 Uhr oder auch nachts arbeiten zu müssen. Haben Sie für solche Streiks Verständnis?

    Huber: Ich hab Verständnis dafür, denn für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Einzelhandel hat sich tatsächlich viel verändert. Der Einzelhandel hat ja zunächst die These vertreten, wir wollen die absolute Liberalisierung der Öffnungszeiten in der Woche. Dann können wir es uns leisten, den Sonntag geschlossen zu halten. Durch diese Nacht- und Nebelaktion vor einem Jahr ist Berlin passiert, dass beides zusammengekommen ist. Und das geht im Ergebnis natürlich dann sehr zu Lasten der Arbeitnehmer, wenn gleichzeitig gesagt wird, da der Abend und der Samstag ja normale Öffnungszeit ist, brauche ich auch dafür keine Zuschläge zu geben. Ich hab Verständnis dafür, dass sie gegen solche Entwicklungen aufbegehren.

    Spengler: Ist das für Sie nicht nur ein Erkämpfen um höheren Lohn, sondern möglicherweise auch eine Gegenwehr gegen die Durchkommerzialisierung unseres gesamten Lebens?

    Huber: Da ist etwas dran, weil eben beides zusammenkommt, und ich hab von Anfang gesagt, wenn man längere Ladenöffnungszeiten die Woche über hat, muss man auch dann darauf achten, dass das vereinbar ist mit ganz berechtigten Interessen derjenigen, die in diesem Bereich beschäftigt sind. Und wenn wir nun die Sieben-Tage-Woche haben, ist das eine durchkommerzialisierte Woche. Die Schäden sind übrigens insbesondere dann bei den Familien auch zu sehen, wenn der Vater seinen freien Tag am Dienstag, die Mutter am Donnerstag und die Kinder am Wochenende haben, dann wirkt es höhnisch, wenn anschließend noch der Zerfall der Familie beklagt wird, denn da wird der Zerfall der Familie programmiert.

    Spengler: Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Danke Ihnen für das Gespräch, Herr Huber!