Sonntag, 20.09.2020
 
Seit 17:30 Uhr Kultur heute
StartseiteUmwelt und VerbraucherDämm-Material aus Strandgut09.03.2005

Dämm-Material aus Strandgut

Trends von der Umwelttechnik-Messe TerraTec

Bei der Entsorgung von Bioabfall gibt es immer wieder gesetzliche Neuerungen, auf die sich die Industrie einstellen muss. So dürfen ab dem 1. Juni 2005 als Strandgut angespülte Algen und Seetang nicht mehr einfach deponiert werden. Wohin also mit der grün-braunen Masse? Auf der Umwelttechnikmesse Terratec, die gestern in Leipzig ihre Pforten geöffnet hat, stellen Techniker eine Lösung für das Problem vor.

Von Hartmut Schade

Moderne Umwelttechnik sorgt für seegras- und algenfreie Strände (AP)
Moderne Umwelttechnik sorgt für seegras- und algenfreie Strände (AP)

Ein kräftiger Wind von Nordost verärgert Kurdirektoren und Badegäste an der mecklenburgischen Ostseeküste: Die feinsandigen Strände liegen voll mit Seegras und Algen. Immer, wenn das passiert, freut sich, Klaus Heselhaus. Für den Geschäftsführer der Firma Seegras-Innovation bedeutet das Nachschub an Rohstoffen:

"Was wir vorschlagen, diesen Rohstoff, so wie wir ihn nennen - wir nennen ihn kein Abfall - zu benutzen, als Ausgangsstoff für Dämm-Material, Pelletiermaterial und andere hochwertige Rohstoffe."

Noch bis in die 50, 60er Jahre lagen viele Mecklenburger auf Seegrasmatratzen. Doch mit den Seegrasmatratzen verschwand auch das Wissen um die Vorzüge der Wasserpflanze und musste nun wieder entdeckt werden.

"Der Vorteil von Seegras ist, es ist einmal eine Wasserpflanze. Das heißt, es hat unheimlich hohen Anteil an Salz. Und der Salzanteil verhindert zum einen, dass Seegras verrottet und zum anderen, dass sich Ungeziefer reinsetzt. Also Ratten, Mäuse werden sie in Seegras- Dämmung nicht finden. "

Doch auch kleinere Lebewesen mögen das viele Salz in den Pflanzen nicht, stellte Diplomingenieur Sören Tech von der TU Dresden fest. Er mischte Seegras in Hartfaser- und Betonplatten und testete sie:


"Die haben den Vorteil, dass die sehr widerstandsfähig sind gegenüber Pilzen, gegenüber Feuchtigkeit, gegenüber Feuer. "

Bei den Betonplatten stört auch der Sand nicht. Denn der ist das größte Problem bei der Verarbeitung der Meerespflanze. Um ihn loszuwerden, hat Klaus Heselhaus eine Trommel von 15 Metern Durchmesser gebaut, in der das Seegras zunächst bei 150-350 Grad getrocknet wird, anschließend wird es geschleudert, damit die Sandkörnchen davonfliegen. Das Seegras wird fein gemahlen, dann zu Pellets gepresst und kann so weiterverarbeitet werden.

"Aus den Pellets werden dann Formteile gemacht, zum Beispiel. Eierbecher, das ist eine Raketenkappe für Sylvesterraketen.
Woran wir gerade forschen, ist dieses Material als Biofilter zu verwenden Der hohe Salzanteil ist ein idealer Binder für Schwermetalle zum Beispiel. "

Zukunftsmusik. Verkauft werden indes schon Dämmplatten und lose Schüttdämmung aus Seegras. Und das zu einem Preis, der deutlich unter dem anderer ökologischer Dämm-Materialien wie Flachs, Hanf oder Kokos liegt. Schließlich braucht Klaus Heselhaus keinen Acker, keine Sä- und Erntemaschinen. Doch genau da liegt auch die Crux der Seegras-Verarbeitung: Wer kann schon vorhersagen, wann, wo, wie viel von dem Rohstoff zu "ernten" ist.

"Ja, das ist unser größtes Problem in Anführungsstrichen. Theoretisch könnten wir allein an der mecklenburgischen Küste 350.000 Kubikmeter einsammeln. Aber wenn wir auf 2.000 Kubikmeter kommen sind wir für dies Jahr schon gut dabei. Wir wollen auch nicht alle Strände beräumen, denn Seegras hat bestimmte ökologische Funktion am Strand. Und es ist sicher nicht sinnvoll, Seegras an allen Stränden zu entfernen. "

Geputzte Strände sind also auch in Zukunft nicht zu erwarten. Doch eine sinnvolle Verwendung einer Pflanze, die dem Badegast meist nur lästig ist. Die Rückbesinnung auf alte Traditionen auf die Spitze, exakter gesagt die Federspitze, treiben die Wirtschaftsförderer des Amtes Klützer Winkel. Sie bieten ein Briefset an mit einem Federschreiber aus Möwenfeder und einem grün und rot gesprenkelten grobem Papier. Algenpapier, wie Nicole Kuprat erläutert:

"Das ist zum Beispiel welches, da sind ganz wenige Algen drin. Dann gibt halt auch welches, wo man mehr Algen rein macht, hier Fadenalgen. Also wie der Kunde das halt wünscht, so wird das gemacht. Und wir stellen auch Karten her, oder irgendwelche Briefpapiersets, oder Umschläge oder Bücher, alles was man daraus machen könnte. "

Der Urlaubskarte aus Algenpapier fehlt allerdings der typische Geruch von Sand, Salzwasser und Algen. Aber der phantasievollen Verwendung von Strandgut sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Der Urlauber kann hoffen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk