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StartseiteSport am Wochenende"Dann müsste man die Politiker überwachen"04.10.2009

"Dann müsste man die Politiker überwachen"

Von einer Welt-Anti-Korruptionsagentur wollen viele Funktionäre nichts wissen

Vor dem Hintergrund spektakulärer Fälle in den vergangenen Jahren wird immer häufiger eine Weltagentur zur Korruptionsbekämpfung analog der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA gefordert. Allerdings kommen diese Forderungen nicht von innerhalb, sondern außerhalb des Sportsystems.

Von Jens Weinreich

Braucht der Sport eine Welt-Anti-Korruptionsagentur?  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Braucht der Sport eine Welt-Anti-Korruptionsagentur? (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Kürzlich hat Transparency International ein Thesenpapier zur Korruption im Sport vorgelegt. Fast zeitgleich forderte die von Sportwettenanbietern betriebene Sicherheitsorganisation ESSA die Gründung einer Antikorruptions-Agentur im Sport. In Kopenhagen aber steht das Thema nicht auf der Tagesordnung. Joseph Blatter, Präsident des Fußball-Weltverbandes FIFA und in dieser Eigenschaft auf IOC-Mitglied:

"Der Sport soll sich selber kontrollieren können. Ob man jetzt noch eine Überwachungskommission über den Sport machen soll? Nein. Persönlich würde ich mich dann in mein Reduit ins Oberwallis zurückziehen. Denn wenn wir und unsere Gesellschaft den Sport speziell überwachen würden, dann müsste man ja auch das ganze gesellschaftliche Gebaren sowohl in der Industrie wie im Handel, dann müsste man die Politiker überwachen, dann müsste man alle Gesellschaftsschichten, die Medien, alle müsste man überwachen."

Er würde sich in sein Reduit zurückziehen, sagt Blatter. In seine Bergfestung. Vom größten Bestechungsskandal in der olympischen Geschichte war insbesondere die FIFA betroffen. Die einstige Marketingfirma ISL/ISMM hat – das ist gerichtsfest – mindestens 138 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld bezahlt, um an lukrative Verträge zu gelangen. Zu den Geschäftspartnern der ISL-Gruppe gehörten einst die FIFA, das IOC und zahlreiche andere Weltverbände.

Als Jens Sejer Andersen , Direktor der Organisation "Play the Game", am Sonntag in einem Panel wissen wollte, warum all diese Verbände nicht aktiv werden und klären, welche Funktionäre die 138 Millionen erhalten haben, gab es keine Antwort vom Diskussionsleiter Youssoupha Ndiaye aus dem Senegal.

Ndiaye ist nicht irgendwer – sondern Chef der IOC-Ethikkommission.

Mit der Arbeit dieser Kommission ist die IOC-Führung zufrieden. Präsident Jacques Rogge war vor acht Jahren angetreten und hatte Doping, Gewalt und Korruption den Kampf angesagt. Auch auf der Eröffnung der Session in Kopenhagen ging er ganz kurz auf das Thema ein, ohne Details zu nennen. Sein treuer Gefolgsmann Gerhard Heiberg sagt:

"Dieses Prinzip mit Zero Tolerance ist gut und diese Ethik Kommission macht eine gute Arbeit. Zurzeit bin ich der Meinung, wir haben eine gute Kontrolle und wir brauchen das jetzt nicht."

Heiberg ist Marketingchef des IOC und Mitglied des Exekutivkomitees. Gegen seine These sprechen einige Fakten, zum Beispiel: Jener Mann, der die 138 Millionen Schmiergeld der ISL-Gruppe verteilt hat und als einziger alle Empfänger kennt, ist nach wie vor gern gesehener Gast: Jean-Marie Weber hat auf dem Kongress eine Vollakkreditierung und berät einige IOC-Mitglieder geschäftlich, etwa Lamine Diack (Senegal), Issa Hayatou (Kamerun) oder Scheich Al-Sabah aus Kuwait. Frage an Gerhard Heiberg:

"Frage: "Der Mann hat vor Gericht auch zugegeben, dass er 138 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld bezahlt hat. Und trotzdem ist er nach wie vor Member of the Olympic Family."
#Antwort: "Dazu habe ich nichts zu sagen, denn das habe ich nicht gewusst, genau das, was sie jetzt sagen. Aber wenn das ein Problem ist, dann bin ich sicher, das wird aufgenommen und es wird gelöst.""

So läuft das immer im IOC: Man kennt sich. Man macht Geschäfte miteinander. Man verteidigt das Vorgehen auch in noch so ausweglosen Situationen.

Zurück zur Frage: Braucht der Sport eine Welt-Anti-Korruptionsagentur? Gianfranco Kasper, IOC-Mitglied und Präsident des Ski-Weltverbandes:

"Ich weiß nicht, ob man das kann. Das könnte eine United Nations machen oder eine Konferenz der Justizdirektoren oder so etwas. Das wäre vielleicht eine Möglichkeit. Aber eine Agentur, ich denke jetzt an WADA oder so etwas, auf dieser Ebene aufzubauen. Das wäre höchstens eine Meldestelle, wo man jemanden melden kann oder so etwas. Aber was ist nachher die rechtliche Handhabe?"

Vorerst wäre es ein Fortschritt, würden die Sportverbände nach ihren eigenen Regeln handeln.

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