Sonntag, 03. Juli 2022

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Das andere Ende der Befreiung

Heute ist Weltfrauentag. Und auch wenn der Kampf um Gleichberechtigung in Europa fortgeschrittener ist als anderswo, gibt es auch hier Missverhältnisse. Beispielsweise in Großbritannien, wo sich die vormals erkämpfte sexuelle Befreiung in ihr Gegenteil verkehrt.

Von Ruth Rach | 08.03.2010

Britische Frauenrechtlerinnen warnen zunehmend vor einem neuen Sexismus, der unter dem Deckmäntelchen der sexuellen Befreiung verkauft wird. Pornografie sei "Mainstream" geworden; Stangentanz werde als "life style"-Hobby für gestresste Geschäftsfrauen vermarktet. Kaufhäuser bieten Lolita-Mode für Kinder an. Junge Mädchen fänden es immer schwieriger, den in Magazinen und Videos vorgegaukelten Körperidealen zu entsprechen und sparten Taschengeld für Brust-OPs. Ein Bericht von der britischen Regierung in Auftrag gegeben und eben veröffentlicht, warnt vor einer Verbindung zwischen der Schwemme sexualisierter Bilder in der Öffentlichkeit und Gewalt gegen Frauen und verlangt eine strengere Regulierung der Bilder und Botschaften in Werbung, Videospielen und Popvideos.

Stöckelschuhe für Achtjährige, Kinder-BHs mit Playboy Logo, ein Baby-T-Shirt mit der Aufschrift: "Wenn ich groß bin, werde ich ein Nüttchen".

Das ist so, als wäre die sexuelle Befreiung nie passiert, empört sich die Psychologin Linda Papadopoulos. Sie hat soeben einen Bericht im Auftrag des britischen Innenministeriums erstellt. Britische Heranwachsende würden von sexistischen Bildern und Botschaften überschwemmt, in Mode, Werbung, Videospielen, Musik, so ihr Befund. Das habe verheerende Wirkungen, auf ihre Selbstwahrnehmung, ihr Körperbild, ihre Beziehungen.

Ich liebe Lady Gaga, sagt dieses zehnjährige Mädchen. Auf ihrem Handy hat sie einen Videoclip ihres Pop-Idols: halbnackt, in eindeutiger Pose.

Früher wären solche Bilder in den Bereich der Pornografie verwiesen worden, moniert die britische Psychotherapeutin und Feministin Susie Orbach, heute seien sie Mainstream und "zierten" die Titelseiten etablierter Zeitschriften.
Die neuen Vorbilder vermitteln jungen Frauen das Gefühl, sie müssten erst lernen, wie Stripperinnen zu tanzen, um bei ihrem Freund anzukommen. Wer nicht mitmacht, gilt als prüde.

Wieder einmal würden Frauen zum sexuellen Objekt degradiert, sagt Susie Orbach. Sie fühlten sich todunglücklich, weil sie sich im Vergleich zu ihren Idolen so hässlich vorkämen. Manche fingen an, zu hungern. Andere wurden bulimisch. Und immer mehr gingen schon als Heranwachsende zum Schönheitschirurgen, zwecks Nasenkorrektur und Brustvergrößerung.

Berufstraum Forscherin? Karrierefrau? Ärztin? Von wegen. 50 Prozent der britischen Teenager wollen - laut Umfragen - lieber Glamour Model werden. So wie der Busen-Star Jordan, alias Katie Price: sie stellt in ihrer eigenen TV-Reality-Show schlichtweg alles zur Schau:

"Künstlicher Busen, künstliche Nägel, künstliche Haare, künstliche Lippen - nur damit sie wie eine Barbie Puppe aussieht, Aber wenn du damit Millionen verdienen kannst, warum eigentlich nicht? Ich würde das auch tun."

Jessie, Anfang 20, Medienstudentin, betrachtet Glamour-Models wie Katie Price mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination:

"Wenn man sich die erfolgreichsten Frauen in den Medien anschaut: dann kommen sie entweder als 'WAG' zum schnellen Geld - WAGs, das sind Frauen und Freundinnen von Fußballern. Oder indem sie sich ausziehen."

Gegenstimmen sagen, Glamourmodels seien Zeichen eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins. Pornostars seien Ausdruck weiblicher Macht über den Mann. Und besonders freche Machos frotzeln, eigentlich hätten sie die Frauenbewegung erfunden - um leichter ans andere Geschlecht heranzukommen.

Nun üben Feministinnen Selbstkritik. Natasha Walter, Autorin des eben veröffentlichten Buchs "Der neue Sexismus", sagt, die Frauenrechtlerinnen der 60er-Jahre hätten sich auf ihren Lorbeeren ausgeruht und die schleichende Hypersexualisierung der Gesellschaft verschlafen:

"Wir haben mit offenen Augen zugeschaut, wie sich ein neuer Sexismus in unserer Gesellschaft eingeschlichen hat, unter dem Tarnmäntelchen der sexuellen Emanzipation."

Aber der Kampf ist noch nicht verloren.

Auf dem Internet formiert sich eine Gegenbewegung. Die Webseite mums.net zum Beispiel: sie agitiert massiv gegen Kaufhäuser, die Lolita-Mode vermarkten und Tangahöschen in Kindergrößen verkaufen.

Und eine Kampagne, von zwei britischen Mädchen gegründet, die nicht als Barbie Puppen abgestempelt werden wollen: Sie enthüllen kosmetische und digitale Tricks, mit deren Hilfe normale Teenager in unmöglich proportionierte Supermodels mutieren. Der Name der Webseite: "Pinkstinks" - Pink stinkt.