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StartseiteDie neue PlatteStreicher unter Hochspannung20.06.2021

Das Bartholdy Quintett spielt Mendelssohn BartholdyStreicher unter Hochspannung

Zwölf Jahre hat das Bartholdy Quintett seinen Namenspatron warten lassen. Jetzt hat es seine erste Aufnahme mit Streichquintetten von Felix Mendelssohn Bartholdy veröffentlicht - mit Ausrufezeichen!

Am Mikrofon: Mascha Drost

Zwei Musikerinnen und drei Musiker stehen mit ihren Streichinstrumenten vor einer verglasten Wand und lächeln in die Kamera. (Georg Neulen)
Die Mitglieder des Bartholdy Quintetts (v.l.): Ulf Schneider (Vl), Volker Jacobsen (Vla), Anke Dill (Vl), Barbara Westphal (Vla) und Gustav Rivinius (Vlc). (Georg Neulen)
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Musik: Streichquintett Nr. 1 A-Dur, op. 18 - Allegro con moto

Das Bartholdy Quintett hat seinen Namenspatron einige Zeit warten lassen: zwölf Jahre! Seit 2009 existiert das Streichquintett aus fünf herausragenden Musikinnern und Musikern schon, und jetzt erst haben sie eine CD mit den beiden Streichquintetten von Felix Mendelssohn Bartholdy aufgenommen. Aber das Warten hat sich gelohnt, so viel vorweg.

Musik: Streichquintett Nr. 1 A-Dur, op. 18 - Allegro con moto

Eine vertrauensvolle Beziehung ohne Trauschein - die führt das Bartholdy Quintett nach eigener Aussage, und tatsächlich geht es in dieser wilden Ehe wohl harmonischer zu als in manch anderem festem Ensemble: Die Geiger Ulf Schneider und Anke Dill, die Bratschisten Barbara Westphal und Volker Jacobsen und der Cellist Gustav Rivinius, sie alle sind mit allen Formationen gewaschene Kammermusikerinnen und -musiker. Und sie waren neugierig und mutig genug, sich auf ein wenig beackertes Feld zu wagen: Das Repertoire an Streichquintetten ist begrenzt und noch seltener sind feste Ensembles, die sich gründlich damit befassen.

Empfindsame Virtuosität

Meist holen sich Streichquartette eine zweite Bratsche an die Seite, aber mit fünftem Rad am Wagen läuft es auch bei der geöltesten Formation nicht selten holprig - erst recht bei so anspruchsvollen und empfindlichen Gebilden wie den Streichquintetten Mendelssohns. Die brauchen mehr Zuwendung als nur ein paar Proben nebenbei, schnell verunglücken die Sechzehntel im Scherzo des A-Dur Quintetts sonst in einem Auffahrunfall anstatt wie hier leichtfüßig umher zu flitzen.

Musik: Streichquintett Nr. 1 A-Dur, op. 18 - Scherzo: Allegro di molto

Der Sommernachtstraum blitzt schon um die Ecke, im gleichen Jahr wie dieser Geniestreich des 17-Jährigen wurde auch das Streichquintett op. 18 uraufgeführt, 1826, in einem der berühmten Sonntagskonzerte der Familie Mendelssohn. Damals allerdings noch ohne das berührende Intermezzo, das Mendelssohn erst nachträglich komponierte: ein Lamento auf den Tod eines engen Freundes und Mentors, den Geiger Eduard Rietz. Seelenvoll aber ohne Pathos hebt der Klagegesang an, warm im Ton, mit bezaubernden Portamenti in der ersten Geige und einem Gefühl stiller Wehmut.

Musik: Streichquintett Nr. 1 A-Dur, op. 18 - Intermezzo: Andante sostenuto

Auch wenn sich der Klang stellenweise abdunkelt – nie verliert sich der silbrige Schimmer, mit dem Mendelssohn so viele Streicherwerke überzogen hat. Und das Bartholdy Quintett kultiviert diesen Klang selbst in Passagen, in denen die Finger aller Spieler anfangen zu glühen, wie dem hochvirtuosen Finale des 1. Streichquintetts.

Musik: Streichquintett Nr. 1 A-Dur, op. 18 - Allegro vivace

Der junge Felix Mendelssohn Bartholdy hatte die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach zwar noch nicht entdeckt, aber die alten Formen natürlich intus. In fast jedem Satz finden sich Fugati oder andere polyphone Passagen, gern gespickt mit spritziger Virtuosität. Die hört man selten so souverän gemeistert wie beim Bartholdy Quintett.

Selbstverständlichkeit und Neugier

Von der jahrelangen, intensiven Beschäftigung mit diesen eher selten gespielten Werken zeugt die Selbstverständlichkeit, mit der die Musiker agieren. Und doch wirkt hier nichts routiniert. Das Ensemble hat sich, trotz aller Einigkeit, nicht gemütlich eingerichtet in seiner Quintettnische: Es knistert noch, man ist neugierig, aufeinander und auf die Musik. Und im Fall von Mendelssohns op. 18 heißt das, auch den vom Komponisten geschassten Mittelsatz aufzunehmen, zum ersten Mal überhaupt. Jenes Minuetto, das dem später hinzugefügten Intermezzo weichen musste.

Musik: Streichquintett Nr. 1 A-Dur, op. 18 - Minuetto

Fast 20 Jahre liegen zwischen dem ersten und dem zweiten Streichquintett. Aus dem Wunderknaben Felix war inzwischen der bewunderte Komponist und Gewandhauskapellmeister Mendelssohn Bartholdy geworden. Und zum großen Glück für alle Geiger dieser Welt fand er im Konzertmeister des Orchesters einen guten Freund: Für ihn, für Ferdinand David, schrieb Mendelssohn sein Violinkonzert und auch das Streichquintett op. 87. Ein Kammermusikwerk "in stilo moltissimo concertissimo" hatte der sich gewünscht und bekommen. Die erste Geige schwingt sich jubelnd auf, drängt vorwärts, angetrieben von den anderen Instrumenten. Selten aber wird der Solostimme derart eingeheizt wie in dieser neuen Aufnahme mit dem Bartholdy Quintett: Streicher unter Hochspannung.

Musik: Streichquintett Nr. 2 B-Dur op. 87 - Allegro vivace

So zauberhaft das erste Quintett in seinem jugendlichen Leichtigkeit auch sein mag - sein Nachfolger ist von einem anderen Kaliber: dichter, reifer in der Gestaltung der Themen und einigen Farbtönen und Abstufungen mehr in der Klangpalette.

Leuchtender, voluminöser Klang

Beim Bartholdy Quintett wechseln sich Geige und Bratsche in ihren jeweiligen Stimmen ab. Das sprechende Spiel, der lieblich schimmernde Ton von Ulf Schneider bringt op. 18 zum Leuchten, den robusteren Part von op. 87 übernimmt Anke Dill zupackend und feinnervig zugleich. Wer den volltönenden Glockenklang und die Virtuosität von Barbara Westphal und Volker Jacobsen gehört hat, wird sein Lebtag keine Bratscherwitze mehr erzählen, und Gustav Rivinius am Cello ist sonores Fundament und verschmilzt gleichzeitig mit den hohen Streichern.

Musik: Streichquintett Nr. 2 B-Dur op. 87 - Adagio e lento

Einer der berührendsten Momente im ganzen Stück - ein Lichtstrahl in diesem düster-schwermütigen Adagio. Das Bartholdy Quintett legt den Finger in schmerzliche Dissonanzen, ohne sich im Leid zu suhlen. Harmlos ist in diesem Satz nichts mehr, die Atmosphäre bedrückend, die beabsichtigte Schärfe mancher Einsätze verstörend.

Musik: Streichquintett Nr. 2 B-Dur op. 87 - Adagio e lento

Wer die Streichquintette Mendelssohns im Ohr hat, wird sich an der einen oder anderen Stelle dieser Neuaufnahme vielleicht wundern. Das Bartholdy Quintett wollte seine eigenen Hör- und Spielgewohnheiten hinterfragen und hat sich deshalb für eine neue Ausgabe entschieden, die sich an Mendelssohns ursprünglichen Autographen orientiert.

Einblicke in die Komponistenwerkstatt

Augenfällig wird das vor allem im Finale. Es geht zügiger zu gen Ende, vielleicht etwas zu zügig für Mendelssohns Geschmack, der das Finale noch überarbeiten wollte, aber nicht mehr dazu kam. Umso besser für uns, mit dieser Aufnahme können wir einen Blick in die Werkstatt des Komponisten werfen.

Musik: Streichquintett Nr. 2 B-Dur op. 87 - Allegro molto vivace

Fulminant gespielt: die beiden Streichquintette von Felix Mendelssohn Bartholdy in der neuen Aufnahme mit dem Bartholdy Quintett.

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847)
Streichquintette Nr.1 & 2
Bartholdy Quintet
Label: CAvi; Bestellnummer: 8553030

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