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Das beredte Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Literatur

Die Zeiten, als Dichter den politischen Diskurs bestimmten, sind unwiderruflich vorbei. Heute gibt es allenfalls Moralisten, aber keine Denker mehr, die von der ästhetischen Erziehung des Menschen sprechen. Der Traum ist allerdings geblieben, zumindest in der Erinnerung der Literaturhistorikar. So lesen wir denn im jüngsten Buch des amerikanischen Komparatisten Geoffrey Hartman - einem emphatischen Bekenntnis zur Dichtung als sprechendes Beispiel für die "politische Wirksamkeit von Ideen", die inmitten des "beschädigten Lebens" wieder an die Ideale einer ästhetischen Vermittlung der Aggression durch Zeugnisse der Liebe zwischen den Menschen, den Gemeinschaften, den Völkern anschließt. Allerdings gelingt auch Hartman dieses Wiederanknüpfen an die große Tradition ästhetischer Bildung und Erziehung nur um den Preis zweier Konzessionen: Auch er findet eine Bestätigung seines poetologischen Konzepts nur bei den romantischen Dichtern; und sein Begriff von Politik bezieht sich nicht direkt auf Gewaltenteilung und Machtverhältnisse, sondern auf die gesellschaftlichen Phänomene das Kulturellen.

Michael Wetzel |
    Der Begriff Kultur hat in den letzten Jahren einen gewissen Zaubercharakter angenommen, der sich insbesondere in der wissenschaftlichen Entwicklung der amerikanischen "Humanities" mit Nachdruck etablierte. Dort ist der Glaube an die normativen und kognitiven Leistungen des neuen Paradigmas weitaus größer als z.B.in Deutschland, wo die Umwidmung vieler literaturwissenschaftlicher Arbeitszusammenhänge in kulturwissenschaftliche eher wie eine Verlegenheitslösung im Legitimatlonsprozeß wirkt. In den USA als dem berühmten "Schmelztiegel" der unterschiedlichen Weltkulturen intendieren die "cultural studies" eine Integration literarischer Zeugnisse und gesellschaftlicher Praktiken vor allem unterrepräsentierter Gruppen. Mit der Abkehr von den allein auf sprachlichen Dokumenten bzw.auf Kunstwerken ruhenden Geisteswissenschaften soll zugleich der Unterschied zwischen Hochkulturen und so genannten primitiven Gesellschaften sowie Subkulturen wegfallen.

    Hartman erinnert in diesem Zusammenhang auch an die tragende Metaphorik des Textes, die die künstlerische auf eine Stufe mit anderen menschlichen Aktivitäten stellt. Damit ist nicht zuletzt die Tradition seiner eigenen Arbeit angesprochen. Als großer Reformator der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft in Yale wurde er neben Harold Bloom, Paul de Man und Hillis Miller zum Begründer der sogenannten Yale-Schule des Dekonstruktivismus. Die ging davon aus, daß man kulturelle Zeugnisse aller Art (bildende Kunst, Literatur, Philosophie, Architektur etc.) in ihrem Zusammenhang als textuelle Struktur, wortwörtlich also als gewebte Sinnzusammenhänge interpretieren kann.In diesem Sinne fand die Schrift gegenüber der gesprochenen Form der Sprache einen Vorzug, den Hartman auch in seinem Philomela-Projekt als eine dem Schwelgen ähnliche Form des Schreibens ausarbeitete.Im antiken Mythos griff nämlich die ihrer Zunge beraubte Philomela zu dem Hilfsmittel, ihre erlittenen Leiden in einen Teppich einzuweben und so anderen bekannt zu machen.

    Hartman spielt implizit auch in seinem neuen Buch auf diese Metaphorik der Schrift an, die als einzige Weise das Sprechens über Katastrophen zu einem beredten Schweigen wird. Die Grundthese ist nun, daß die Werke der Künstler einen entscheidenden Einfluß auf das Sebstverständnis einer Kultur ausgeübt haben. Vor allem die Dichter der englischen Romantik wie Blake, Coleridge, Keats und Wordworth bringen etwas zur Darstellung, das in der Kultur vordem nur als unrealisiertes bzw. halbartikuliertes Potential schlummerte. Unter Kultur kommt in diesem Sinne eine Ausdrucksweise zur Sprache, die Antwort gibt auf die Suche nach einer verlorenen Einhalt. Dieser konstruktive Aspekt des Kulturprozerses kann aber auch negativ umschlagen, wenn der leere Ort von den Ideologien einer national-partikularen Kultur besetzt wird. Dann wird Einheit erkauft um den Preis der Verachtung von Andersheit, ja selbst um den Preis der Vernichtung des anderen, wie es im Faschismus und seiner Errichtung einer kulturellen Identität des Deutschtums durch den rassistischen Genozid an den Juden geschehen ist.

    Dennoch zeugt der gleichsam Hunger nach Kultur vom Bedürfnis, eine Verkörperung der geistigen Wertvorstellungen zu besitzen. Hier setzt nun für Hartman die heilende Kraft der Dichtung ein, die als kritischer Kulturdiskurs eine Ausdrucksweise des Mitgefühls, der Sensibilität für Leid und Elend tradiert. Seit dem 18. Jahrhundert sieht Hartman bei den Dichtern auch ein verstärktes Bewußtsein für den asoziativen Charakter unseres Denkens wachsen, eine Öffnung des kulturellen Horizontes, den der Autor bis hin zum poetischen Prinzip einer kulturellen Vielheit verfolgt. Die Frage der Integration, die gerade unser heutiges politisches Verständnis von Kultur bestimmt - bis hin zum Schlagwort des Multikulturalismus - sollte sich dennoch immer des unaufhebbaren Gegensatz von Natur und Kultur als zweite Natur bewußt sein. Es geht Hartman eben nicht um die Wiederbetonung einer verloren gegangenen Bodenständigkeit, sondern um die Reflexion der Künstlichkeit von Kultur als solcher und in diesem Sinne um die Wechselseitigkeit und den Ausgleich z.B.zwischen ländlicher und urbaner Kultur oder dem "Wilden" und dem Zivilisierten. Grundsätzlich erinnert Hartman aber daran, daß zwischen Kultur und Zivilisation gerade im 20. Jahrhundert eine immer tiefere Differenz aufgebrochen ist. Die Kulturkritik hat sich sogar als Traum von der Befreiung von den Schäden der Zivilisation etabliert. Auch hier votiert Hartman für einen Ausgleich zwischen industriellem Fortschritt und ökologischer Rücksicht im Sinne seines bisweilen utopisch verträumten bis melancholischen Kulturpessimismus, der aber Bewunderung für seinen Mut verdient, den Glauben an die leise Stimme der Dichter nicht aufzugeben.