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StartseiteMarkt und MedienDas bessere Kino28.09.2013

Das bessere Kino

Nach der Emmy-Verleihung trumpft das Fernsehen groß auf

Eine hohe Risikobereitschaft, bessere Drehbücher, mehr Energie als bei Filmstudiobossen bejubelten Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren bei den Emmy-Verleihungen in Los Angeles. Manche prophezeiten gar die Implosion von Hollywood angesichts der hohen Qualität des Heimkinos.

Von Kerstin Zilm

Bryan Cranston als Walter White in einer Szene der Serie "Breaking Bad" (picture alliance / dpa / Frank Ockenfels/Amc)
Bryan Cranston als Walter White in einer Szene der Serie "Breaking Bad" (picture alliance / dpa / Frank Ockenfels/Amc)

Vor dem Erfolg der TV-Serie "Sopranos" galt der Schritt von der großen Leinwand zum Sofakino als peinlicher Karriereknick. Jetzt können Hollywoodstars nicht enthusiastisch genug vom Fernsehgeschäft schwärmen. So auch bei der Emmy-Verleihung. Im Fernsehen sei Platz für interessantere, provokantere und komplexere Geschichten und Charaktere als im Kino. Zum Beispiel? Der krebskranke Drogen brauende Chemielehrer in "Breaking Bad", die manisch-depressive CIA-Offizierin in "Homeland" und der zynische Nachrichtenveteran in "Newsroom" - dargestellt von Hollywood-Veteran Jeff Daniels:

"Drehbuchautoren gehen zum Fernsehen weil sie dort kreative Freiheit haben und Schauspieler folgen guten Drehbüchern. Wir haben zehn Episoden pro Saison - das ist ein Zehn-Stunden-Film!"

Steven Spielberg und George Lucas prophezeiten kurz vor den Emmys gar die Implosion der Filmindustrie, weil die Millionen in Actionfilme, Superhelden und Flops investiere und das Geschichtenerzählen vergesse. Für die zwei Regie-Giganten Hollywoods ist Fernsehen die Plattform der Zukunft für anspruchsvollere Werke. Spielbergs "Lincoln" entging nur knapp dem Schicksal des Liberace-Films mit Michael Douglas und Matt Damon seines Kollegen Steven Soderbergh. Der fand keine Heimat in einem großen Studio. Bezahl-Fernsehsender HBO übernahm und "Behind the Candelabra" bekam mehrere Emmys. Soderbergh arbeitet derzeit an einer TV-Serie:

"Das ist eine Form, die erlaubt, genauer und tiefer in eine Geschichte einzusteigen, vielschichtige Charaktere zu zeigen. In diesem Medium ist das kein Problem sondern ein Plus."

Misstrauisch beäugt wird noch der neuste Spieler auf dem Feld - weder Kino noch Fernsehen: Netflix, digitale Videothek für Abonnenten. Netflixs hausintern produziertes "Game of Cards" wurde die erste mit Emmys ausgezeichnete Online-Serie. Deren Star Kevin Spacey provozierte die gesamte Industrie mit seiner Forderung, bisher geltende Konzepte von Vertrieb und Form über Bord zu werden.

"Die Zuschauer wollen Kontrolle und Freiheit. Wenn sie sich alle Episoden auf einmal reinziehen wollen - warum nicht? Gebt ihnen alle auf einmal. Wir dürfen nicht die Fehler der Musikindustrie machen: Gebt den Leuten was sie wollen, wann sie wollen, in dem Format, das sie wollen. Dann sind sie auch bereit einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen."

Ist also Fernsehen - egal ob auf dem Bildschirm, Online oder als DVD -tatsächlich das bessere Kino? Nicht was Zuschauerzahlen angeht. Zwar hatte Emmy-Gewinner Breaking Bad sechs Millionen Zuschauer in der letzten Saison. Doch die meisten Kabel-Serien bleiben unter zwei Millionen. Selbst für den schwarz-weißen Stummfilm "The Artist" wurden mehr Tickets verkauft. Doch ist die Frage überhaupt die richtige? Hat nicht Kevin Spacey Recht und die Unterscheidung zwischen den Plattformen ist schon bald sowieso komplett irrelevant?

"Definieren wir Film als etwas, das höchstens zwei Stunden lang ist? Sicher gehört mehr dazu! Ist ein Film, den Du im Fernsehen siehst, kein Film mehr? Die Fernsehshow, die Du auf dem iPad schaust keine Fernsehshow? Für Kids, die heute aufwachsen sind Gerät, Länge und Bezeichnung schon jetzt sinnlos. Es geht nur um den Inhalt, um Geschichten!"

Die üblichen Sommer-Blockbuster-Hits lassen in der Hinsicht viel zu wünschen übrig. Doch es gibt auch in diesem Jahr provokante, interessante und vielschichtige Kinofilme, die schon bald um Oscar-Ehren buhlen werden, darunter "Fruitvale Station" über den in San Francisco vom Polizisten erschossenen Schwarzen Oscar Grant, Woody Allens "Blue Jasmin" und "Gravity" mit Sandra Bullock.

Hollywood wird nicht implodieren, wenn es sich anpasst an die Realität, in der Grenzen zwischen Kino, Fernsehen und Online-Vertrieb verschwimmen.

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