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StartseiteTag für TagAuf einen Hotdog mit Jesus06.03.2020

Das Coney Island Café in Hattiesburg / USAAuf einen Hotdog mit Jesus

In den Südstaaten der USA ist Religion Teil des Alltagslebens. Und so hängen in einem Main-Street-Diner in einer x-beliebigen Kleinstadt im US-Bundesstaat Mississippi auch schon Bilder, die vor allem ein Motiv zeigen: Jesus.

Von Peter Kaiser

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Blick auf das Coney Island Cafe in Hattiesburg, Mississippi (Deutschlandradio / Peter Kaiser)
Cafés sind im Bible Belt der USA wichtige Gemeinschaftsorte (Deutschlandradio / Peter Kaiser)
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Billy Fokakis: "Meine Schwester sah einmal Aquarelle eines Künstlers, der hier lebt, öfter herkommt, und sie ging zu ihm und fragte, ob man das Gesicht unseres Vaters nicht in jenes Bild hineinzeichnen könnte, auf dem Jesus im Himmel ist. Jetzt hängt das Bild hier, ist Teil des Cafés, und manche, die hier zum ersten Mal herkommen, wundern sich schon etwas."

Die 400 N. Main Street in Hattiesburg, im US-Bundesstaat Mississippi. Seit fast hundert Jahren – für Amerikaner eine kleine Ewigkeit – gibt es hier das "Coney Island Café". Jeden Morgen um 9:00 Uhr öffnet es. Wer frühstücken kommt, bestellt Hotdogs, Hamburger, und meist Billy's special curly fries, geringelte Pommes, die es nur hier so gibt. Und manchmal kommen die Leute auch nur, um einen Kaffee zu trinken, und still die Bilder an den Wänden anzusehen, sagt B. J. Fokakis, der breitschultrige, noch recht junge Inhaber.

"Mein Vater ist 2018 an fürchterlichem Krebs gestorben. Und eines der Bilder, die wir hier haben ist, ist jenes, dass mein Vater Jesus im Himmel zum ersten Mal sieht."

Bilderwand im Coney Island Café - Eines der Bilder zeigt den Vater des Besitzers Billy Fokakis, wie er Jesus umarmt (Deutschlandradio / Peter Kaiser)Die Bilder im Café sind auffällig religiös geprägt (Deutschlandradio / Peter Kaiser)

Die Aquarelle sind in blauen Tönen gehalten, oft ist Gold dabei, dazu Erdfarben. Vorrangiges Motiv ist ein gütig lächelnder Jesus.

"Die Leute fragen nach. Wer hat das gemalt? Ist es verkäuflich? Und ich sage dann, für mich und meine Schwester, für meine Familie ist es wichtig. Mein Vater war hier 35 Jahre lang - und wir sind hier jeden Tag. Und ein wenig ist es so: Er ist hier, durch das Bild."

Im Bible Belt gibt es mehr als nur Baptisten

Hattiesburg liegt im sogenannten "Bible Belt", dem Bibelgürtel im Südosten der USA, sagt Wolfgang Streitbörger, der drei Jahre hier lebte und nun deutscher Tourismus-Repräsentant des US-Bundesstaates Mississippi ist.

"Der Bibelgürtel hat den Ruf, besonders religiös zu sein, beziehungsweise dass das Leben in der Region sehr von der Religion geprägt ist. Normalerweise ist damit gemeint, dass die Baptisten dort das Sagen haben, das ist ja die große, dominante protestantische Glaubensrichtung dort, was in vielen Ecken bestimmt auch so ist. Aber es gibt natürlich viele, viele andere Kirchen, und es ist längst nicht mehr so heute, dass alles nur baptistisch wäre."

Eine Innenansicht des Coney Island Cafés in Hattiesburg (Deutschlandradio / Peter Kaiser)35 Jahre lang stand Billy Fokakis' Vater im Coney Island Café hinterm Tresen (Deutschlandradio / Peter Kaiser)

Billy Fokakis: "Das ist das älteste Geschäftsgebäude in Hattiesburg, das eine sehr religiöse Stadt ist. Die Katholiken hier sind sehr stark, was vielleicht auch daran liegt, dass während des Zweiten Weltkriegs hier viele Deutsche lebten. Die brachten natürlich ihre Religion auch mit."

Das Café als "Alltagskirche"

Nicht nur hier, bei B.J. Fokakis, auch anderswo im Bundestaat Mississippi haben Cafés eine andere Bedeutung als etwa in Deutschland. Blake Brennon, der Geschäftsführer in Dragos Bar in der Hauptstadt Jackson sagt:

"Die Leute kommen, um zu essen, sich zu unterhalten und Sport zu schauen - und ja: Es hat schon ein wenig etwas von einer Art Alltagskirche. Die Leute kommen, weil sie kommen wollen."

Ein Café als religiöser Ort – das beobachtet auch der Tourismusrepräsentant Wolfgang Streitbörger beim Coney Island Café in Hattiesburg.

"Natürlich ist das erstmal nur ein Café, ein Treffpunkt, so wie andere Cafés auch. Aber eben doch eines mit einer etwas längeren Geschichte. Und wenn man sich ein bisschen umguckt, dann sieht man eben diese Bilder an den Wänden hängen, und die sind etwas Besonderes. In den Südstaaten spielt Religion doch noch eine große Rolle im Leben der Menschen. Es ist so, dass man am Sonntag in die Kirche geht, oder, wenn man jüdisch ist, am Freitag in die Synagoge geht, das ist ein Teil des Alltagslebens."

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