Samstag, 28. Mai 2022

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Das Digitale Logbuch: Traum-Mann

16.08.2003

Von Monika Sandmann

Probier´s im Internet, riet mir eine Freundin und prahlte mit ihren vorzüglichen Ergebnissen. Im September soll geheiratet werden. Das klang doch gut. Flugs meldete ich mich bei dieser Partnersuch-Website an. Erste Herausforderung: sich durch einen langen Test klicken. Zur Belohnung: mein Profil gratis. Endlich wusste ich, wie und wer ich eigentlich war – dass mich Selbstzweifel quälen, dass ich ein unstetes Leben führe, dass ich mich oft selbst ausbremse.... Nein Das war doch nicht ich! Da musste ein Fehler vorliegen. Geschwind den Test reloaded: Neue Email-Adresse besorgt, eingelinkt und zurück auf Start. Nun ja, es brauchte ein paar Versuche, doch dann hatte ich das brillante System mit super pfiffigen, coolen Antworten locker aus dem Handgelenk pariert. Das Ergebnis, schwarz auf weiß, traf mitten in die Zehn: großzügig, spontan, kraftvoll. In Siebenmeilenstiefeln steuerte ich dem Höhepunkt entgegen: das Männer-Angebot. Matching-Punkte suggerierten größtmögliche Übereinstimmungen.

An Top-Position mit 76 Punkten brillierte ein Herr aus Paris, na ja: Jahrgang 30, knapp gefolgt von 71 Prozent des österreichischen Intel-Mitarbeiters, der in Amerika lebte. Platz drei mit 70 Punkten ein Japaner in Düsseldorf. Also nichts wie ran: Kontaktgesuch abschicken. Auch die höfliche Aufforderung, doch bitte erst die Gebühr zu zahlen, konnte meinen Enthusiasmus nicht stoppen. Man habe im Leben schon für dümmere Sachen 150 Euro ausgeben, ermutigte mich ein Freund. Wie recht er hatte. Das war schließlich eine Investition in die Zukunft. Ich lernte Gerhard, den Österreicher in Amerika kennen. Er verstand es, die wunderbarsten Emails zu verfassen. Hatte ich jemals nettere elektronische Post erhalten? Ich war über beide Ohren verliebt. Eines Tages enthielt Gerhards Email einen Anhang: Fotos. Ich war mächtig aufgeregt, das Konterfei meines Traummannes zu erblicken – und sah nur eins: diesen mächtigen, das ganze Foto dominierenden, überdimensionalen, nach oben gezwirbelten Schnauzbart. Hatte ich erwähnt, dass ich Schnäuzer hasse. Zwei Wochen brauchte es, dann war ich gestärkt genug, einen vorsichtigen zweiten Blick auf das Bild zu riskieren.

Trotz intensiver Stoßgebete, der Schnauzbart blieb ernüchternde Realität. Aber auf die inneren Werte komme es doch an, drängte eine Freundin, die Bärte überhaupt nicht ausstehen konnte. Sie hatte ja so was von recht. Nach der dritten Woche hatten mich Gerhards innere Werte total überzeugt – Ich antwortete und wartete und wartete auf seine Remail. Nun gut, ich sah ja ein, das hatte ich mir selbst zuzuschreiben. Er war sauer, weil ich so spät geantwortet hatte. Aber das würde ich schon wieder grade biegen. Dann - endlich - seine ersehnte Email. Sie begann mit einem lieblichen, "er wolle ehrlich sein." Ehrlichkeit. Das mag ich. "also ja, er habe da jemanden kennen gelernt und na ja, wie die Amerikaner zu sagen pflegen, "we hit it off great." Ist es nicht unglaublich, was sich diese schnauzbärtigen Schnösel einbilden? Ich jedenfalls falle nie wieder auf nette Emails und schon gar nicht auf Schnauzbärte herein.