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StartseiteBüchermarktDas Ende der Beziehungen18.10.1999

Das Ende der Beziehungen

Rowohlt Paperback (Reinbeck), 320 Seiten, DM 24,-

Er wisse eigentlich nicht genau, weshalb er diesem Interview zugestimmt habe, frotzelt er. Er mache das nicht mehr oft. Mein "erbärmliches Flehen" habe ihn irgendwie erweicht. Zu Besuch bei Will Self, dem enfant terrible der britischen Literaturszene. Im Erdgeschoß ein paar wuchtige Sessel und ein Tisch. Klare Farben, gerade Linien. Wir müssen hoch in den zweiten Stock. Hier ist sein Schreibzimmer, eng wie alle Räume in diesem hohen, aber schmalen Haus, wie sie für London so typisch sind. Ein Holztisch nimmt die ganze Fensterfront ein, darauf ein Computer, Faxgerät, Familienfotos und ein paar gelbe Notizzettel. Hunderte dieser Zettelchen kleben an den Wänden, akkurat aufgereiht in Horizontalen und Diagonalen. Was da hängt, sind die Skelette Selfscher Geschichten. Will Self:

Brigitte Neumann

"Sie hier sehen, ist mein Gedächtnis-System, ich nenne es auch mein Erinnerungs-Theater. Das Problem beim Schreiben von Romanen ist, daß man zuerst das Ende der Geschichte schreiben muß, und dann den Anfang. Deshalb muß im Kopf des Schreibers schon alles fertig erdacht sein - man muß sich also schrecklich viel merken. Ich finde es viel leichter, wenn ich mein Gedächtnis nach außen verlagere, auf solche Notizzettel eben. Auf die schreibe ich meine Ideen, die Gags, Metaphern, Chartaktere, Schauplätze - einfach alles, was ich für ein Buch brauche. Und mit diesen Bausteinen kann ich dann an den Wänden herumsspielen, sie in eine Struktur bringen. Das ist mein System, Bücher zu schreiben."

Auch Will Selfs Kurzgeschichten merkt man an, daß sie nicht mit flotter Hand gestrickt sind. Alles wirkt konstruiert. Die Ideen, die Personen, die Situationen. Seine Protagonisten setzt der 40jährige Autor in beängstigend verwandelte Welten, so wie auch Kafka es tat. Alle Gewißheiten lösen sich auf. In "Das Ende der Beziehung" beispielsweise, sorgt eine Art Rede-Pest für das Aus durch Trennung. In der Geschichte "Unter Eingebildeten" bestimmen acht perverse Halbgötter über die Schicksale der Menschen. In "Maß" gehen einem Mann, der in einem Miniatur-Modelldorf wohnt, die Maßstäbe verloren. Und in "Brust" nimmt Will Self seinen Figuren sprichwörtlich die Luft zum Atmen. Stattdessen gibt's toxische Nebeldämpfe, die selbst das Zeitung-holen zum gefährlichen Abenteuer machen. Die Menschen aber richten sich auch im Sterben normal ein, und mit der Luft vergeht ihnen jede Hoffnung:

"Der Nebel würde sich niemals lichten, er würde immmer dichter und dichter werden bis die Luft gerann. Er würde Babys so sicher den Mund stopfen, als erstickten sie unter den Marshmallowfalten eines Kissens. Das wußte Simon-Arthur. Das wußte er, als die Tränen den unvermeidlichen und unkontrollierbaren Hustenanfall hervorriefen."

In seiner Kurzgeschichtensammlung spielt Will Self mit allen Ängsten, die wir in unserer Welt heute haben können. Die Angst, manipuliert zu sein, Angst, allein zu sein, Angst vor Gewalt, Umweltverschmutzung und Langeweile. Mitleid mit seinen Figuren zeigt der Autor nicht. Wohl deshalb wird Will Self von seinen Kritikern als "Menschenfeind" bezeichnet. Nach dem Erscheinen von "Spass" wurde ihm vorgeworfen, er behandle seine Protagonisten mit "teuflischer Verachtung". Dazu der Autor:

Das ist tatsächlich meine eigene Formulierung: teuflische Verachtung. Mit solchen Phrasen spicke ich meine Arbeit, die Rezensenten nehmen sie auf und spielen sie zurück. Diese Leute benutzen meine eigenen Worte, um sie gegen mich zu verwenden. Das ist doch lustig. Tatsächlich versuche ich mit meinen Büchern so etwas wie kollektiven Selbst-Ekel zu artikulieren, den wir in westlichen Gesellschaften heute haben. Und diesen Selbstekel personifiziere ich einfach in meinen Figuren.

Will Self selbst wirkt beim Interview wie seine Geschichten: kalt, ntellektuell, konzentriert. Sein ironisches Lächeln hält auf Distanz. Aber als Zyniker möchte Self aber bitteschön nicht bezeichnet werden:

"Als Autor, der beim Leser Gefühle wie Selbstekel, Abscheu und Entfremdung produzieren will, muß ich mich fragen: Warum will ich das meinen Lesern antun, und warum will ich mir das selbst antun? Wir leben in einer sehr zynischen, abgestumpften Welt, aber wenn man es schafft, einen Zynismus zweiter Dimension zu entwickeln, kann man die Leute vielleicht provozieren. Mit meinem Metazynismus will ich sie zum Nachdenken bringen."

Selfs Leser sollen also das Fürchten lernen . Vor sich selbst und vor den Schattenseiten der Moderne, wo Individualität und Einsamkeit nah beieinander sind. In seinen Büchern läßt Will Self Lust an der Qual empfinden - an der Qual anderer und der, die beim Lesen seiner Bücher aufkommt. Geteiltes Leid, halbes Leid. Und besser kollektive Angst als gar kein Wir-Gefühl. So, meint Self, kann man es sehen: "Was uns allen wichtig sein sollte, ist so etwas wie Gemeinschaftsgefühl. Die meisten Menschen leben in sehr engen Grenzen, Arbeit und Sicherheit ist alles. Wir werden eine Gesellschaft von Worcoholics, und unsere Familien verkommen zu Emotions-Tankstellen. Wir leben beziehungslos und anonym vor uns hin, insbesondere in den Städten. Wir haben kein Kollektivbewußtsein mehr. Auch die Geburtsraten fallen ständig - die Leute investieren immer weniger in die Zukunft. Das sind die Dinge, die uns wirklich ängstigen sollten."

Und wovor Will Self, der selbst drei Kinder hat, am meisten Angst empfindet, liefert er gleich noch hinterher: vor Langeweile:

"Es ist unsere eigene Fähigkeit, uns zu langweilen, die mir Sorgen macht. Das, was Eltern immer zu ihren Kindern sagen: "Wenn du dich langweilst, dann ist das, weil du langweilig bist". So schlimm sich das anhört: Es stimmt. Denn die Welt ist nicht langweilig, nein, das ist sie nun wirklich nicht. Also, was ich wirklich fürchte, ist mein eigenes Vermögen, mich und andere zu langweilen. Langeweile - das ist Depression und Wut und Frustration - gepreßt in eine gesellschaftlich akzeptierte Form."

Eine Möglichkeit Langeweile vergessen zu machen, sind Drogen. Damit kennt Will Self sich aus. Schon mit zwölf Jahren nimmt der Sohn eines Politikwissenschaftlers und einer Verlagsangestellten regelmäßig Marihuana. Ein paar Jahre später ist er ganz unten, ein Hard Core Junkie: Koks, LSD, Heroin. Selfs akademische Karriere - er hatte in Oxford Philosophie studiert - scheitert an der Sucht. Auch Selfs Selbstentziehungsversuche scheitern, eine Kur bringt 1986 schließlich Erfolg. Seitdem hat der Ex-Punk seinen Drogenkonsum unter Kontrolle, sagt er. Läßt sich aber gerne von seinen Drogenerfahrungen inspirieren, wie zum Beispiel für seine Geschichte "Inkubus". Da stößt er einen Philosophen ins Alkohol-Dilirium:

"Bald darauf war er sturzbetrunken und umkreiste sein Bewußtsein in einer winzigen Raumkapsel eines anderen Bewußtseins, die mit Volldampf rückwärts flog. Er verfolgte mit ehrfürchtiger Scheu, wie die Sinnendämmerung von ihm fort und auf das schwebende Halbrund des Horizonts zuraste.. Dann überwältigte ihn der toxische Blackout. Peters synaptische Kardangelenke wurden aus den Aufhängungen gerissen, und sein sonst so exaktes Analysegyroskop zerschellte auf dem Dschungelboden seines Es."

Es gab Zeiten, da wurde in der britischen Öffentlichkeit mehr über Selfs Drogenexzesse geredet, als über seine Literatur. wie noch vor zwei Jahren: da wurde er in der Toilette im Flugzeug des Premierministers beim Koksen erwischt. Heute hat der exzentrische Schreiber die Skandälchen satt. Und Medienstar will er auch nicht mehr sein:

"Ganz egal, weshalb man berühmt ist, die Gefahr ist groß, eine traurige Berühmtheit zu werden. Bekannt zu sein bringt ganz eigene Probleme mit sich. Ich würde nicht abstreiten, daß ich zu manchen Schmähungen in der Presse selbst Anlaß gegeben habe. Aber als ich dann richtig prominent wurde, fand ich das doch sehr lästig. UNd ich habe erkannt: Man muß sich mit dem Medienrummel versöhnen und dabei seine eigene Integrität und Privatsphäre irgendwie bewahren."

Tatsächlich ist der einstige bad boy heute aus den Klatschkolumnen raus, läßt sich wenn, dann bevorzugt mit Schlips und Kragen ablichten, lebt unauffällig mit Frau und Kindern im vornehmen Londoner Reihenhaus. Seinem literarischen Ruhm - König eines dreckigen, magischen Realismus wird er genannt - hat das nicht geschadet. Bret Easton Ellis, seit seinem "American Psycho" der meißtgehaßte Autor der Gegenwart, hat nur wenige Bücher zuhause, aber Will Self ist dabei. Und in Groß Britannien werden gerade die neuesten Kurzgeschichten von Will Self gefeiert: Tough Tough toys for tough tough boys. Wie schon in "Das Ende der Beziehung" entwirft der 40jährige Bürgerschreck dunkel-komische Szenarien einer krankhaften Welt. In gewohnt geschliffen-ironischer Sprache. Ansonsten gibt sich Will Self, dessen Arbeit unter anderem mit dem "Geoffrey Faber Memorial Prize" ausgezeichnet wurde, als ein gebildeter Autor. Seine Bücher spickt er mit schlauen Fremdwörtern und Phrasen aus Philosophie, Psychologie und Medizin.. Zur Zeit schreibt er übrigens an einem neuen Roman. In "How the Dead Lives" soll der Erzähler aus der wohl makabersten aller möglichen Perspektiven auf die Welt sehen: aus dem Grab. Die gelben Zettel dafür hängen schon an der Wand.

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