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StartseiteKultur heute"Das finde ich wirklich obszön"08.03.2010

"Das finde ich wirklich obszön"

Zafer Senocak über die belasteten Beziehung der USA und der Türkei

Ein Fachausschuss des US-Repräsentantenhauses hat gestern mit knapper Mehrheit die Tötung Hunderttausender Armenier im Ersten Weltkrieg durch osmanische Türken als Völkermord bezeichnet. Die Türkei ist entsprechend agitiert.

Zafer Senocak, türkischer Schriftsteller (J&D Dagyeli Verlag)
Zafer Senocak, türkischer Schriftsteller (J&D Dagyeli Verlag)

Frage an den Berliner Schriftsteller Zafer Şenocak: Der Tatbestand des Völkermords an den Armeniern wird von kaum einem ernst zu nehmenden Historiker bezweifelt. Was aber steckt nun dahinter, dass dies gerade jetzt in den USA öffentlich deklamiert werden soll?

Zafer Şenocak: Also was im Moment passiert, ist eigentlich ein Trauerspiel, ein Trauerspiel, das über Jahre, Jahrzehnte schon geht. Ereignisse des Jahres 1915 bis 17 – ob man die jetzt als Völkermord bezeichnet oder nicht –, diese Frage ist zum zentralen Gegenstand geworden in einer Auseinandersetzung zwischen Ländern, zwischen Staaten, zwischen Gemeinschaften. Man sieht, was passiert, wenn Geschichte instrumentalisiert wird von allen Seiten. Dabei geht völlig verloren das Leid, Schmerz der Opfer und der Nachgeboren. Und das ist eigentlich etwas Obszönes, was hier passiert: Hier werden Strategien aufgestellt gegeneinander zwischen Ländern – in dem Fall auch zwischen USA und Türkei, der Nahostkonflikt spielt hier rein – und die eigentliche Geschichte, um die es geht, nämlich eine der ersten größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts benennen, und zwar auch von der türkischen Seite zu benennen, um sozusagen auch diesen Schmerz anzuerkennen, das auf der anderen Seite entstanden ist, das aber auch bei sich selbst entstanden ist – sowohl als Täter als auch als Opfer –, das geht völlig in den Hintergrund. So kann man über die Geschichte nicht sprechen und auch die Geschichte an die nächsten Generationen nicht weitergeben.

Schossig: Man hört, dass in den USA es in einigen Bundesstaaten große Minderheiten, armenische Minderheiten gibt, die ein wie auch immer geartetes Interesse daran haben, dass es öffentlich ausgesprochen wird. Wie kann es aber sein, dass man dennoch die Türkei immerhin als wichtigen Kunden der Rüstungsindustrie, der US-Rüstungsindustrie dermaßen vor den Kopf stößt?

Şenocak: Es ist etwas Seltsames passiert. Jahrzehntelang hat die Türkei ja vor allem die jüdischen Organisationen in dieses Spiel hineingebracht, um sozusagen eine Resolution zu verhindern. Und das war auch sehr erfolgreich. Nun sind die Beziehungen zwischen Türkei und Israel ja sehr getrübt seit mindestens zwei Jahren – eigentlich schon länger –, und die Folge ist, dass die Lobbyarbeit der armenischen Minderheit in den USA mehr Erfolg hat als früher. Und was ist das für eine Geschichtspolitik, dass Länder mit ihren Interessen, mit ihren Gegenwartsinteressen in die Geschichte hineingreifen, Oberhoheit erklären und das, was sozusagen passiert ist, trüben, dass man das gar nicht mehr sehen kann, sondern nur noch diese Interessen und Strategien sieht und über die spricht. Das finde ich wirklich obszön.

Schossig: Das heißt, dass mit Geschichte in einer Weise umgegangen wird, die eigentlich dem Inhalt, dem schweren Inhalt der Geschichte nicht angemessen ist. Das hieße ja aber umgedreht oder positiv formuliert: Wie könnte man das Problem ansprechen, Herr Şenocak?

Şenocak: Im Grunde genommen gab es ja einen richtigen Schritt, und zwar einen Schritt des direkten Gesprächs zwischen Türken und Armeniern, zwischen der Türkei und Armenien. Es ist zu sagen, dass die Arbeit der Lobbys und auch der Minderheiten im Ausland im Moment einen Bärendienst an diesen Gesprächen erweist. Es ist wichtig, dass die Türkei sich da bewegt, es ist ein langer Prozess, das ist ein Prozess, der im Inland selber stattfinden muss, auch unter den Intellektuellen stattfinden muss, unter den Historikern stattfinden muss. Da sind einige Schritte in der letzten Zeit passiert, einiges an Hoffnung ist entstanden. Das könnte durch einen solchen Beschluss, der ja überhaupt keine Folgen hat – das muss man ja auch sagen, in Frankreich ist das geschehen und in mehreren anderen Ländern, es bleibt letztlich folgenlos –, das würde sozusagen diese Gespräche torpedieren und die Türkei weiter verhärten. Ich finde diese Entwicklung nicht gut. Wichtig sind Gespräche, direkte Gespräche über das, was passiert ist. Dieser Austausch, Empathie, das ist die Richtung, in die man gehen muss.

Schossig: Nun hat der türkische Präsident Abdullah Gül gesagt, die Türkei sei nicht verantwortlich für diese, wie er es nennt, negativen Ergebnisse, und die Entscheidung des amerikanischen Ausschusses sei eine Ungerechtigkeit gegenüber der Geschichte. Man fragt sich ja, wie kann er sich da so sicher sein?

Şenocak: Ja, das ist natürlich die Folge der türkischen Geschichtspolitik, einer staatlich kontrollierten Geschichtsauffassung über die Dinge, die passiert sind, in denen das sein darf, was in den Büchern steht, und was die anderen sagen, einfach falsch ist. Das ist eine unhaltbare Position, von der die türkischen Politiker, aber auch die türkische Geschichtswissenschaft abrücken muss. Aber wie gesagt, das ist ein langer Prozess, das ist vor allem ein Prozess, der auch in der Gesellschaft angenommen werden muss. Die Türkei ist ja nicht das einzige Land, das solche Probleme hat. Leider haben ja gerade in Europa viele Länder viele, viele Leichen im Keller, was das 20. Jahrhundert angeht. Und wie wir über diese Dinge sprechen, das wird auch unsere Zukunft mitbestimmen.

Schossig: Ungerechtigkeit gegenüber der Geschichte oder historische Wahrheit – soweit der Schriftsteller Zafer Şenocak zur Auseinandersetzung zwischen USA und Türkei über den Genozid an den Armeniern.

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