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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDas Gehirn im transkulturellen Kontext11.09.2008

Das Gehirn im transkulturellen Kontext

Unser Denken und Handeln sind geprägt durch Erfahrungen, die wir in unserem kulturellen Umfeld erleben. Gibt es eine Abhängigkeit zwischen den Mechanismen unseres Gehirns und diesem kulturellen Kontext? Beeinflussen unterschiedliche Kulturen die Aktivität unseres Gehirns? Diesen Fragen sind deutsche und chinesische Wissenschaftler nachgegangen.

Von Barbara Weber

Das menschliche Gehirn ist eine immer noch nicht vollkommen verstandene Maschine. (AP)
Das menschliche Gehirn ist eine immer noch nicht vollkommen verstandene Maschine. (AP)

Zwei Musiker - ein Instrument, denn beide Male handelt es sich um ein Saiteninstrument, auch wenn aus unterschiedlichen Kulturen. Die Musik klingt anders und wird von Hörern aus dem jeweiligen Kulturkreis als harmonisch und angenehm empfunden.

Aber was passiert im Gehirn? Das wollten Georg Northoff, Professor an der Psychiatrischen Klinik der Universität Magdeburg und sein chinesischer Kollege Shihui Han wissen.

"Klar ist, dass bestimmte Regionen zum Beispiel beim Musikhören... sowohl bei Europäern als auch bei Asiaten aktiv werden, weil sie einfach sehr gut geeignet und getunt sind für Aktivierung beim Musikhören. Aber es kommt eben darauf an, welche Musik man hört, und dann werden sie bei der entsprechenden Musik aktiv, und das sind die kulturellen Unterschiede. "

Heute weiß man, dass das Gehirn plastisch ist. Das heißt, je nach Aktivität verändert es sich.

"Ich glaube, dass die Mechanismen, wie sich das Gehirn verändert, also die Prinzipien, nach denen sich das verändert, ähnliche sind. Zum Beispiel: Sowohl der asiatische Geiger als auch der europäische Geiger, bei denen werden wahrscheinlich ... die sensomotorischen Areale, die sensomotorische Hirnrinde besonders stark anwachsen, weil sie in beiden Fällen feinmotorische Fähigkeiten verbessern müssen, wenn sie gut Geige spielen wollen. "

Die Wissenschaftler stießen auf ein weiteres Phänomen:

"Was auffällig ist, dass bei den Asiaten das Selbst ein sehr sozial definiertes Selbst ist. Vielleicht kann man das am deutlichsten machen, wenn man das im Kontrast mit dem europäischen vergleicht. Wir sind hier in der europäischen Tradition gerade auch durch die Philosophie und gerade auch durch Descartes am Anfang der Neuzeit, haben wir ein Selbst, was isoliert ist von der Umwelt und von anderen, ... Und dieses Selbst ist sehr individualistisch und getrennt von der Umwelt und von den anderen Personen. "

Ganz anders stellt sich die Situation bei Asiaten dar, denn hier ist...

"... das asiatische Selbst eher ein sozialorientiertes Selbst, das heißt, das Selbst wird hier nicht so getrennt von der Umwelt und von anderen Personen betrachtet. Die Harmonie mit dem Universum spielt in der asiatischen Kultur eine ganz, ganz zentrale Rolle, das heißt, das Selbst muss sich in Harmonie mit den anderen Selbst und mit der Umwelt befinden, um sich als Selbst zu konstituieren. ... Ich denke, wenn man das auf den Punkt bringt: Selbstverwirklichung in China ist soziale Verwirklichung, Harmonie mit den anderen. Selbstverwirklichung in Europa ist Verwirklichung des Individuums in Unabhängigkeit von den anderen. "

Auch die Verbindungen in der Familie werden ganzheitlicher erfasst:

"Beim Selbst wurde eine Studie durchgeführt, wo man sowohl chinesischen als auch europäischen Probanden bestimmte Wörter gezeigt hat. Man hat Wörter gezeigt, die A mit der eigenen Person zusammenhing, dann hat man B Wörter gezeigt, die mit der eigenen Mutter zusammenhing und C Wörter, die mit fremden Personen zusammenhingen. Nun müssen Sie dazu wissen, dass die Mutter im chinesischen Kontext eine besondere Bedeutung hat, dass sie in besonders enger Beziehung zum eigenen Selbst gesehen wird und das Selbst auch in Beziehung zur Mutter definiert wird in China, das heißt, die Mutter wird als Teil des Selbst angesehen. "

Mit Hilfe bildgebender Verfahren konnte nun gezeigt werde, dass sowohl bei Asiaten als auch bei Europäern die gleichen Hirnregionen aktiv wurden, wenn ihnen Wörter, die das Selbst betrafen, präsentiert wurden.
Ganz anders reagierten Asiaten bei den Wörtern, die mit der eigenen Mutter assoziiert wurden.

"Was macht das Gehirn, wenn sie jetzt Wörter, die sich auf die Mutter beziehen, präsentieren? Das Gehirn aktiviert bei Mutter-assoziierten Wörtern genauso wie beim Selbst aber nur bei den chinesischen Probanden, weil sie diesen Wörtern die entsprechende Bedeutung beimessen, nicht aber bei den europäischen Probanden."

Das heißt, hier bestimmt der kulturelle Kontext das Ausmaß der Aktivierung der gleichen Hirnregionen.

Das gilt für alle Kulturen. Doch die Menschen reagieren unterschiedlich. Als nächstes will Prof.Northoff herausfinden, über welche Symptome psychische Erkrankungen sich zeigen.

Von Migrantensprechstunden wie der der Rheinischen Kliniken Langenfeld weiß man, dass ausländische Patienten manchmal völlig anders reagieren als deutsche:

"Im Moment kann er nicht arbeiten aufgrund seiner Erkrankung. Obwohl das Arbeitsamt ihm Druck macht, fühlt er sich nicht in der Lage, diese Arbeit zu bewältigen."

Mehmed K. leidet an Depressionen. Sie äußerten sich in Gewalttätigkeit. Bevor er in die Migrantenambulanz kam, war er bei deutschen Ärzten, die seine Erkrankung aber nicht erkennen konnten. Der Leiter der Ambulanz, Murat Ozankan hat in Istanbul Medizin studiert und ist jetzt seit zwölf Jahren in Deutschland. Er weiß, wie türkische Migranten auf Ärzte reagieren:

"Die haben eine bestimmte Haltung zum Arzt. Der soll nicht soviel fragen, der soll schon Bescheid wissen; also das ist die Erwartung. "

Aber als Psychiater muss er natürlich viel mit dem Patienten sprechen und ihm Fragen stellen. Er hat nach vielen Gesprächen die Erfahrung gemacht, dass die Krankheitsbilder sich oft anders äußern als bei deutschen Patienten:

"Die Äußerungsformen von einzelnen Menschen sind anders. Wir haben hier sehr viele körperbetonte Beschwerden. Wenn hier meistens Patientinnen hereinkommen, dann brauchen wir sehr lange Zeit, es gibt einen sehr langen Bericht darüber, welche körperlichen Symptome seit wann bestehen, also so fixiert auf körperliche Symptome. Und bis man auf die psychischen Belastungen kommt, muss man auch so ein bisschen Kultursensibilität und Hintergrundwissen haben. "

Das hat bestätigt auch Prof. Northoff: Während seines USA-Aufenthaltes konnte er beobachten, dass persische Migranten häufig an Kniebeschwerden litten. Wo bei westlichen Medizinern wahrscheinlich eher ein orthopädisches Problem vermutet würde, wusste ein persischer Kollege Rat. Der meinte nämlich...

"Ja das ist ganz normal, bei vielen jungen Migranten, die nach Amerika kommen, ... die haben häufig dann Schwierigkeiten, in dem neuen Land anzukommen, ....die wollen erst mal nicht auf den eigenen Beinen in dem neuen Land stehen, ... also entwickeln sie entsprechende Kniebeschwerden ... Was verschreibt er? Er verschreibt ein Antidepressivum, und nach drei Wochen geht es den Patienten wieder wunderbar."

Eine Erkenntnis hat der Neuropsychiater Prof.Georg Northoff inzwischen aus seinen Studien gewonnen:

"Ich glaube, man kann das Gehirn nicht isoliert als Gehirn verstehen. Man muss das Gehirn im Kontext verstehen. Das Gehirn ist kein, ich sag' mal im klassischen Sinne, kein rein biologisches Organ, sondern das Gehirn ist schon immer biopsychosozial. Ich glaube, das Gehirn, wenn es lachen könnte, dann würde sich das ins Fäustchen lachen, was wir uns alles überlegen, ist es nun genetisch, ist es angeboren, ist es kulturell, ist es psychosozial, ist es biologisch. Ich glaub' für das Gehirn selber, spielt das überhaupt keine Rolle, sondern aus der Sicht des Gehirns, wenn es die denn gäbe, dann würd' das Gehirn einfach nur sagen, es will einfach nur im Kontext, also in der jeweiligen Umwelt funktionieren und handeln und ultimativ, in evolutionärer Sprache, überleben. Und mehr oder weniger ist auch nicht zu finden."

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