Mittwoch, 12.12.2018
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteUmwelt und VerbraucherDas Geschäft mit den Wurstpellen01.03.2007

Das Geschäft mit den Wurstpellen

Naturdarm kommt selten aus Deutschland

Jeden Tag werden mehr als 10 Millionen Würstchen verzehrt und die brauchen eine Umhüllung. Gerade der Naturdarm gilt bei Würsten als Qualitätsmerkmal. Die "Wiener" würden ohne ihn beim Zubeißen nicht richtig knacken. Allerdings, wer meint, Wurst aus Deutschland hat auch eine Pelle aus Deutschland, der irrt in den meisten Fällen. Der Naturdarm hat überwiegend einen langen Weg hinter sich, bevor er hierzulande gefüllt wird.

Von Walter Kittel

Weißwurst (AP)
Weißwurst (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Syrien, Ägypten, Iran, Afghanistan, China, die Liste der Länder, aus denen Wurstpellen nach Deutschland importiert werden, ist lang. Und die Vorstellung, ein deutsches Würstchen bestünde auch zu 100 Prozent aus hierzulande hergestellten Zutaten, ist äußerst wirklichkeitsfremd. Fragt man auf einem großen Schlachthof wie dem Münchner danach, was mit den Tierdärmen passiert, aus denen knackige Wurstpellen hergestellt werden könnten, ist die Antwort knapp, aber eindeutig:

"Wird weggeschmissen, können Sie einfach nicht bezahlen."

...so Renate Schönhofer, die in München einen Darmgroßhandel betreibt. Ihre Handelspartner im Iran oder Afghanistan beschäftigen Mitarbeiter zu einem Bruchteil des deutschen Lohniveaus.

"Ein Sortierer, so nennt man diesen Beruf, der verdient im Iran 300 Euro im Monat. Und wenn sie das gleiche auf dem deutschen Markt bekommen würden, ich habe vor Jahren mal einen gehabt, der sagte er möchte, das waren noch Mark Zeiten, er möchte 4.500 DM verdienen. "

Für jeden Metzger, der Wurstpellen noch selber herstellt, wäre es letztlich also ein Verlustgeschäft. Hinzu kommt, dass es in Deutschland überhaupt nicht genug Schafe gibt für den großen Bedarf. Denn für viele beliebte Wurstsorten, besonders die Wiener- und Frankfurter Brühwürstchen, wird ausschließlich Schafsdarm als Pelle verwendet. Bei Rinderdärmen, die etwa Blut und Leberwürste in Form halten, muss ohnehin auf Importware aus Ländern zurückgegriffen werden, die als BSE-frei gelten, sagt dieser Metzger vom Münchner Viktualienmarkt.

"Der Darm zum Beispiel von der Stockwurst, der kommt aus Argentinien/ Brasilien. Weil wir dürfen halt den innerdeutschen Darm nicht mehr hernehmen. Oder die Saidlinge von den Weißwürsten, die kommen hauptsächlich aus China, weil die dementsprechend auch das Angebot haben. Das können wir gar nicht bieten. Von der Menge her, was in Deutschland an Weißwürsten gemacht wird oder an Därmen gebraucht wird. "

Die Kunden in den Metzgerläden reagieren irritiert. Viele glauben, ihre Würstchen seien rein deutsche Produkte - samt der Pelle.

"Deshalb kaufe ich ja nicht im Supermarkt, sondern beim Metzger meines Vertrauens. Wo ich davon ausgehe, dass es daher kommt, wo auch das Schwein herkommt.

Ich hoffe nicht, dass es stimmt, weil das wäre natürlich ein Schock, wenn so etwas passiert.

Man hört jeden Tag was Neues in dieser Richtung. Man stumpft ab und nimmt das halt hin. "

Doch eine Gefahr für die Gesundheit zu sehen, ist wohl übertrieben. Denn bei den vom Zoll entnommenen Proben konnten bislang kaum Beanstandungen festgestellt werden, sagt die Veterinärmedizinerin Ute Messelhäuser vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.

"Also das ist sehr, sehr selten. Die meisten Därme, die wir hier bekommen, das ist vom Flughafen München, die sind einwandfrei. Ohne Beanstandung. "

Lediglich an der Hygiene mangelt es manchmal, dann wurde bei den ägyptischen oder afghanischen Darmhändlern nicht ganz sauber gearbeitet.

"Der Darm ist ja das Organ, wo dann auch Kotverschmutzt ist, wenn das dann beim Schlachten entnommen wird. Das heißt, die sind nicht sauber gereinigt worden. "

Doch die Überschreitungen der Warnwerte bewegen sich in einem Bereich, der wohl nicht mal eine Magenverstimmung auslösen könnte, so die Medizinerin. Deutschland gilt als weltweit größter Umschlagplatz für Därme. Aus welchem Land die Pelle einer Wurst kommt, darüber wissen selbst die Metzger nicht immer Bescheid, sagt die Darmgroßhändlerin Renate Schönhofer.

"Sie wissen jetzt nicht das Herkunftsland in der Regel, aber sie sagen, ich möchte einen zarten Biss zum Beispiel bei der Wiener. Welcher Darm aus welchem Ursprungsland genommen wird, das entscheiden dann wir. Weil der Kunde letztendlich sagt, bei mir muss die Produktion laufen, alles andere ist mir egal. "

Es liegt nicht nur an der Höhe des Lohns für die Pellensortierer, warum hiesige Wurstproduzenten gerne auf Schafsdärme aus dem Iran oder Ägypten zurückgreifen.

"Je karger, je schlechter das Futter, sagen wir mal, desto stabiler ist der Darm. "

Und das ist bei Därmen aus Afghanistan, Iran oder Ägypten der Fall, da sich die Viehzüchter dort keine Futtermittel leisten können, so dass die Tiere auf kargen Weiden grasen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk