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Das Geschäft mit der Sucht

Trotz ihrer Folgen sind Alkohol und Tabak gesellschaftlich gebilligt. Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation stellen sie aber genauso eine Droge dar, wie Cannabis, Heroin oder Opium. Alkohol und Tabak sind aber auch ein riesiger Wirtschaftszweig, in dem Milliarden umgesetzt und verdient werden.

Von Andreas Elter | 08.05.2005

    Die Grenzen zwischen Vergnügen und Sucht sind fließend. Ein Glas Wein oder Bier führt nicht gleich zu einem Rausch, ein ausgemachter Rausch nicht gleich zur Abhängigkeit. Aber viele Menschen in Deutschland haben ein Problem mit legalen Süchten, zum Beispiel mit dem Alkohol:

    "Neun Millionen Menschen konsumieren Alkohol an einer kritischen Grenze. 2,5 Millionen haben diese Grenze bereits überschritten—ihr Alkoholkonsum wird aller Voraussicht nach zu einer schweren gesundheitlichen Schädigung führen. Und 1,5 Millionen sind alkoholkrank, also süchtig"

    schätzt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die Alkoholkranken haben sich in hunderten lokalen Selbsthilfe-Gruppen organisiert. Nicht jeder, der ein Alkoholproblem hat oder krank ist, möchte dies in die Öffentlichkeit tragen: Deshalb gibt es die Anonymen Alkoholiker.

    An diesem Wochenende ging ihr erster bundesweiter Kongress in Saarbrücken zu Ende. Die Anonymen Alkoholiker verstehen sich ganz bewusst als Hilfesteller für Betroffene und deren Familien. Zu politischen und wirtschaftlichen Themen rund um den Alkohol möchten sie sich als Verband! nicht äußern, da bei ihnen die Einzelbetreuung im Vordergrund steht und nicht die Lobbyarbeit als politischer Akteur.

    Trotz ihrer Folgen sind Alkohol und Tabak gesellschaftlich gebilligt. Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation stellen sie aber genauso eine Droge dar, wie Cannabis, Heroin oder Opium. Die WHO hat vier Kriterien für Drogen aufgestellt:

    "Erstens: Es besteht ein unbezwingbares Verlangen das Suchtmittel zu beschaffen und einzunehmen. Zweitens: Es werden immer höhere Dosierungen benötigt Drittens: Es kommt zu seelischer und körperlicher Abhängigkeit. Und viertens: Es entsteht Schaden für andere und die Gesellschaft."

    Legale Genussmittel mit Suchtpotential sind aus Sicht der Gesundheitspolitiker also mindestens genauso so gefährlich wie manche illegale Droge.

    Das gilt auch und vor allem für den Tabakkonsum. Nach einer aktuellen Untersuchung der Deutschen Angestellten Krankenkasse zeigt ein Viertel aller jugendlichen Raucher im Alter von 12 bis 13 Jahren bereits nach vier Wochen gelegentlichen Rauchens Entzugserscheinungen wie Nervosität, Unruhe und Gereiztheit. Beim Rauchen gibt es keinen gesicherten unteren Schwellenwert zur Abhängigkeit. Das heißt: Schon eine Zigarette kann theoretisch süchtig machen. Der Kölner Gesundheitsökonom Professor Karl Lauterbach sieht darin den entscheidenden Unterschied zum Alkohol:

    "Es gibt keine guten medizinischen Gründe dafür, Alkoholkonsum ganz zu bekämpfen, also das gar nicht getrunken würde. Dafür gibt es medizinisch keine ausreichenden Gründe. Beim Tabak ist das ganz anders: Es wäre eigentlich optimal, wenn gar nicht geraucht würde. Daher sollte man versuchen, zumindest der jüngeren Generation bei Kindern, an das Nichtrauchen der nächsten Generation so nahe wie möglich heranzukommen. Also, so wenig Kinder und Jugendliche sollten rauchen wie möglich."

    Aber natürlich ist das Inhalieren von Tabakrauch auch bei Erwachsenen für eine Vielzahl von Krankheiten verantwortlich. So zum Beispiel für Demenz, chronische Atemwegsbeschwerden, aber auch für Herz- und Kreislauf-Versagen sowie für Krebserkrankungen an Blase, Nieren oder Kehlkopf – und noch häufiger für Lungenkrebs. In Deutschland rauchen rund 20 Millionen Menschen zwischen 18 und 59 Jahren. Viele bezahlen ihre Sucht mit dem Leben:

    "An den Folgen von regelmäßigem Tabak oder Zigarettenkonsum sterben jährlich direkt oder indirekt in Deutschland 110-140.000 Menschen. Dies entspricht in etwa der Bevölkerungszahl einer mittleren Großstadt wie Bottrop, Pforzheim oder Wolfsburg.."

    Das hat die Deutsche Krebshilfe errechnet.

    Alkohol und Tabak sind aber auch ein riesiger Wirtschaftszweig, in dem Milliarden umgesetzt und verdient werden.

    Beispiel Alkohol

    Der Deutschen liebstes alkoholisches Getränk ist – trotz sinkender Verkaufszahlen – nach wie vor das Bier. 2003 setzten die deutschen Brauer gut neun Milliarden Euro um. Mehr als 34.000 Menschen arbeiten in 1200 Braustätten, zum Teil mit angeschlossener Gastronomie. Bier sorgt aber auch in anderen Branchen für Lohn und Brot. Darauf verweist Jürgen Witt vom rheinisch-westfälischen Brauerverband:

    "Die Brauwirtschaft steht ja nicht isoliert da; die Brauwirtschaft braucht Zulieferer für ihr Produkt. Zum einen ist das eben Hopfen, Malz, was für das Produkt selbst gebraucht wird, um brauen zu können. Dann muss es distribuiert werden. Dazu gehört der Getränkefachgroßhandel, der Lebensmitteleinzelhandel und natürlich die Gastronomie. Dann hängen weitere Industriezweige daran, wie zum Beispiel die Kästenhersteller, die Fasshersteller, die Etikettierhersteller, die Kettenhersteller (...), die Gläserindustrie, die Krüge, die hergestellt werden. Und so stellt man fest, dass doch die Brauwirtschaft eine Menge anderer Industriezweige und Handwerkszweige mit beschäftigt."

    Natürlich trinkt nicht jeder gerne Pils, Kölsch oder Alt. In den letzten Jahren bevorzugen viele Verbraucher auch wieder vermehrt Wein und greifen lieber zu einem Glas Riesling oder Trollinger. Das freut die deutschen Winzer. Allein im Weinwirtschaftsjahr 2003 haben sie mehr als drei Millionen Hektoliter Traubensaft und Sekt abgesetzt – Weindestillate noch nicht mitgerechnet. Der Umsatz der deutschen Winzergenossenschaften lag bei 750 Millionen Euro – Tendenz steigend. Die deutsche Spirituosenindustrie schlug im selben Jahr mit einem Umsatz von 3,12 Mrd. Euro ins Kontor.

    Beispiel Zigaretten

    "Die deutsche Zigarettenindustrie hat 2004 111,7 Milliarden Zigaretten hergestellt. Das war insgesamt ein Umsatz von 20 Milliarden Euro. Wir haben im letzten Jahr 9.300 Beschäftigte in der deutschen Zigarettenindustrie gehabt. Wichtig ist gleich hinzuzusagen, im deutschen Tabakwarenhandel – Einzelhandel wie Großhandel – kommen noch einmal um die 85.000 Beschäftigte hinzu.

    berichtet Wolfgang Hainer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der deutschen Zigarettenindustrie, VDC. Im Vergleich zur Brauereiwirtschaft ist die Zigarettenherstellung stärker mechanisiert. Das erklärt die – relativ gesehen – geringere Anzahl der in der Produktion arbeitenden Menschen. Am blauen Dunst hängen wirtschaftlich betrachtet zusätzlich die Etiketten- und Maschinenhersteller. Und selbstverständlich verdient auch der Lebensmittel-Groß und Einzel-Handel kräftig mit. Gesicherte Zahlen darüber, wie hoch der Anteil von Zigaretten und Alkohol am Gesamtumsatz ist, gibt es zwar nicht. Aber Experten verweisen darauf, dass das Sortiment alkoholischer Getränke in Supermarkt-Regalen ständig wächst. Und an fast jeder Kasse gibt es eine große Auswahl unterschiedlicher Zigarettenmarken. Auch Tankstellen- und Kioskbetreiber hätten wohl kaum eine reelle ökonomische Überlebenschance im Konkurrenzkampf, würden sie keine Zigaretten oder Bier mehr verkaufen. Weiterer Nutznießer der legalen Süchte ist die Gastronomie. Die Wirte und Hotelbesitzer sehen sich deswegen aber keineswegs als Dealer: Torsten Hellwig vom Hotel- und Gaststättenverband NRW:

    "Wir glauben, der Konsum in Maßen – und nicht in Massen – hat noch keinem geschadet. Das bezieht sich auf Alkohol, da möchten auch zwei, drei Zigaretten am Tag nicht schädlich sein. Und wir glauben, dass man bei der ganzen Diskussion immer im Hinterkopf behalten sollte, dass Kneipenbesuche, Restaurantbesuche viel mit Kommunikation, mit sozialem Leben zu tun haben, mit Austausch zu tun haben. Und wenn der fehlt, weil so viele Verbote erlassen werden, dass keiner mehr Lust hat, in die Gaststätte zu gehen, dann werden wir vielleicht gesundheitliche Probleme auf anderem Wege erfahren. "

    Ein Problem hätte wohl vor allem der Finanzminister, wenn mit einem Schlag nicht mehr geraucht und getrunken würde. Denn ein Großteil des Staatshaushaltes wird derzeit aus Verbrauchs-Steuern auf Genussmittel finanziert. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind dies im Einzelnen:

    Tabaksteuer 14,1 Milliarden Euro
    Branntweinsteuer 2,2 Milliarden Euro
    Biersteuer 785, 9 Millionen Euro
    Schaumweinsteuer 432,3 Millionen Euro

    Hinzu kommen die Einnahmen aus den Einkommens- und Körperschaftssteuern der Alkoholindustrie und der Zigarettenproduzenten, sowie die Lohnsteuer ihrer Angestellten.
    Wäre der Staat also pleite, gäbe es keine Trinker und Raucher? Professor Karl Lauterbach vom Institut für Gesundheitsökonomie an der Universität Köln glaubt das nicht. Er ist sogar vom Gegenteil überzeugt, zumindest was die Tabaksteuern angeht:

    "Der Staat macht mit Tabakkonsum immer einen Verlust. Es kommt zwar zu erheblichen Tabaksteuer-Einnahmen – etwa 14 Milliarden Euro pro Jahr – aber das wird alleine schon verbraucht durch die Krankheitskosten, die durch den Tabak verursacht werden. Herzkrankheiten, Schlaganfälle, Krebserkrankungen, Verlust der Nierenfunktion: All diese Erkrankungen hängen mit dem Tabakkonsum zusammen oder werden verschlimmert durch Tabakkonsum, so dass das Geld, was an den Finanzminister geht, schon verbraucht wird, durch die erhöhten Krankheitskosten. Dazu kommt natürlich der Produktivitätsverlust. Derjenige, der an einer tabakbedingten Krankheit leidet, kann nicht arbeiten. Dann kommt es zu Einnahmeverlusten bei der Lohnsteuer, es kommt zu Einnahmeverlusten für die sozialen Sicherungssysteme (...). In der Summe ist es wahrscheinlich so, dass die volkswirtschaftlichen Schäden durch den Tabakkonsum deutlich mehr als doppelt so hoch sind wie die Tabaksteuer, die erhoben wird."

    Auch beim Alkohol sieht er ein ähnliches Problem, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt:

    " Auch beim Alkoholmissbrauch entstehen Kosten in Milliardenhöhe. Das lässt sich aber sehr viel schwerer berechnen als beim Tabak. Beim Tabak ist es sicher so, 15 bis 20 Milliarden Euro Gesundheitskosten. Beim Alkohol durch den reinen Missbrauch würde ich persönlich davon ausgehen – auf der Grundlage unserer Berechnungen –, dass die Kosten unter fünf Milliarden liegen. Aber sie sind auch hoch. Sie sind nicht zu vernachlässigen und daher ist die Bekämpfung auch des Alkoholmissbrauchs sehr wichtig. Genauso wichtig ist es übrigens, dass wir Alkoholmissbrauch bei Kindern bekämpfen. Die Industrie setzt hier auf trickreiche Vermarktungsstrategien Alkoholsucht und Missbrauch ist besonders dann wahrscheinlich, wenn Kinder bereits anfangen Alkohol zu trinken."

    Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verweist ebenfalls auf die hohen Kosten, die der Allgemeinheit entstehen: Zum Beispiel durch Entziehungskuren oder durch die psycho-soziale Behandlung von Alkoholikern:

    "Aus dieser Situation ergeben sich Folgekosten, die durch Behandlung – also Entgiftung und Entwöhnung –, aber auch die anschließend notwendige Rehabilitation entstehen. Aber gerade beim Alkohol spielen andere Kosten, die dazu kommen, ebenfalls eine wichtige Rolle. Dazu gehören zum Beispiel Unfälle, die unter Alkoholeinfluss geschehen, aber auch Arbeitszeitausfall, Arbeitsunfähigkeit oder Frühverrentungskosten, um nur mal einige Beispiele zu nennen. Und wenn man das insgesamt betrachtet, dann haben wir in Deutschland durchschnittlich volkswirtschaftliche Kosten von rund 20 Milliarden Euro."

    rechnet Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, vor. Beim Tabakkonsum sehe es auf der Kostenseite nicht besser aus:

    "110 bis 140.000 Todesfälle werden angenommen und wenn man die krankheitsbedingten Ausfälle, die Behandlungskosten, auch die entsprechenden sozialen Kosten, die damit verbunden sind, berücksichtigt, dann kommt man auf eine volkswirtschaftliche Belastung von rund 17 Milliarden Euro in Deutschland durch das Rauchen pro Jahr."

    Rauchen und Trinken sind also aus Sicht der Krankenkassen ein Zuschussgeschäft. Aus Sicht der Rentenkassen kann das schon wieder anders aussehen; nämlich gesetzt den Fall ein Raucher oder Trinker stirbt schnell – so zynisch dies auch klingen mag. Wenn er indes lange leidet und erhebliche Kosten für seine Behandlung anfallen, geht die Rechnung schon nicht mehr auf. Grundsätzlich ist es also sehr schwer die volkswirtschaftlichen Kosten und Nutzen der Süchte gegeneinander aufzurechnen. Margot Wehmhöhner vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen erklärt, warum:

    "Das Problem liegt darin, dass die Bereiche, in denen die Kosten anfallen, aber auch die Bereiche, in denen der Nutzen, zum Beispiel durch Tabaksteuer, zu finden sind, dass die sehr weit auseinander sind und alle unterschiedliche Töpfe betreffen. Die Tabakindustrie oder die Alkoholindustrie wird zum Beispiel eben betonen, dass eine Reduktion der Alkoholmengen sich auf Arbeitsplätze niederschlägt, während wir von Seiten der Krankenkassen darauf hinweisen, wie hoch die mit dem Alkoholkonsum verbundenen Folgekosten auf den verschiedenen Ebenen – Gewalt, Unfälle, Krankheitskosten – sind. Jeder guckt halt auf seinen Bereich und letztendlich ist es extrem schwierig, wirklich abzuwägen, wo liegt der gesamtvolkswirtschaftliche Kostenfaktor, wenn man da alle Bereiche zusammenfassen würde."

    Der Gesundheitsökonom Lauterbach hingegen glaubt, dass man – wenn schon nicht gesamt-volkswirtschaftlich – zumindest für den Bereich des schädlichen Rauchens sehr wohl eine Kosten- Nutzenrechnung aufmachen kann:

    "Man berechnet, wie hoch der Prozentsatz der Fälle einer bestimmten Krankheit ist, die durch das Rauchen verursacht sind. Beispielsweise bei Herzinfarkten oder bei der Krankheit, die zum Herzinfarkt führt – koronale Herzkrankheit – wissen wir, dass ungefähr ein Fünftel dieser Fälle nie auftreten würde, wenn nicht geraucht würde. Raucherbein wäre zum Beispiel eine Krankheit, die sehr selten vorkäme, wenn wenig geraucht würde."

    Besondere Sorge bereiten den Gesundheitspolitikern die so genannten Alkopops, Mischgetränke aus Hochprozentigem und Limonade. Diese Drinks werden vor allem von Jugendlichen konsumiert. Elisabeth Pott von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:

    "Das besondere Problem bei Alkopops ist, dass Alkopops ein Getränkeangebot sind, das sich ganz besonders an junge Jugendliche richtet, und zwar deshalb, weil hier Geschmackskomponenten ganz besonders vorhanden sind, die den Geschmack jüngerer Jugendliche ansprechen, nämlich ein Geschmack von Süße und Frische, der den Alkoholgeschmack völlig überdeckt. Und genau dieses führt dazu, dass Jugendliche, die sonst noch gar keinen Alkohol trinken würden, zu Alkopops greifen. Wir hatten in Deutschland eine Entwicklung, die eigentlich zeigte, dass bei Jugendlichen der Alkoholkonsum eher rückläufig war, und mit Aufkommen der Alkopops hat deutlich das Alkoholtrinken zugenommen, insbesondere auch das Rauschtrinken zugenommen, also dass sehr viel mehr Jugendliche sich auch tatsächlich betrunken haben. "

    Aus Sicht der Jugendhelfer und Sozialarbeiter werden schon die jüngsten Konsumenten mit den Alkopops von der Spirituosenindustrie systematisch angefixt. Dabei spielten vor allem aggressive Vermarktungs- und Werbestrategien eine entscheidende Rolle, meint Hans-Jürgen Hallmann von der Koordinierungsstelle für Suchtvorbeugung in Mülheim an der Ruhr:

    "Die Werbung geht an das Lebensgefühl von Jugendlichen. Sie greift die jugendlichen Lebenswelten auf und wendet sich mit ganz gezielten Methoden an diese Altersgruppe, an diese Zielgruppe. Und hier finde ich es schon wichtig, dass die Werbung entsprechend eingeschränkt wird und dass gerade diese jugendspezifische Werbung nicht mehr sowohl im Internet als auch in Plakaten gebracht wird, weil Jugendliche damit eine ganz falsche Vorstellung vom Alkoholkonsum bekommen. Gleichzeitig wird nicht für das Produkt geworben, sondern für ein bestimmtes Lebensgefühl, und gerade das spricht junge Menschen an. Und hier, denke ich, ist eine Einschränkung notwendig."

    Der Bundesverband der deutschen Spirituosenindustrie sieht das naturgemäß anders. Schließlich haben die Alkopops ihre Marktwirkung in den vergangenen Jahren nicht verfehlt. Von 2001 bis 2004 hatte sich der Anteil von Jugendlichen, die alkoholische Mixgetränke konsumieren, fast verdoppelt. Anfang vergangenen Jahres setzte dann in der Öffentlichkeit eine breite Debatte über die schädliche Wirkung der Alkopops ein und der Umsatz ging zurück. Dies schmeckt den Spirituosenherstellern natürlich nicht. Außerdem gibt es seit dem 2. August 2004 eine Sondersteuer auf Alkopops.

    Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sieht in der Sondersteuer für Alkopops einen wichtigen Bestandteil einer gelungenen Suchtprävention. Auch der Gesundheitsökonom Lauterbach glaubt, dass man mit Steuern den Verbraucher tatsächlich steuern kann.

    "Die internationale Studienlage – auch von der Weltgesundheitsorganisation ausgewertet – ist diesbezüglich eindeutig: Erhöhung der Tabaksteuer ist eines der drei wichtigsten Instrumente zur Senkung des Tabakkonsums und insbesondere übrigens zur Vermeidung von Rauchen bei Kindern. Insbesondere Kinder, die die Zigaretten mit dem Taschengeld bezahlen müssen, die ja schon das Ziel der Tabakindustrie im Alter von zwölf bis 14 sind."

    Wolfgang Hainer vom Verband der Zigarettenindustrie hält hingegen wenig davon, Steuern als ordnungspolitische Instrument zu gebrauchen. Dadurch würde nur das Produkt teurer. Gesundheitspolitisch brächte die ganze Sache aber nichts. Das Konsumverhalten würde sich zwar schon ändern. Aber nur insofern , als dass Zigarettenraucher auf Selbstgedrehte oder auf billigere Schmuggelware umstiegen. Weniger rauchen würde deswegen aber keiner, meint Wolfgang Hainer:

    "Wenn es darum geht, Jugendliche vor dem Rauchen zu schützen oder dafür zu sorgen, dass sie nicht rauchen, wenn es darum geht, auf gewisse Bestandteile des Produktes warnend hinzuweisen, gibt es bessere Mittel als die Steuer"

    Dieser Meinung können sich auch Finanzwissenschaftler anschließen. So hat das IW in Halle errechnet, dass seit der Wiedervereinigung langfristig gesehen die Verbraucher die Steuererhöhungen immer mitgemacht und eben nicht weniger geraucht hätten. Allerdings hat es in den Jahren 2000 bis 2005 fünf Tabaksteuererhöhungen gegeben, soviel wie noch nie zuvor in einer vergleichbar kurzen Zeitspanne. Eine Studie des Instituts für Therapie und Gesundheitsforschung in Kiel kommt auf Grundlage von Befragungen zu folgendem Ergebnis:

    "11,5 Prozent der Befragten gaben an, die Menge ihres täglichen Konsum reduziert zu haben, elf Prozent stiegen auf eine günstigere Marke um, 10,7 Prozent berichteten vor der Erhöhung, das Rauchen einstellen zu wollen. Aber nur 4,7 Prozent gaben auch nach der Preiserhöhung an, tatsächlich das Rauchen eingestellt zu haben.
    Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat die finanzpolitische Seite der Steuererhöhung beleuchtet: Im ersten Halbjahr 2004 seien die Einnahmen aus der Tabaksteuer um 200 Millionen Euro gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum zurückgegangen. Die Hoffnungen des Bundes, langfristig gesehen mehrere Milliarden Euro mehr in das Staatssäckel zu bekommen, haben sich damit zumindest vorerst in Rauch aufgelöst. Das Geschäft mit der Sucht hat eben manchmal seine ganz eigenen Grenzen .