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Das Geschäft unterhalb der Gürtellinie

Vor gut 15 Jahren wurde Viagra in Deutschland zugelassen. Noch heute wird die Potenzpille über das Internet verkauft, oft zu Spottpreisen und meist alles andere als echt. Und mit dem Versprechen auf Manneskraft lässt sich gut Geld verdienen. Ab morgen können auch andere Pharmahersteller teilhaben an dem Geschäft.

Von Michael Braun | 21.06.2013

"27. März, ein Freitag, 1998. Die US-Arzneimittelbehörde wird unterhalb der Gürtellinie tätig."

So erinnerten die Kollegen des Bayerischen Rundfunks an den Tag, als Viagra in Deutschland zugelassen wurde.

"Blut strömt ein. Und der Mann, der Sildenafil eingenommen hat, bekommt eine ordentliche Erektion. Das vielleicht berühmteste Arzneimittel der Jahrtausendwende ist auf dem Markt: Viagra."

Vielleicht waren es sogar zwei Pillen, die das Sexualleben verändert haben: in den 1960er- Jahren die Anti-Baby-Pille. Die befreite das Liebesleben vieler von der Angst vor unerwünschten Folgen. Und dann Viagra. Das blaue Potenzmittel hat vor allem älteren Männern die Angst vor dem Versagen genommen. Sie hat das Thema "Sexualität im Alter" raus aus der Witzecke, weg von den Biertischen – wenn es gut ging – wieder ins gelebte Leben gebracht. Für den amerikanischen Pfizer-Konzern war Viagra überdies ein großer wirtschaftlicher Erfolg. Gewinne nennt er nicht. Aber Umsätze: Zwischen 1999 und 2012 waren es gut 24 Milliarden Dollar. Bisher wurden weltweit mehr als 1,8 Milliarden Viagra-Tabletten an mehr als 37 Millionen Männer ausgegeben. Gut eine Million davon waren Männer in Deutschland. Die einst blaue patentgeschützte Potenzpille ist jetzt weiß und trägt den Namen des Wirkstoffs, heißt also Sildenafil, aber kommt – obwohl ein generisches Präparat – von Pfizer. Pfizer will den Markt der Nachahmerpräparate nicht anderen überlassen:

"Wir sind die Einzigen, die so lange Erfahrung mit dem Präparat haben. Und das wollen wir auch Verbrauchern zur Verfügung stellen."

So Thomas Biegi, Sprecher von Pfizer Deutschland. 28 weitere Hersteller haben vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Zulassung erhalten, Viagra zu kopieren. Das sind ungewöhnlich viele. Die Preise werden sinken, vermutlich Druck auch auf noch patentgeschützte Konkurrenzpräparate ausüben, auf Levitra von Bayer etwa oder auf Cialis von Lily. 10,30 Euro hat eine patentgeschützte Viagra-Pille gekostet. 2,50 Euro, weniger als ein Viertel, verlangt Pfizer für das generische Original. Die verkauften Mengen werden hochkommen, die Umsätze schlaffer – so läuft es im Generikageschäft, weiß Pharmaanalyst Thomas Schiessle von Equi.TS:

"Der Markt für Generika, also nicht mehr patentgeschützte Arzneimittel, der wächst tatsächlich doppelt so schnell wie der Markt für die Originalpräparate, ist allerdings, eben weil diese Medikamente deutlich preisgünstiger sind, der kleinere Markt."

Manche sind gar ins Generikageschäft eingestiegen, weil sie - wie bei Viagra – im auslaufenden Patentschutz für Umsatzmilliardäre ein Geschäft witterten. Fresenius etwa, wie vor zwei Jahren Vorstand Ulf Schneider berichtete:

"Das ist eine unternehmerische Gelegenheit, die sich seit mehreren Jahren aufgetan hat, die aber auch über die nächsten zehn Jahre noch erhebliches Potenzial in sich trägt. Allein in den USA werden Produkte mit einem Umsatz von über 20 Milliarden Dollar über die nächsten zehn Jahre ihren Patentschutz verlieren."

Der Patentschutz für Viagra ist von diesem Samstag an Vergangenheit. Was bleibt, ist die Verschreibungspflicht. Frei und online angebotene Potenzpillen haben einen schlechten Ruf. Oft enthalten sie keinen, einen falschen oder schlecht dosierten Wirkstoff. "Im Extremfall sind sie lebensgefährlich", sagte Pfizer. Ist diese Warnung nur wirtschaftlichen Interessen geschuldet? Das Risiko, diesen Verdacht auszutesten, scheint zu groß.