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StartseiteWirtschaft am MittagGhanas Bauern leiden unter Geflügel-Importen14.11.2018

Das globale HuhnGhanas Bauern leiden unter Geflügel-Importen

Billiges Fleisch für afrikanische Märkte: In Ghana haben es Geflügelproduzenten schwer, mit Importen aus dem Ausland mitzuhalten. Bauern geben auf und suchen zum Teil den Weg nach Europa. Nun will die Regierung in Ghana das heimische Huhn stärken.

Von Alexander Göbel

Hühner in einem Geflügelschlachthof (dpa / picture alliance)
Geflügel aus europäischen Schlachthöfen setzt Farmer in Ghana unter Druck (dpa / picture alliance)

Geflügelfarmer Augustine Amankwaah steht mitten in seinem Stall, Hunderte  Hühner picken Futter aus großen Trögen. Amankwaah ist Geschäftsführer der AMAS Farm in der Nähe von Accra, eine der wenigen Geflügelfarmen in Ghana, die noch nicht aufgegeben hat. Augustine erzählt von einem ghanaischen Geflügelzüchter, der so verzweifelt war, dass er nach Libyen ging, von dort aus ein Schlepperboot bestieg - und im Mittelmeer ertrank. Das war vor zwei Jahren.

"Viele Kollegen gehen Pleite. Die Kosten sind zu hoch. Wer nicht genug Kapital hat, muss früher oder später einpacken. Viele wollen Ghana sogar verlassen. Andere Farmer finanzieren sich noch mit Geld aus der Familie, und wenn es da irgendwo hakt, sind die Reserven schnell aufgebraucht. Lange kann da niemand durchhalten."

Importiertes Geflügel zu Dumpingpreisen

Mit einem Marktanteil von nur noch fünf Prozent stehen viele Geflügelfarmer in Ghana vor dem Aus. Schuld seien vor allem die Importe zu Dumpingpreisen, beklagt Victor Oppong Adjei vom Nationalen Verband der Geflügelfarmer in Ghana.

"Das importierte Huhn kostet halb so viel wie das heimische. Wir sind nicht wettbewerbsfähig und deswegen ist es sehr schwer für uns, nach der Produktion unser Geflügel auch zu verkaufen. Unsere Industrie droht zusammenzubrechen, die Menschen insbesondere auf dem Land sind von Verarmung bedroht – und wir müssen endlich darüber reden."

Henry Anim-Somuah ist Professor für Agrobusiness an der "University of Ghana" und sagt, sein Land habe es versäumt, in die eigene Geflügelwirtschaft zu investieren, bevor der Markt durch ausländisches Geflügel überschwemmt wurde.

"Mit dem Import von Geflügel ging es hier in Ghana nach der großen Dürre von 1983 los. Erst waren es nur Hühnerbeine und -füße, dann erschienen bald die ersten verarbeiteten und tiefgefrorenen Produkte auf dem Markt. Das sind die Produkte, die man mittlerweile überall auf unseren Märkten findet und die alles andere fast verdrängt haben."

Mittlerweile ist die heimische Geflügelindustrie so schwach, dass Ghana gar nichts anderes übrigbleibt, als zu importieren, um den Bedarf zu decken. Pro Jahr kommen fast 300.000 Tonnen Hühnchenfleisch vor allem aus Brasilien, den USA und der Europäischen Union. Nach Angaben des ghanaischen Landwirtschaftsministeriums haben sich diese Importe seit 2015 mehr als verdoppelt. Allein 135.000 Tonnen Geflügel kamen 2017 von Konzernen aus der EU. Die Marktmacht der Importeure auf dem afrikanischen Kontinent hat starke Verbündete: Weltbank und Währungsfonds haben Ghana schon mal mit Kreditsperre gedroht, als das Land sich wehren und im Jahr 2003 seine Importzölle für Geflügelfleisch anheben wollte. Ghanas Regierung gab klein bei.

Ghana wirbt für das heimische Huhn

Es scheint fast zu spät, um noch gegenzusteuern. Aber Ghanas Geflügelbauern wollen kämpfen, weil sie glauben, dass es sich lohnt – schon allein wegen der Jobs, die entstehen könnten. Die Regierung will helfen: Investoren für Maschinen suchen, die Preise für Futtermittel stabilisieren, ein Qualitätslabel entwickeln – also für Ghanas Huhn werben: mit der landesweiten Kampagne "Eat Ghana Chicken".

Selbst wenn es Ghana gelingen sollte mit einer immensen finanziellen Kraftanstrengung seine Geflügelindustrie neu aufzustellen: Die Konkurrenz aus Europa und anderen Exportnationen wird das Geschäft weiter dominieren, gestützt von Agrarsubventionen, bereits etablierter Marktmacht und ausgeklügelter Massenproduktion. Ghana bleibt nichts anderes übrig, als herauszufinden, wie es sich an diese Bedingungen noch anpassen kann.   

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