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StartseiteForschung aktuellDas große Rätsel Asien07.08.2013

Das große Rätsel Asien

Trotz einer Fülle an Fossilien gibt der Kontinent weiter Fragen über die Frühzeit des Menschen auf

Die Funde menschlicher Skelette aus der Frühzeit in Asien stehen im Widerspruch zu gängigen Theorien der Paläoanthropologie. Das Rätsel um die Entwicklung des Homo erectus war Thema beim internationalen Anthropologen-Kongress in Manchester.

Von Michael Stang

Unterkiefers eines Steinzeitmenschen, der im Sommer 1991 in Dmanisi, Südgeorgien, gefunden wurde. (AP Archiv)
Unterkiefers eines Steinzeitmenschen, der im Sommer 1991 in Dmanisi, Südgeorgien, gefunden wurde. (AP Archiv)
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Noch vor 20 Jahren war Bild über die Frühzeit des Menschen einfach. Aus einer aufrecht gehenden Frühform des Menschen entwickelte sich die Gattung Homo. Aus Homo habilis wurde Homo erectus und daraus ging schließlich unsere Spezies Homo sapiens hervor. Doch im Laufe der vergangenen Jahre kamen immer mehr Fossilien zum Vorschein, die das Bild verkomplizierten und an alten Grundfesten rüttelten. Aktuell droht sogar eins der nahezu in Stein gemeißelten Dogmen einzustürzen, sagt der britische Anthropologe Robin Dennell von der Universität von Sheffield.

"”Eine der interessantesten Fragen derzeit ist: Hat sich Homo erectus in Afrika oder in Asien entwickelt? Bislang gingen alle davon aus, dass sich alle Menschenarten in Afrika entwickelt haben, aber spätestens seit den Funden im georgischen Dmanisi muss das nicht mehr stimmen. Wenn in Asien tatsächlich die Wiege von Homo erectus gestanden haben sollte, dann hat das gewaltige Auswirkungen auf die Menschheitsgeschichte.""

Dass die bis zu 1,9 Millionen Jahre alten Funde aus Georgien tatsächlich in unserer direkten Ahnenlinie stehen, ist zwar hochumstritten. Dennoch müssen auch die dort entdeckten Schädel irgendwie in den Stammbaum der Menschheit passen. Und der wird von Fund zu Fund undurchsichtiger. Noch weniger als die Schädel von Dmanisi passt eine andere Entdeckung in Asien in die bisherigen Theorien der Menschheitsgeschichte: eine bislang unbekannte Frühmenschenform aus dem sibirischen Denisova. Das Besondere hierbei: Niemand weiß, wie die Menschen aus Denisova vor rund 50.000 Jahren ausgesehen haben, denn es existieren lediglich Fingerknochen und Zähne von ihnen. Aber: Paläogenetiker konnten ihr Erbgut rekonstruieren. Und beim Vergleich der Genome von Denisova, Homo sapiens und Neandertaler kamen erneut "unpassende" Ergebnisse zutage, sagt US-Anthropologe John Hawks von der Universität von Wisconsin in Madison.

"”Wenn wir das Denisova-Erbgut mit dem Neandertalergenom vergleichen, sehen wir viele Unterschiede. Aber: Ihren Ursprung haben sie beide in Asien. Zwar gelten Neandertaler als die Europäer schlechthin, denn dort gibt es die meisten Knochenfunde. Aber die Genetik sagt, dass sich die Neandertaler in Asien entwickelt und dann Europa besiedelt haben, vielleicht sogar mehrfach.""

Damit ist klar, dass der afrikanische Homo sapiens bei seiner Ankunft in Asien nicht alle dort lebenden Vertreter vertrieben haben kann. Robin Dennel nimmt diese ganzen Widersprüche gelassen zur Kenntnis.

"Yes, it’s more complex in the moment than we can understand, that’s why it is so fascinating."

In der Tat sei das momentan zu kompliziert, um es verstehen zu können, aber das mache es ja so faszinierend, so Dennel. Aber er sei optimistisch, denn eine Hoffnung haben alle Paläoanthropologen gemeinsam, egal wie unterschiedlich ihre Thesen auch sind.

"”Das wird schon. Mit mehr Fossilien und besseren Datierungen werden wir das schon lösen, aber gerade ist die Lage wirklich verworren.""

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