Archiv


Das Haus steht nicht, es dreht sich

Null-Energiehäuser, die so viel Energie herstellen wie sie verbrauchen, gibt es bereits. Vor einiger Zeit ist in einer österreichischen Gemeinde in der Steiermark ein Plus-Energiehaus zum Praxistest angetreten. Das heißt folgerichtig: Dieses Gebäude stellt mehr Energie her, als die Bewohner für Heizen, Kochen und Beleuchtung brauchen. Das sogenannte Gemini-Haus besteht ganz aus Holz und Glas, erinnert an eine Tonne und arbeitet mit vier verschiedenen Photovoltaik-Techniken. Damit nicht genug, hat der Architekt das runde Haus auf Rollen gestellt: tagsüber dreht es sich mit dem Lichteinfall wie eine Sonnenblume. Zur Zeit beherbergt die Energietonne zwei Testwohner, die herausfinden sollen, wie sich die ständige Dreherei auf das Gemüt auswirkt.

Von Gudrun Sailer |
    Je nachdem, zu welcher Stunde man bei Tanja Eisner und Martin Wiesenhofer klingelt, befindet sich die Haustür an einer anderen Stelle. Das Gemini-Haus, das seit mehreren Monaten im Schlosspark der steirischen Gemeinde Weiz steht, steht da eigentlich nicht: vielmehr dreht es sich.

    Das Haus steht in der Früh Richtung Osten, man steht mit der Sonne auf, am Abend hat man auch das Licht herinnen, da das Haus dann Richtung Westen steht.

    Jede Stunde gehen im Keller die Motoren an, die das runde Holzhaus auf Rollen um wenige Zentimeter voranbewegen, immer der Sonne nach, die durch ein großes Fenster über beide Geschosse ins Innere scheint. Nachts macht sich das Haus auf den Rückweg.

    Die Planer wollten hier kein exzentrisches Wohnbedürfnis befriedigen, sondern neue ökologische Maßstäbe setzen. Mit vier verschiedenen Photovoltaik-Techniken gewinnt das Gemini-Haus Sonnenenergie, doch nur in Kombination mit dem Dreh gelangt es zu seiner positiven Energiebilanz, so Architekt Erwin Kaltenegger:

    Prinzipiell ist es so, dass das Haus allein durch seine Fensterflächen geheizt werden kann. Wir haben auf 40 qm Fensterfläche, und da sich das Haus mit der Sonne dreht, haben wir immer einen optimalen Energieeintrag. Diese Fläche reicht an sonnigen Tagen schon aus, um das Haus mit Energie zu versorgen.

    Ist die Wärme erst einmal im Haus, soll sie da auch bleiben. So hat die Energie-Tonne im Norden nur kleine Fenster - und sie ist thermisch verriegelt.

    Hier außen ist eine Plexiglasfassade. Das ist wie ein Wellblech, aber es ist aus Polycarbonat, ein Stoff, der den UV-Strahlen Widerstand leistet, nicht ganz transparent sondern ein bisschen perlmutterähnlich. Unter der transparenten Schicht ist eine ca. 7 cm starke Kartonwabe, das muss man sich vorstellen wie wenn man diese Transportkartons übereinander legt und schneidet, und diese Wabe hat die Eigenschaft, dass sie den technischen K-Wert gegen null gehen lässt, d.h. es kommt keine Wärme mehr von innen nach außen.

    Das bewohnbare Kraftwerk ist eine Leistungsshow der Photovoltaik-Industrie. Völlig neu ist das, was der Architekt als "Sonnenvorhang" bezeichnet. Es handelt sich dabei um - in allen Regenbogenfarben schillernde - Glaslamellen vor dem Fenster. Das ist Photovoltaik auf dem neuesten Stand:

    Hier haben wir Hologrammfolien vor die Photovoltaik-Elemente gesetzt, die haben die Eigenschaften, dass sie die Sonnenstrahlen umlenken, aber das normale, das diffuse Licht durchlassen. d.h. diese beiden Hologrammfolien links und rechts lenken die Sonnenstrahlen noch zusätzlich auf die Photovoltaik und dadurch wird der Wirkungsgrad erhöht, und ich kann aber von innen nach außen gut hinaussehen.

    Der Solarvorhang bringt es bei maximaler Sonneneinstrahlung auf eine Leistung von vier Kilowatt. Zusätzlich trägt die Energie-Tonne auf dem Dach eine Art Geweih mit Photovoltaik-Zellen üblicher Bauart. Diese Anlage ist mit einer Ausbeute von 2,7 Kilowatt nicht ganz so ergiebig, aber, weil auch sie sich dreht, immer noch um 55 Prozent ergiebiger als starr montierte Photovoltaik.

    Hell und freundlich wirkt das High-Tech-Haus im Inneren. Das Tester-Pärchen fühlt sich wohl. Wenn den beiden warm wird, drehen sie das Haus per Computer in den Schatten, und im Winter können sie sich mit zusätzlichen Dämmelementen vor dem Fenster vor Wärmeverlust schützen. Auch von der Dreherei wird den beiden nicht schwindelig:

    Irgendwann sollte ein Radiologe kommen, um auszumessen, ob die Elemente der PV irgendwelchen Einfluss auf uns hat, und wir werden auch befragt, wie wir uns wohlfühlen, ob es ein witziges Gefühl ist, wenn die Dämmelemente am Tag zugehen, wenn’s draußen kalt ist, ob man sich eingesperrt fühlt oder so.

    Die Baukosten für das Musterhaus lagen bei stolzen 920.000 Euro und sollen bei Serienproduktion auf 400.000 Euro sinken. Immer noch ziemlich viel – aber langfristig bezahlt sich das Drehhaus selbst, weil es Energie ins Netz einspeist.