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StartseiteSport am WochenendeDas Heil aus der Zentrifuge28.01.2012

Das Heil aus der Zentrifuge

Amerikanische Spitzensportler pilgern reihenweise zu einem deutschen Arzt - warum?

Eine Arthritis-Behandlung, die in den USA nicht zugelassen ist, soll wahre Wunder wirken. Weshalb immer mehr amerikanische Spitzensportler nach Düsseldorf pilgern. Rund um die Methode sind jedoch Fragen aufgetaucht.

Von Jürgen Kalwa

Der Basketballsuperstar der Los Angeles Lakers, Kobe Bryant, ist auch ein Patient von Dr. Wehling. (AP)
Der Basketballsuperstar der Los Angeles Lakers, Kobe Bryant, ist auch ein Patient von Dr. Wehling. (AP)

Die Schuhfirma, die den Basketballer Kobe Bryant vermarktet, hat ihm neulich ein Werbevideo spendiert, das auf eine nicht ganz ernste Weise seinen besonderen Status unterstreicht.

"Kobe Bryant: "You’re at the top of your game. You got prestigious awards. You are a Chinese mega star.”"

Die Message: Wenn der NBA-Profi von den Los Angeles Lakers das Wort ergreift, hören andere zu. der Rapper. Unternehmer. Tennisspieler.

"Kobe Bryant: "Any questions?”
Erste Stimme: "What if you’re really successful?”
Zweite Stimme: "He makes a good point.”
Kobe Bryant: "Your welcome”"

Sein Wort gilt etwas. Sogar, wenn es um hochkomplexe medizinische Themen geht. So nahm neulich der Baseballprofi Alex Rodriguez einen Tipp von Bryant an. Der schwört nämlich auf einen Orthopäden in Deutschland. Dr. Peter Wehling in Düsseldorf. So etwas wie der Spezialist in Sachen Schmerzbehandlung. Sein "claim to fame”, wie man in Amerika sagt, beruht auf einer Behandlungsmethode, bei der Patienten mit Beschwerden in den Knien, Hüften und in der Wirbelsäule Blut entnommen wird. Das wird "durch eine spezielle Technik” bearbeitet und anschließend in die betroffenen Körperteile injiziert.

Bei den New York Yankees war man gar nicht begeistert über die Absicht ihres teuersten Spielers, nach Deutschland zu fliegen, um dort sein Knie behandeln zu lassen. Man ließ sich unter anderem von Wehling schriftlich bestätigen, dass er keine Substanzen einsetzt, die auf der Doping-Liste der Welt-Anti-Dopingagentur WADA stehen. Rodriguez ist nämlich ein notorischer Fall. So hatte der Baseballprofi einst frechweg in die Kamera der Fernsehsendung "60 Minutes” gelogen und die Einnahme verbotener Mittel bestritten – kurz bevor er ertappt wurde. Dann tauchte er in der Patientenkartei des kanadischen Arztes Dr. Anthony Galea auf. Der wurde im letzten Jahr von einem amerikanischen Gericht verurteilt, weil er verbotenerweise in den USA Spitzensportler behandelt und dabei nicht-erlaubte Mittel wie etwa Wachstumshormone eingesetzt hatte.

Nach der Rückkehr von Rodriguez aus Düsseldorf bekamen amerikanische Medien Wind und fassten nach. Denn Wehlings Methode darf in den USA nicht praktiziert werden. Zudem stellte sich heraus, dass der Düsseldorfer Mediziner bestens mit einem Arzt namens Dr. Chris Renna bekannt ist. Die beiden haben zusammen ein Buch geschrieben. Auf Rennas Webseite kann man sich zu Videos durchklicken, in denen der deutsche Arzt – auf Englisch – den Wirkungsmechanismus und den Ablauf seiner Eigenblutbehandlung erklärt.

""Der interessanteste Patient war Papst Johannes Paul II. Das war eine Ehre, die man nur einmal im Leben hat.”"

Die enge Beziehung zwischen Renna und Wehling müsste eigentlich Misstrauen erwecken, sagt Patrick Hruby, Journalist in Washington, der in der Vergangenheit über den amerikanischen Doktor und seine Verbindungen zu den Schönen und Einflussreichen von Hollywood und ihre Vorliebe für Anabolika und Wachstumshormone geschrieben hat.

""Das sollte man sich genauer anschauen, weil Renna mit Victor Conte und BALCO in Verbindung gebracht wurde. Conte hat behauptet, dass ihn Renna mit "The Cream” versorgt hat. Das wurde von der New York Daily News mit Hinweis auf einen Fahnder der Ermittlungsbehörden bestätigt, die am BALCO-Fall gearbeitet haben.”"

BALCO – das war Amerikas größter Doping-Skandal, der zum ersten Mal einen Sportler ins Gefängnis brachte. Und "The Cream” – das war die ominöse Testosteron-Creme, die jahrelang bei keinem Dopingtest auffiel.

Solchen Informationen sollte man aber vielleicht noch aus einem anderen Grund Aufmerksamkeit schenken. Eine Langzeituntersuchung am Medizinischen Zentrum der Universität Utrecht stellte vor ein paar Jahren folgendes fest: Die Resultate der von Wehling unter dem Markennamen "Orthokin” geführten Behandlung seien im Vergleich mit der Gabe von Placebo statistisch nicht signifikant. Die Schlussfolgerung: "Die Verwendung von Orthokin kann zur Zeit noch nicht für die Behandlung von Osteoarthritis empfohlen werden.”

Eine weitere Studie, veröffentlicht in der medizinischen Zeitschrift "Arthritis Research and Therapy”, kommt zu einem kaum besseren Resultat. Ihr Fazit: Die Methode sei "geringfügig bis mäßig effektiv”.

Diese Feststellung steht im Widerspruch zu Aussagen von Dr. Wehling, der in einem seiner Videos betont, dass Blindstudien durchaus belegen, wie wirkungsvoll seine Behandlungsmethode ist. In einem Interview mit einer amerikanischen Zeitschrift ging er so weit und erklärte: "Ich bin der einzige, der ein Heilverfahren für Arthritis gefunden hat”. Dem Millionenpublikum des amerikanischen Fernsehsenders ABC sagte er im letzten Jahr:

""There is a good responder rate of around 80 per cent.”"

Bei 80 Prozent seiner Patienten spräche die Behandlung gut an, so Dr. Wehling.

Solche Auftritte bilden die Grundlage für eine geschickte Vermarktungsstrategie. Kein Wunder, dass Dr. Wehling, der in Deutschland einen Professorentitel trägt, den ihm die Universität North Carolina verliehen hat, schon Ende der neunziger Jahre sein Verfahren markenrechtlich schützen ließ. Und dass er auf Interviewanfragen erklärt, er sei viel beschäftigt. Melden Sie sich in zwei Monaten noch einmal, empfahl man dem Deutschlandfunk in seiner Praxis.

So bleiben Fragen unbeantwortet, die aufkamen, als ein weiterer US-Sportler und Wehling-Patient, der Golfprofi Fred Couples, im August in einer Pressekonferenz freimütig durchblicken ließ, dass bei dem Verfahren offensichtlich eine Substanz eingesetzt wird, die ihn in Schwierigkeiten bringen könnte:

""Da war eine Sache auf der Liste, keine Anabolika und keine Wachstumshormone, die, wenn ich nächstes Jahr getestet werde, trotzdem in Ordnung gehen sollte. Denn ich hatte das offizielle Okay.”"

Es ist nicht klar, um welche Substanz es sich handelt. Ein Sprecher der PGA-Tour, auf der Couples spielt, erklärte dem Deutschlandfunk, dass man zu persönlichen medizinischen Dingen keine Auskunft gebe.

Rückendeckung kam in dieser Woche übrigens von einer Institution, die den Sport überwacht. Der deutschen Anti-Doping-Agentur NADA in Bonn. "Die unter der Bezeichnung ORTHOKIN® eingesetzte Zubereitung ist mit dem Dopingreglement der WADA vereinbar”, teilte eine Sprecherin mit.

Etwaige Bedenken wären demnach grundlos. Travis Tygart, der Geschäftsführer der amerikanischen Anti-Dopingagentur, sagte in dieser Woche dem Deutschlandfunk: Man habe eigentlich nur eine Warnung für Athleten. Auch der kanadische Arzt Dr. Galea habe Sportler mit Eigenblut behandelt – mit einer Methode, die PRP genannt wird. Doch der habe in einigen Fällen Wachstumshormone eingesetzt. Ein klarer Verstoß.

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