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"Das ist eine Grauzone"

Internet.- Das Thema Verschlüsselung wird für Internetnutzer immer wichtiger. Doch nicht nur mehr Sicherheit im Netz kann durch die VPN-Technologie ermöglicht werden: auch für Europa eigentlich nicht freigegebene Multimedia-Inhalte lassen sich damit aufrufen.

Wissenschaftsjournalist Maximilian Schönherr im Gespräch mit Manfred Kloiber |
    Manfred Kloiber: Maximilian Schönherr über anonymes Surfen. Herr Schönherr, gerade wenn man sich solche Angebote wie das des tschechischen Unternehmens anguckt, dann stellt man doch fest: Verschlüsselung hat eine immer stärkere internationale Bedeutung, oder?

    Maximilian Schönherr: Ja, das hat eine, das hat eine immer stärkere internationale Bedeutung. Wenn man sich mal anguckt, was in den 1990er-Jahren passiert ist, als man sich um Kopf und Kragen mailen konnte, wenn man zum Beispiel eine pgp-verschlüsselte Nachricht an einen französischen Empfänger schickte. Da hat man einen Vorgeschmack gehabt, was heute an Informationen verschlüsselt werden muss. Um in Thomas Tschersichs Bild zu bleiben: Dieses wunderbare Netz von Flüssen und Bächen und Meeren Internet ist inzwischen voll mit lauter sicheren Rohren.

    Kloiber: Welche Rolle spielt eigentlich die Anonymisierung in freiheitlichen westlichen Demokratien?

    Schönherr: Man denkt ja, wir können hier in alle Server hinein surfen. Das heißt, es kommt einem anachronistisch vor, wenn ich zum Beispiel zu Pandora gehe. Das ist ein Projekt, was sich Musik-Genom-Projekt nennt, wo Musik nach bestimmten Algorithmen ausgesucht wird. Und wenn ich auf diese Seite gehe, um mir Musik anzuhören, dann höre ich nichts, denn dann kommt die Meldung, Sie kommen leider aus Europa und können uns nicht hören. Aber das hier ist jetzt doch Pandora hier. Wir hören "Blind" Lemon Jefferson hier. Und das liegt daran, dass ich mit einem Proxy-Server hier unterwegs bin. Das heißt, ich muss dem amerikanischen Server vorgaukeln, als käme ich aus Amerika. Und ein anderes Beispiel, sehr beliebt hier, ist der BBC iPlayer. Das heißt, ich will gerne die "Eastenders" zum Beispiel, eine Serie, die schon seit langem im englischen Fernsehen läuft, mir angucken, um dann mit meinen darüber zu debattieren. Ich kann diese Seite nicht ansurfen und nutze deswegen eine VPN-Lösung, das heißt, ich gehe verschlüsselt über zum Beispiel einen tschechischen oder rumänischen Server auf einen englischen Server und kann dann doch den iPlayer von der BBC ansteuern.

    Kloiber: Aber wenn man ehrlich ist, umgeht man damit natürlich auch Schutzmechanismen, die dafür da sind, urheberrechtlich geschützte Werke zumindest regional abzugrenzen.

    Schönherr: Ganz genau. Das ist eine Grauzone, ähnlich wie die Tauschbörsen auch. Aber es wirkt wirklich anachronistisch im Internet, was ja sozusagen das ist, was sich international freiheitlich vernetzt, dass man solche Beschränkungen hat. Und Pandora und die BBC sind auch nicht glücklich über diese Regelungen. Also mir zu sagen als deutschem Server, deine IP-Adresse ist schlecht, du zahlst bei uns keine Fernsehgebühren, also lasse ich dich nicht die "Eastenders" sehen – das ist eine Sache, die wird nur vorübergehend so sein, dass wir uns heute VPN-Module kaufen müssen, also lizenzieren müssen.

    Kloiber: Aber wenn ich Sie dann recht verstanden habe, dann wählen Sie einen VPN-Dienst, je nachdem, was sie gerade sehen oder hören wollen.

    Schönherr: Ja, und zwar einen Server in dem Land, von wo das Programm kommt.