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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDas Jahr vor dem Ersten Weltkrieg17.12.2012

Das Jahr vor dem Ersten Weltkrieg

KURSIV Leseempfehlung: "1913. Der Sommer des Jahrhunderts" S. Fischer Verlag

Helge Malchow, Verleger bei Kiepenheuer und Witsch, ist begeistert von Florian Illies Buch "1913. Der Sommer des Jahrhunderts". Der Ansatz sei interessant, da Illies Monat für Monat erzähle, was in diesem Jahr Wichtiges und scheinbar Unwichtiges stattgefunden habe.

Von Melanie Longerich

Der deutsche Journalist und Autor Florian Illies (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Der deutsche Journalist und Autor Florian Illies (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

"Der Herr Leander Hausmann hat mich angerufen und ist jetzt an dem Punkt, wo er fertig ist. - Oh. - Ja, und es ist jetzt für ihn, was diesen ersten Arbeitsschritt betrifft erst mal zu Ende, sodass wir jetzt loslegen können."

Morgens zehn Uhr bei Kiepenheuer & Witsch. Helge Malchow und Kollegin Stephanie Kratz blicken in ihre Terminkalender. Die neue Biografie von Theaterregisseur Leander Hausmann muss noch mit ins Frühjahrsprogramm:

"Hat er schon geschickt? - Nein, ich hab ihn angerufen und gesagt, er soll jetzt bitte schicken. Das hat er jetzt wieder in fünf verschiedenen Dateien. - Ich ahne es. - Chaotenmäßig vorliegen."

Biografien: in diesem Jahr ein Schwerpunkt beim Kölner Verlag. Eher zufällig, sagt der 62-jährige hochgewachsene Verleger. Sie seien halt alle gleichzeitig fertig geworden.

"Ja gut, dann mach ich mich wieder auf den Weg zu meinem Schreibtisch. Dann weiß ich ja, was ich zu lesen habe."

Das Vermächtnis des verstorbenen Theatermanns Christoph Schlingensief, die Autobiografien der Musiker Pete Townshend und Neil Young und jetzt Leander Hausmann. Für Helge Malchow sind Biografien immer politische Sachbücher. Weil sie Zeitgeschichte spiegeln. Der Kiwi setzt auf Bücher, die zeitlos sind. Im Bereich "politisches Sachbuch" eine Herausforderung:

"Äh es ist ´ne Unart, die sich da entwickelt hat, dass praktisch zu jedem politischen Thema, quasi dauerhaft in dem Moment, wo dieses Thema in den Medien auftaucht, irgendein Journalist ein Exposé an Verlage schickt und sagt, zu diesem Thema bin ich bereit, in den nächsten sechs Wochen ein Buch von 200 Seiten zu schreiben, und das können sie dann in den nächsten drei Monaten veröffentlichen."

Schnellschüsse, die sich nur eine kurze Zeit verkaufen und dann schon wieder überholt sind: In diesem Jahr waren das Bücher zur Arabellion, der Neuen Rechten und der Energiewende. Die Themen drängten sich einem Verleger nun Mal auf, wenn er abends die Nachrichten sieht, sagt Helge Malchow:

"Und wenn man dann sagt, das Thema ist wichtig genug, um es weiter zu vertiefen, um daraus in einem Buch noch neue Funken zu schlagen, dann braucht man mehr Abstand, dann braucht man Autoren, die sich wirklich als Spezialisten erwiesen haben und dann braucht man vor allen Dingen auch mehr Zeit. Sodass man in einem Jahr nicht in der Wüste steht, weil die Themenkarawane längst weitergezogen ist."

Auch die Piratenpartei ist so ein Thema. Und sie wird im Frühjahrsprogramm der Kölner eine Rolle spielen, obwohl zum Phänomen der Mitmachpartei doch alles gesagt zu sein scheint. Kiepenheuer und Witsch schickte für mehrere Monate die "taz"-Journalistin Astrid Geisler zu den Piraten. Undercover:

"Etwas nach der Methode Günter Wallraff. Etwas. Das ist so ein bisschen unsere Tradition. Enthüllungsliteratur."

Seine Tradition zieht der Verlag aus den 1970er-Jahren, aus dem linksliberalen Spektrum. Heinrich Böll wurde hier mit seinen Büchern groß. Günther Wallraff. Alice Schwarzer. Natürlich fließt beim Verlagsprogramm stets auch die eigene politische Sozialisation ein, erzählt Helge Malchow, selbst Kind der 68er, wie er sagt. Er studierte Sozialwissenschaften und Politik, arbeitete erst als Lehrer. Mit 31 Jahren stieg er dann ins Verlagsgeschäft ein: als Praktikant bei KiWi. Wenn man wie er dauernd liest, Bücher beurteilt, schaut, wie sieht es aus mit Aufwand und Ertrag, braucht es schon einen ungewöhnlichen Dreh, um ihn zu begeistern. Solch ein Buch ist in diesem Jahr das von Florian Illies: "1913. Der Sommer des Jahrhunderts", so der Titel.

"Das finde ich ist der interessante Ansatz, den der Florian Illies gewählt hat, indem er einfach Monat für Monat erzählt, was für komische oder interessante oder spektakuläre Ereignisse, wichtige und scheinbar Unwichtige, im Jahr 1913 stattgefunden haben."

Helge Malchow schiebt sich die Brille auf die Nasenspitze, streicht mit der flachen Hand über das himmelblaue Buchcover:

"Und im Hintergrund natürlich getragen ist von der Frage, wie lässt sich eigentlich gesellschaftlich und kulturpolitisch erkennen, wenn sich dramatische gesellschaftliche Krisen aufbauen und vorbereiten."

Florian Illies – bekannt geworden als Autor von Generation Golf - erzählt das Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges aus der Perspektive damaliger Akteure, an Kleinigkeiten: Rainer Maria Rilke etwa hielt sich in dem Jahr in Heiligendamm auf und hatte Damenbesuch, Gottfried Benn bekam eine Pferdepostkarte von Franz Marc - und Stalin wurde in Frauenkleidern erwischt, viele Dinge, die Helge Malchow so nicht gewusst hat:

"Eine Sache, die ich mir angestrichen habe, war eine Art Prophezeiung, die man damals, mal gucken, ob ich die finde, die da im Jahre 1913, gemacht hat und zwar ging es tatsächlich um die Frage, wie gefährlich ist eigentlich die Kriegsgefahr in Europa und können wir damit rechnen, dass in der nächsten Zeit ein großer Krieg ausbricht."

Helge Malchow schiebt die Brille die Nase hoch. Sucht das Kapitel vom Juni. Ein Eselsohr leitet ihn, die Stelle ist dick mit Kugelschreiber eingekreist:

"Bücher sind ja für mich Arbeitsmaterialien. Ich hab kein metaphysisches Verhältnis zu Büchern. Bücher sind für mich keine sakralen Gegenstände, sondern Lebensmittel. Und mit Lebensmitteln muss man, die isst man auf und dann sind sie weg. Und mit Büchern arbeitet man, will schlauer werden, will sich informieren, will sich bilden."

Er hat sie gefunden. Die Stelle im Juni über den britischen Schriftsteller Norman Angell. Angells Buch "The Great Illusion – Die falsche Rechnung – war drei Jahre zuvor, 1910, zum Weltbestseller geworden. Seine Kernthese: Ein Krieg sei schon aus wirtschaftlichen Interessen unmöglich. 1913 war das Buch immer noch höchst beliebt bei den Intellektuellen in Berlin, München und Wien und ging in die vierte Auflage: Es war Balsam für deren Gemüt und half die irritierenden Störgeräusche zu übertönen, die vom Balkan her gen Norden drangen:

"Angell sagt, dass neben den wirtschaftlichen Netzwerken auch die internationalen Verbindungen in der Kommunikation – Achtung: Internet – und vor allem in der Finanzwelt, einen Krieg sinnlos machen. Er argumentiert so: Selbst wenn sich das deutsche Militär an England messen wolle, gäbe es keine bedeutsame Einrichtung in Deutschland, die nicht schweren Schaden leiden werde. Deshalb werde der Krieg verhindert, weil der Einfluss der gesamten deutschen Finanzwelt gegenüber der deutschen Regierung zum Tragen kommen würde, um eine für den deutschen Handel ruinöse Situation zu beenden. Angells These überzeugte die Intellektuellen in der ganzen Welt."

Der Verleger blickt auf:

"Und das geschrieben 1913 und ein Jahr später ging das Pulverfass hoch."

Heute, mitten in der Finanzkrise und Energiewende sei die Situation doch ähnlich, überlegt Malchow und blickt über den Rand seiner Brille raus zum Dom. Da könne auch ganz plötzlich nichts mehr so sein wie zuvor. Ob das nicht auch für das Verlagswesen gilt, in Zeiten des Internets? Also wenn jeder, der will, sein Buchmanuskript ins Netz stellen kann, ohne dafür einen Verlag zu brauchen. Und das man dann auf der ganzen Welt lesen kann? Helge Malchow wiegt entspannt den Kopf:

"Beim Seinlassen wird es interessant, wenn Hunderttausende und Abertausende und Millionen von Menschen irgendwelche Statements posten im Netz. Dann wird ja die Frage nach der Sortierung und nach den Filtern noch viel wichtiger als es früher der Fall war. Also all die Funktionen, die ein Verlag früher hatte, nämlich zu scouten, zu suchen, nämlich wo gibt es Stimmen, die interessant sind. Die zu trennen von den Stimmen, die nicht interessant sind, wenn man das als Verlag definiert, wird umso wichtiger werden, je mehr Menschen an irgendeiner Stelle irgendetwas artikulieren können."

Florian Illies: "1913. Der Sommer des Jahrhunderts"
S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-100-36801-0

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