Donnerstag, 01. Dezember 2022

Archiv

Das Kulturfestival von Tunis
Erinnerungen an den arabischen Frühling zur Eröffnung

7.500 vor allem junge Zuschauer kamen am Eröffnungsabend des 50. Festivals von Carthage in das antike römische Amphitheater von Tunis. Ein ermutigendes Zeichen für Festival-Direktorin Sonia Mbarek, die auf die Rolle der Kultur bei einer Transformation der Gesellschaft setzt.

Von Claus Josten | 15.07.2014

    Der tunesische Musiker Anouar Brahem beim 50. Festival de Carthage am 10 July 2014.
    Der tunesische Musiker Anouar Brahem beim 50. Festival de Carthage (Mohamed Messara / epa)
    Gegründet wurde das Festival 1964 unter dem ersten Präsidenten des freien Tunesiens, Habib Bourgiba. Sein Kulturminister Chadli Klibi fühlte sich der Idee des französischen Kulturministers und Schriftstellers André Malraux' verpflichtet: "Kultur für alle". Entsprechend populär war auch das Festival von Carthage ausgerichtet. Zu populistisch sogar, seit unter Diktator Ben Ali immer mehr auf arabische und westliche Popstars gesetzt wurde, statt auf künstlerische Qualität. Brot und Spiele...
    Drei Jahre nach dem arabischen Frühling wird in Tunesien immer mehr auch eine Art "Kultur-Revolution" diskutiert. Sofiane El-Fani, der herausragende Kameramann des Landes und des Filmes "Blau ist eine warme Farbe", Gewinner der Goldenen Palme in Venedig. Er ist wie dessen Regisseur Abdellatif Kechiche Tunesier und lebt auch in Tunesien:
    "Alle haben hier das Gefühl, am Ende manipuliert worden zu sein. So, wie es schon der Fürst in Lucino Viscontis Film 'Der Leopard' sagt: 'Verändere alles, wenn du willst, dass alles so bleibt, wie es war.'"
    Festival-Direktorin Sonia Mbarek setzt auf die Rolle der Kultur bei einer - vielleicht schmerzhaften - Transformation der Gesellschaft:
    "Die Mentalität muss sich ändern, in der Politik, in der Kunst, im Alltag. Das ist eine Anstrengung von Jahren, vielleicht von zehn Jahren. Wir müssen eine ganze Generation dafür opfern."
    Vor diesem Hintergrund kann man die Bedeutung des Eröffnungsabends von Carthage gar nicht hoch genug schätzen. Und den großen Luth-Spieler, den Mann an der Oud, dem "Holz", wie das bauchige Saiteninstrument so schlicht auf Arabisch heißt. "Pan-mediterraner poetischer World-Jazz." So oder ähnlich lauten seit 25 Jahren die Oden an den Tunesier Anouar Brahem in Europa. Diesmal hatte er ein Quattuor aus Bass, Flügel und Klarinette auch noch mit dem Kammer-Orchester Talinn arrangiert – ein großes, internationales Ensemble.
    Hoffnung auf mehr finanzielle Unabhängigkeit
    7.500 vor allem junge Zuschauer waren in das antike römische Amphitheater unter dem fast runden Mond gekommen. Eine - trotz allem – ziemlich hoffnungsvolle Generation. Selbst der Musiker war überrascht, wie andächtig sein Publikum bis zur letzten Minute zuhörte – ehe zum Schluss große Begeisterung ausbrach. Mit einem ganz kurzen Video und einer einzigen Audio-Einspielung erinnerte Anouar Brahem in der 70-minütigen Komposition am Ende subtil an zwei Momente des sogenannten "Frühlings" von 2011.
    Es war die Welt-Uraufführung von "Souvenance", einem sehr persönlichen Werk, das aus Anouar Brahems kontinuierlicher Beobachtung Tunesiens seit der sogenannten Revolution entstand. Es wurde kürzlich in Lugano als Album aufgenommen, im Dezember soll es erstmals international in München aufgeführt werden.
    Mit Anouar Brahems früherer Studienkollegin am Konservatorium, der Sängerin Sonia Mbarek, leitet zum ersten Mal eine Frau das Festival. Sie weiß genau, dass ihre Rolle als Frau auch instrumentalisiert werden mag; in diesem Sommer muss sie einen Balanceakt bestehen.
    "Der Staat ist der Architekt, 99 Prozent des Budgets sind staatlich finanziert. Mäzenatentum und Sponsoring gibt es kaum. Ich hoffe, dass das Festival sich in Zukunft finanziell selbstständiger und unabhängiger verwalten lässt. Dass das Festival von Carthage über das Jahr hinweg und nicht erst zwei Monate vorher beginnt zu existieren. "